«Es war wie eine moderne Dystopie»

Kreditkarten funktionierten nicht, Chaos brach in Spitälern aus, Notfallnummern waren nicht erreichbar: Was passiert, wenn es in einem Hightechland zu einer IT-Panne kommt.

Feuerwehrmänner versuchen, das Feuer zu löschen: Seoul.

Feuerwehrmänner versuchen, das Feuer zu löschen: Seoul. Bild: Yonhap/Keystone

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Südkorea gilt als eines der digitalsten Länder der Welt. Was passiert, wenn das Internet dort ausfällt, zeigte sich am Wochenende. In einem Kabeltunnel im Zentrum der Hauptstadt Seoul brach ein Feuer aus und führte zu massiven Ausfällen beim Telecomkonzern KT. 210’000 Haushalte waren betroffen. Der Internet-Blackout hatte weitreichende Konsequenzen.

In Läden und Restaurants, deren Bezahlsysteme über das KT-Netzwerk laufen, fielen die Kreditkartengeräte aus. Kunden mussten mit Bargeld zahlen. In vielen Geschäften lief keine Musik mehr, weil Musikstreamingdienste unterbrochen wurden, viele Überwachungs- und Sicherheitssysteme funktionierten nicht mehr. «Es war wie eine moderne Dystopie», sagte die Studentin Lee Ah-in der «Korea Times».

Pager im Spital funktionierten nicht

Auch Spitäler waren betroffen: Dort seien internetbasierte Computernetzwerke und Sicherheitssysteme ausgefallen, schrieb die südkoreanische Zeitung «Hankyoreh». «Während 24 Stunden konnten wir uns nicht mit dem nationalen Krankenversicherungssystem in Verbindung setzen, was zu Verzögerungen bei der Anmeldung von Patienten führte», teilte das Yonsei University Severance Hospital mit.

Mitarbeiter von KT Corp reparieren die Infrastruktur. (Foto: Yonhap)

Eine Krankenschwester in einem Spital berichtete der Zeitung «Korea Herald», Ärzte hätten sich gegenseitig nicht erreichen können, da ihre Arbeitstelefone über den betroffenen Anbieter KT liefen. Man habe ein internes Übertragungssystem nutzen müssen. «Ich dachte, jemand könnte wegen dieser Situation sterben», so die Krankenschwester. Bei einem Patienten in Not habe sie einen Arzt herbeirufen wollen, konnte diesen aber nicht erreichen und den Patienten nicht allein lassen. «Darum lief eine andere Person im Spital herum, um einen verfügbaren Arzt zu finden. Der Patient lief immer blauer an, und ich wollte sterben», so die Frau, die nicht namentlich genannt werden wollte.

Frau an Herzinfarkt gestorben

Der «Korea Herald» berichtete zudem, eine Frau sei an einem Herzinfarkt gestorben, weil ihr Mann wegen des Blackouts nicht rechtzeitig eine Ambulanz habe bestellen können. Das Telefonnetz habe nicht funktioniert. Der Mann sei dann auf die Strasse gerannt und habe einen Fremden um Hilfe gebeten. Als die Ambulanz kam, sei die Frau bereits tot gewesen.

«Ich habe alles versucht, aber ich konnte sie nicht retten», sagte der Mann einem lokalen Newsportal. «Wenn ich den Anruf hätte tätigen können und das Rettungsteam nur fünf Minuten früher gekommen wäre, hätten wir sie retten können.» Der Vorfall zeige, wie ein Netzwerkausfall die Sicherheit von Menschen gefährden könne, sagte No Woong-rae von der Demokratischen Partei dem «Korea Herald». «Es war das schlimmste Beispiel für eine von Menschen verursachte Katastrophe.»

Problematisch war ebenfalls, dass die Notfallwarnsysteme in gewissen Teilen der Stadt ausfielen. Am Samstag, kurz nach dem Brand, versuchte der Katastrophenschutz in Seoul, eine Warn- und Informations-SMS an die Bürger zu schicken. Diese kamen nur bei den Nutzern an, die andere Anbieter als KT nutzten. Viele KT-Kunden wussten entsprechend nicht, was los war.

Risiken einer digitalen Gesellschaft

Der Mobilfunkbetreiber KT sagte der «Korea Times», 60 Prozent der Mobilfunkanschlüsse und 70 Prozent der Internetanschlüsse in den Haushalten seien bis Sonntagmorgen bereits repariert worden. Aber die vollständige Wiederherstellung des Dienstes werde etwa eine Woche dauern, so das Unternehmen.

Die Geschehnisse seien ein Paradebeispiel für die Risiken in einer digitalen Gesellschaft, die trotz aller Warnungen zu sehr auf zentralisierte Systeme setze, sagte Nahm Kee-bom, Professor für Stadtsoziologie an der Universität von Seoul, der Zeitung «Hankyoreh».

Südkorea hatte sich seit langem als hoch vernetztes Land mit Highspeed-Internet einen Namen gemacht. Experten warnten allerdings, dass die Regierung sich der Folgen der technologischen Entwicklung bewusst sein sollte und Massnahmen entwickeln müsste, um mit möglichen Nebenwirkungen und Unfällen umzugehen.

«IT-Dienstleistungen können als öffentliche Güter wie Gas und Strom betrachtet werden. Es sollte also eine Art von Vorschriften geben, um die Industrie zu ermutigen oder zu verpflichten, einen bestimmten Betrag für Sicherheitsmassnahmen auszugeben», sagt etwa Ahn Jong-joo, der Leiter des Kommunikationszentrums für soziale Sicherheit beim Korea Social Policy Institute dem «Korea Herald».

IT-Störungen bei den SBB

Auch in der Schweiz kommt es immer wieder zu Stromausfällen oder IT-Problemen. Zuletzt war es bei den SBB zu einer grösseren IT-Panne gekommen: Mitte November fiel eine Reihe von Zügen aus, es kam zu Verspätungen, Umleitungen und Störungen beim Onlinefahrplan und den elektronischen Anzeigetafeln an den Bahnhöfen.

«Alle IT-Systeme, die am Internet angeschlossen sind, können theoretisch ausfallen, lahmgelegt oder fremdgesteuert werden», sagte damals der IT-Experte Marc Ruef von der Zürcher Sicherheitsfirma Scip AG dieser Zeitung.

Erstellt: 27.11.2018, 19:53 Uhr

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