Fed-Chef Powell lässt sich alle Optionen offen

Der US-Notenbanker tritt Erwartungen entgegen, dass das Fed die Leitzinsen deutlich senkt. Donald Trump reagiert heftig und beleidigt Jerome Powell nach dessen Rede in Jackson Hole.

Mark Carney, Gouverneur der Bank of England, und Jerome Powell (r.) in Jackson Hole. Foto: Reuters

Mark Carney, Gouverneur der Bank of England, und Jerome Powell (r.) in Jackson Hole. Foto: Reuters

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Die US-Notenbank wird angemessen handeln, um die Konjunktur zu stützen. Dies erklärte Fed-Chef Jerome Powell am Freitag auf der alljährlichen Notenbank-Konferenz in Jackson Hole in Wyoming. Aktuell befinde sich die Wirtschaft in einer «günstigen Position», sagte er weiter.

Aus seiner Rede liessen sich wenige Hinweise entnehmen, ob die Währungshüter bei ihrer nächsten Zinssitzung im September die Zinsen erneut senken werden. Powell benannte eine Reihe von Risiken für die US-Konjunktur. Viele davon hingen mit den US-Handelskonflikten mit China und anderen Ländern zusammen.

Kurz vor Powells Rede hatte China neue Abgaben auf US-Importe im Umfang von 75 Milliarden Dollar angekündigt. Geplant seien Zölle zwischen 5 und 10 Prozent auf über 5000 Produkte, hiess es. Die Erhöhung der Strafzölle durch die USA «hat zu einer kontinuierlichen Eskalation der Spannungen zwischen China und den USA in Wirtschaft und Handel geführt». Das Büro des chinesischen Staatsrats erklärte weiter, die neuen Zölle sollten in zwei Stufen am 1. September und am 15. Dezember eingeführt werden. Im Dezember drohen demnach Zölle in der Höhe von 25 Prozent auf US-Autos und 5 Prozent auf Autoteile.

Gewichtige Worte

Ob die Notenbanken mit der herkömmlichen Geldpolitik noch etwas bewirken können, hatten in den letzten Tagen viele prominente Ökonomen angezweifelt. So erklärte der frühere US-Finanzminister Larry Summers die Geldpolitik für erledigt. Wörtlich verglich Summers die Geldpolitik mit einem «schwarzen Loch». Es sei gefährlich für Notenbanker, zu behaupten, sie hätten die Lage unter Kontrolle – oder nur schon, sie hätten die Mittel, die Lage unter Kontrolle zu bringen.

Die Worte von Summers haben Gewicht: Nicht nur, weil er einst Finanzminister unter Bill Clinton war, Chef-Wirtschaftsberater unter Barack Obama und weil Letzterer ihn erst zum Fed-Chef küren wollte. Er gilt auch als einer der führenden US-Ökonomen. Die bisherigen Instrumente wie die Anleihenkäufe durch Notenbanken oder ihre sogenannte «Forward Guidance» – das Versprechen, die Zinsen länger tief zu halten – hätten versagt, schrieb er. Die immer tieferen bis negativen Zinsen hätten keine Wirkung mehr. Sie würden alles nur noch schlimmer machen. Gefragt sei jetzt so etwas wie eine Revolution innerhalb der Ökonomenzunft und in der Wirtschaftspolitik generell. Neue Erklärungsmodelle seien gefragt – und eine neue Politik.

Erwünschte Wirkung der Tiefst­zinsen immer kleiner

Mit Philipp Hildebrand (Ex-SNB-Präsident), Stanley Fischer (Ex-Fed-Vize, Ex-IWF-Vize, Ex-Notenbankchef von Israel) sowie Jean Boivin (Ex-Vize der kanadischen Notenbank) hatten zuvor weitere Exponenten das Ende der Wirksamkeit der bisherigen Notenbankpolitik erklärt und einen radikalen Sinneswandel angeregt. Die Notenbanken sollen direkt Ausgaben der Staaten finanzieren – allerdings unter strengen Vorgaben.

Von immer geringeren Wirkungen der Instrumente der Geldpolitik schrieb auch Vitor Constancio, ehemaliger Vize­präsident der Europäischen Zentralbank. In den letzten Jahren sekundierte er stets Präsident Mario Draghi, als dieser die Entscheide der Euronotenbank der Presse erklärte. «Die Versprechen der Notenbanker im Kontext eines angepeilten Inflationsziels funktionieren nicht», hielt er fest. Immer tiefere Zinsen drohten zu Währungskriegen zu führen, die destruktiv seien und ­allen schadeten. Negativzinsen könnten nicht mehr weiter gesenkt werden. Zur Begründung der Probleme mit den Tiefzinsen verwies Constancio auf Summers.

Laut Summers werde die erwünschte Wirkung der Tiefst­zinsen auf die Wirtschaft immer kleiner, während die Schäden durch sie anstiegen. Tiefst- und Negativzinsen würden erstens die Finanzstabilität gefährden und gefährliche Blasen fördern. Zweitens würden damit Firmen überleben, die gemessen an ihrer ­Profitabilität sonst keine Chance hätten. So werden Ressourcen vergeudet, und die Leistungs­fähigkeit der ganzen Volkswirtschaft leidet. Drittens würden Bankenzusammenbrüche drohen, da die Tiefstzinsen deren Geschäftsmodell unterminierten. Auf exakt die gleichen Punkte hat bereits die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich jüngst hingewiesen – die zentrale Organisation der Notenbanken.

Der Präsident tobt

Nach der Rede von Powell legte US-Präsident Donald Trump mit seiner Kritik am Chef der US-Notenbank umgehend nach. «Wie üblich hat das Fed gar nichts getan!», schrieb Trump auf Twitter. Es sei unglaublich, dass die Notenbank sich äussern könne, «ohne zu wissen oder zu fragen, was ich mache, was ich in Kürze bekannt geben werde». Schliesslich schrieb er unter Hinweis auf Powell – dessen Nachnamen er falsch schrieb – und Chinas Präsident Xi Jinping: «Meine einzige Frage lautet, wer ist unser grösserer Feind, Jay Powel oder der Vorsitzende Xi?»

Damit nicht genug: In einem weiteren Tweet forderte er US-Unternehmen auf, nach Hause zu kommen. «Wir brauchen China nicht, und offen gesagt würde es uns ohne sehr viel besser gehen», schrieb der US-Präsident. Es müsse und werde aufhören, dass China Geld von den USA stehle.

Erstellt: 23.08.2019, 22:56 Uhr

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