Klimatest im Dunkeln

Der Bund hat geprüft, wie stark Pensionskassen und Versicherungen auf Geldanlagen in fossile Brennstoffe setzen. Die Branche tut sich schwer mit Transparenz.

Grüne Investments sind gefragt: Die Entwaldung des brasilianischen Amazonas. Foto: USGS, NASA (Getty)

Grüne Investments sind gefragt: Die Entwaldung des brasilianischen Amazonas. Foto: USGS, NASA (Getty)

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Pensionskassen und Versicherungen forcieren mit ihren Investitionen in die Kohle-, Erdöl- und Erdgasindustrie den Klimawandel. Gemäss einer Studie des Bundesamts für Umwelt (Bafu) befeuert der helvetische Finanzplatz ein Erderwärmungsszenario von plus 4 bis 6 Grad. Das läuft dem – von der Schweiz unterzeichneten – Pariser Klimaabkommen zuwider, das den globalen Temperaturanstieg im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf maximal 2 Grad, möglichst aber 1,5 Grad, begrenzen will.

Vor diesem Hintergrund versucht das Bafu, mit einem Pilotprojekt den Finanzplatz für grüne Investments zu sensibilisieren. Die Teilnehmer können darin ihre Anlagenstrategie kostenlos auf die Klimaverträglichkeit testen lassen – von der NGO-Thinktank-2°-Investing-Initiative, die mithilfe von EU-Geldern ein sogenanntes Klimaverträglichkeitsmodell entwickelt hat. Am Bafu-Projekt haben 79 Pensionskassen und Versicherungen mitgewirkt. Sie decken zwei Drittel der Aktien- und Unternehmensobligationen-Portfolios ab, welche die beiden Branchenzweige in der Schweiz halten.

Heute Montag veröffentlichen die Fachleute von Umweltministerin Doris Leuthard (CVP) eine anonymisierte Analyse. Sie zeigt auf, inwieweit die Teilnehmer ihr Portfolio insgesamt klimaverträglich gestalten – nicht aber, wie sie einzeln abgeschnitten haben. Den Akteuren steht es jedoch frei, ihr Testresultat selber zu publizieren. Der Wille dazu ist jedoch nur teilweise vorhanden, wie Nachfragen zeigen. Die Pensionskasse SBB zum Beispiel will den Bericht zuerst intern analysieren: «Wir haben im Moment nicht vor, die Resultate zu veröffentlichen.» Auch die Pensionskasse der Berner Kantonalbank betrachtet die Ergebnisse «als rein interne Standortbestimmung mit Handlungsoptionen für allfällige Optimierungen». Die BVK-Personalvorsorge des Kantons Zürich verzichtet ebenfalls auf die «isolierte Publikation einzelner Analysen».

Mehr Transparenz gefordert

Für ihre Geheimhaltung ernten die Pensionskassen Kritik. «Institutionelle Investoren haben nicht nur die rechtsverbindliche treuhänderische Pflicht, Klimarisiken zu reduzieren, sondern sie auch offenzulegen», sagt Christian Lüthi von der Klima-Allianz, einem Verbund aus 67 Parteien und Organisationen, darunter WWF, Heks und Helvetas. Letztlich stünden die Ersparnisse der Versicherten auf dem Spiel, so Lüthi. Hintergrund ist die sogenannte Kohlenstoffblase: Der Pariser Klimavertrag lässt sich nur umsetzen, wenn ein Grossteil der fossilen Brennstoffe, die noch im Boden sind, nicht verbrannt wird. Sollten Öl-, Gas- und Kohlefirmen diese Reserven nicht mehr verwenden dürfen, schmilzt ihr Kapitalwert, wie die Klima-Allianz argumentiert. Darum seien viele Energiekonzerne stark überbewertet. Es besteht das Risiko, dass die Blase platzt, was das Ersparte der Versicherten gefährden würde.

Die Pensionskassen entgegnen, es bestünden keine gesetzlichen Vorschriften zur Veröffentlichung von Studienergebnissen. Und sie versichern, ihre ökologische Verantwortung wahrzunehmen und ihre Kriterien im Umgang mit Finanzanlagen kontinuierlich zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Die BVK etwa hat eigenen Angaben gemäss 2015 ihr Portfolio einer CO2-Risikoanalyse unterzogen und diesen März entschieden, Kohleproduzenten aus dem Anlageportfolio auszuschliessen.

