Herr Jordan, erklären Sie sich!

Die Nationalbank steht wegen ihrer Geldpolitik in der Kritik. Das ist weniger ein Problem ihrer Strategie als ihrer Kommunikation. 

Die Negativzinsen haben schädliche Nebenwirkungen: Nationalbankchef Thomas Jordan. Bild: Keystone

Die Negativzinsen haben schädliche Nebenwirkungen: Nationalbankchef Thomas Jordan. Bild: Keystone

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Droht der Schweiz der Bankrott? Zwei deutsche Betriebswirtschaftler warnten in den letzten Tagen in einem viel beachteten Beitrag davor. Als Ursache sehen sie die Politik der Schweizerischen Nationalbank. Ihr Text ist überaus alarmistisch, und ihre Schlussfolgerung überzeugt nicht – aus vielen Gründen. Aber sie nehmen einen Punkt auf, der auch vielen nüchtern argumentierenden Beobachtern Sorgen macht.

Die Bilanz der Nationalbank ist angesichts der aufgekauften Devisenreserven mit 840 Milliarden Franken bereits auf 124 Prozent des Schweizer Bruttoinlandprodukts aufgebläht. Und die Negativzinsen, an denen Nationalbankchef Thomas Jordan eisern festhält, haben schädliche Nebenwirkungen. Sie erhöhen die Kosten der – gemessen an ihren Börsenkursen – ohnehin schon leidenden Banken und sind Gift für Sparer, die Pensionskassen und die Lebensversicherer.

Dieser Teil der Kritik ist ernst zu nehmen. Aussergewöhnliche und wenig appetitliche Massnahmen akzeptiert man in der Not vorübergehend. Aber nicht permanent. Und von Not konnte dieses Jahr in der Schweizer Wirtschaft keine Rede sein. 2018 befand sich die Schweiz sogar in einer Hochkonjunktur. Gemäss jedem einführenden Lehrbuch der Volkswirtschaftslehre lautet die Empfehlung an eine Notenbank dann, die Zinsen deutlich zu erhöhen. Das erklärt, warum die Politik der Nationalbank zunehmend kritisiert wird.

Einen Zinsanstieg kann sich die SNB nicht leisten, solange die Europäische Zentralbank nicht zumindest klare Signale für eigene Schritte gibt.

Die aussergewöhnliche Situation, in der sich die Schweiz heute befindet, ist aber nicht das Thema einführender Lehrbücher. Von den üblichen Begleiterscheinungen einer Hochkonjunktur ist nichts zu sehen: Die Löhne steigen kaum, und nicht nur gemäss ihren eigenen Prognosen ist die SNB noch Jahre vom Teuerungszielwert von 2 Prozent entfernt, an dem sie ihre Politik ausrichtet. Im Jahr 2020 sollsie sich danach auf bloss 1 Prozent belaufen.

Die Ursache liegt zum grössten Teil im Ausland. Nach wie vor befindet sich die hiesige Geldpolitik in einer Art Geiselhaft der Europäischen Zentralbank (EZB). Noch immer ist der Franken gegenüber dem Euro – gemessen an der Kaufkraft – überbewertet, selbst wenn die Schweizer Wirtschaft dies wegen der auch in der Eurozone jüngst starken Konjunktur relativ gut wegstecken kann.

Doch das kann sich rasch ändern. Das zeigen die jüngsten Daten aus Europa und der Weltwirtschaft. Besonders in Europa schwächt sich die Wirtschaft bereits ab, dasselbe gilt laut Prognosen für die USA.

Erneute Aufwertung des Frankens droht

2018 war ein Ausnahmejahr für die Weltwirtschaft. Die gerade gestern wieder deutlich eingebrochenen Börsenkurse weltweit signalisieren, dass die wirtschaftliche Unsicherheit drastisch wächst. Die gleiche Botschaft war auch zu hören, als in den letzten zwei Wochen die Notenbanken der Eurozone, der Schweiz, der USA und Grossbritanniens ihre Zinsentscheide präsentierten.

Niemand kann heute ausschliessen, dass eines der grossen aktuellen Risiken die ganze Weltwirtschaft in eine schwere Krise stürzen kann: Dazu zählt der von Donald Trump losgetretene Handelskrieg, ein ungeordneter Brexit oder die politische Unsicherheit um die grossen Euro­länder Italien und Frankreich. Eine erneute drastische Aufwertung des Frankens wäre die Folge.

Es braucht wenig, um dem Franken erneut Schub zu verleihen, das hat sich auch im auslaufenden Jahr gezeigt. Einen Zinsanstieg kann sich die SNB nicht leisten, solange die Europäische Zentralbank nicht vorangeht oder zumindest klare Signale für eigene Schritte gibt. Das will sie bis zum Sommer des nächstes Jahres aber nicht tun. Angesichts der wirtschaftlichen Eintrübung im Euroraum könnte es noch deutlich später werden.

Devisenkäufe liessen die Bilanz weiter explodieren

Die grösste Schwäche der Nationalbank-Kritiker liegt darin, dass sie keine Alternativen aufzeigen können. Und oft nicht sehr kohärent argumentieren. Ohne Negativzinsen würden der Nationalbank in einer nächsten Krise nur Devisenkäufe bleiben – welche die Bilanz noch weiter explodieren liessen. Ansonsten bleibt nur die wenig überzeugende Behauptung, eine erneute starke Frankenaufwertung sei gar kein Problem.

Nicht ihre Geldpolitik sollte die Nationalbank also dringend ändern. Doch deutlich aktiver muss sie in ihrer Kommunikation werden. Sie muss uns – angesichts der vielleicht für noch lange Zeit sehr schwierigen Zeit – ihre Politik besser erklären. Das ist umso wichtiger, als sie bei einer nächsten Krise an Möglichkeiten ziemlich ausgeschossen ist und die wenig geliebten bisherigen Massnahmen noch deutlich ausweiten müsste – mit Zinsen noch tiefer im Minus und einer weiteren Aufblähung ihrer Bilanz durch Devisenkäufe. 

Erstellt: 22.12.2018, 09:55 Uhr

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