Hypotheken: Ablösung des Libor verunsichert Bankkunden

Spätestens 2021 kommt ein neuer Basiszins für Hypothekarkredite. Unklar ist, wer allfällige Mehrkosten trägt.

Der Basiszins Libor dient zur Kalkulation der Kosten von Hypotheken. Bild: Keystone/DPA

Der Basiszins Libor dient zur Kalkulation der Kosten von Hypotheken. Bild: Keystone/DPA

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Nur wenige Bankkunden mit einer Libor-Hypothek dürften den Wirbel mitbekommen haben, den der Chef der britischen Finanzmarktaufsicht FCA jüngst bei Banken ausgelöst hat. Der Libor sei für Manipulationen anfällig und müsse daher bis Ende 2021 durch einen vertrauenswürdigeren Basiszins abgelöst werden, sagte Andrew Bailey.

Die Banken sind nervös, denn der Libor dient als Basis zur Kalkulation der Kosten von Krediten, Hypotheken und Finanzinstrumenten mit variablem Zins. Weltweit beeinflusst der Libor ein Volumen von mehreren Hundert Billionen Franken. Die Abschaffung des Libor werde «weitreichende Konsequenzen für die gesamte Finanzbranche haben», sagt ein Sprecher der Migros-Bank.

Schweizer Bankkunden beschert die Umstellung speziell bei den Libor-Hypotheken eine jahrelange Phase der Verunsicherung. In einer Umfrage des TA wollten die angefragten Banken nicht sagen, wie viele Libor-Hypotheken sie haben. Eine Grafik im Geschäftsbericht 2016 von Raiffeisen zeigt indes, dass allein die Genossenschaftsbankengruppe Ende Jahr einen Bestand an Libor-Hypotheken von rund 25 Milliarden Franken hatte.

Betroffen sind Libor-Kunden gleich mehrfach. Wer neu eine Libor-Hypothek abschliessen will, möchte etwa wissen, ob die Bank weiterhin Libor-Hypotheken anbietet und ob deren Laufzeit reduziert wurde. Am Angebot der UBS habe sich nichts geändert, sagt eine Sprecherin der Grossbank, die Vertragsdauer sei nicht beschränkt worden, Kunden könnten weiterhin Libor-Hypotheken mit einer Laufzeit über 2021 hinaus abschliessen. Schriftlich wollte die UBS dies dem TA indes nicht bestätigen.

2021 hat der Libor spätestens ausgedient

«Libor-Hypotheken bleiben bis auf Weiteres unverändert im Angebot», heisst es bei der Migros-Bank. Die Credit Suisse konzentriere sich «auf die Bedürfnisse unserer Kunden», lässt die Grossbank ausrichten. Auch Raiffeisen bietet weiter Libor-Hypotheken an. Vage bleibt die Zürcher Kantonalbank (ZKB) mit mehreren Milliarden Franken an Libor-Hypotheken. Die Bank analysiere die Situation, dazu gehöre auch die «Kommunikation gegenüber Kunden». Wie sie mit den Kunden kommuniziert, sagt die ZKB indes nicht. Kurz: Die Banken versichern, Libor-Hypotheken seien weiterhin im Angebot – alles, was darüber hinaus- reicht, bleibt dagegen im Dunkeln.

Weit mehr noch als neue Libor-Kontrakte mit langer Laufzeit beschäftigt Schweizer Banken, wie sie Abertausende von Libor-Hypotheken ablösen und an neue Realitäten anpassen wollen, wenn spätestens Ende 2021 der Libor als Basiszins ausgedient hat. Die ZKB ist eine der wenigen Banken mit einer entsprechenden Klausel in den Verträgen: Ihre Kunden können sich entweder mit der Bank auf einen neuen Basiszins einigen oder ohne Kostenfolge zu einem anderen Hypothekarmodell wechseln. Andere Banken dürften ihren Kunden ein ähnliches Vorgehen vorschlagen.

Konflikte zwischen Bank und Kunde sind dennoch programmiert. Welche Seite trägt die Mehrkosten, wenn eine Libor-Hypothek nach der Umstellung auf einen neuen Basiszins teurer wird? «Unsere Sorge als Bank ist, dass es beim Wechsel auf einen neuen Referenzsatz bei den Kosten eine Differenz zum Libor gibt», sagt ein Manager einer grossen Hypothekarbank. «Diese Differenz kann über den ganzen Bestand an Libor-Hypotheken beträchtlich sein, entsprechend gross ist die Sorge vor einem Einkommensverlust der Bank.» Am Ende blieben Kosten immer am Kunden hängen, sagt ein anderer Banker. Wer die Mehrkosten trägt, dürfte die Gemüter also bis zur Libor-Ablösung erhitzen.

SNB und Börse mischen mit

Kommt eine Schweizer Branchenlösung nach dem Libor? Die Bankiervereinigung verweist dazu umgehend auf die Nationalbank (SNB), die gemeinsam mit der Börse SIX einen Referenzzins für gesicherte Kredite namens Saron als Ersatz für den Libor der Schweiz beliebt machen möchte. Die englische Nationalbank wirbt seit April für ihren Basissatz mit dem Namen Sonia als Libor-Ersatz. Selbstredend schicken auch die Notenbanken der USA und Japans je einen eigenen Basissatz ihrer Wahl als Nachfolger für den Libor ins Rennen. Folgen auf den global einflussreichen Libor klein­liche nationale Lösungen? «Es ist gut möglich, dass es zunächst mehrere Referenzsätze geben wird», sagt Lorenz Heim vom VZ Vermögenszentrum. «Was sich durchsetzt, entscheidet am Ende der Markt.»

Er sei skeptisch gegenüber staatlichen Lösungen, sagt Hypothekenexperte Heim. Er ziehe Marktlösungen vor, beispielsweise in Form eines modernisierten Libor. «Ich kann mir vorstellen, dass am Ende die neue Libor-Lösung der britischen Bankiervereinigung Schule macht», sagt Heim. «Das wäre wünschbar, auch wegen des angekündigten sanften Übergangs» vom alten zum neuen Referenzsatz. Noch ist alles offen. Die Nationalbank und die Börse SIX machen derweil im September vor versammelter Schweizer Bankenwelt Werbung für ihren Basissatz Saron.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2017, 23:21 Uhr

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