Während die Klima-Allianz Transparenz einfordert, hält sich der Bund zurück. Das Bafu sagt, es sei den Teilnehmern überlassen, ob sie ihre Testresultate veröffentlichen wollten.

Zwei sagen Informationen zu

Die Klima-Allianz wollte es genauer wissen. 24 Teilnehmer des Bafu-Projekts haben ihr dargelegt, wie sie mit dem Testresultat umzugehen gedenken. Zehn Kassen, darunter Publica, die Pensionskasse des Bundes mit einem Anlagevolumen von 38 Milliarden Franken, werden zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden, ob sie die Versicherten über die Klimarisiken informieren. Weitere neun Pensionskassen haben die Frage zur Veröffentlichung nicht beantwortet, weitere zwei abschlägig (die Pensionskassen der SBB und Berner Kantonalbank). Einzig die Bernische Pensionskasse, die Pensionskasse der Stadt Biel sowie die Stiftung Abendrot kündigten an, die Versicherten über das Ergebnis ins Bild zu setzen. «Es gibt keinen Grund, dass das Resultat des Tests sowie unsere nächsten Schritte geheim bleiben müssen», sagt Robert Savary, Geschäftsführer der Pensionskasse der Stadt Biel.

Doch Transparenz kann auch zum Reputationsrisiko werden. Jüngstes Beispiel ist die Alfred-Nobel-Stiftung. Das Geld für den Friedensnobelpreis stammt mitunter aus Investitionen in Rüstungsfirmen, die sich an Atomwaffenprogrammen beteiligen. Kaum wurde das am Freitag publik, ging ein Entrüstungssturm los. Das Komitee habe für den Frieden in der Welt viel Gutes bewirkt, sagte etwa Niels Annen, aussenpolitischer Sprecher der deutschen SPD: «Nun geht es um seine Glaubwürdigkeit.» Die Stiftung bestritt die Vorwürfe nicht. Sie versicherte aber, sie tätige neu keine Investitionen mehr in Unternehmen, die im Zusammenhang mit Atomwaffen stünden. Zudem würden die aktuellen Investitionen überprüft.

Erstellt: 22.10.2017, 20:43 Uhr

Besseres Risikoprofil

Nachhaltig anlegen zahlt sich aus

Müssen Investoren mit Renditeeinbussen rechnen, wenn sie Nachhaltigkeitskriterien in ihrem Anlageprozess mitberücksichtigen? Oder weisen Portefeuilles, in die auch ökologische und soziale Aspekte sowie solche einer guten Unternehmensführung einfliessen, gerade deshalb eine bessere Langfrist-Performance auf?

Unter Grossanlegern sind die Ansichten darüber weiterhin geteilt. Laut einer kürzlich publizierten Umfrage – an der weltweit 500 Pensionsfonds, Stiftungen, Versicherungen und Staatsfonds teilgenommen haben – befürchten 44 Prozent der Teilnehmer eine geringere Rendite, wenn sie ihre Anlagen stärker auf Nachhaltigkeit ausrichten. In Europa war der Anteil derjenigen, die Bedenken bei der erwarteten Wertentwicklung als Hindernis für nachhaltige Investments nannten, mit 47 Prozent am höchsten.

Gleichzeitig sind aber über zwei Drittel der Befragten der Ansicht, dass ökologische, soziale oder führungsmässige Aspekte – die sogenannten ESG-Kriterien – in den kommenden fünf Jahren bei der Geldanlage stark an Gewicht gewinnen werden. Die Erhebung wurde vom britischen Vermögensverwalter Schroders in Auftrag gegeben.

Die in Investorenkreisen weiterhin verbreiteten Vorbehalte gegenüber ESG-fokussierten Anlagen mögen überraschen. Gibt es doch bereits eine Vielzahl von Studien, die zum Ergebnis kamen, dass sich Nachhaltigkeit und Rentabilität von Anlagen nicht gegenseitig ausschliessen, sondern ergänzen. Philip Krüger, Assistenzprofessor an der Universität Genf mit Forschungsschwerpunkt nachhaltige Investitionen, teilt diese Einschätzung. «Es gibt zweifellos vermehrt wissenschaftliche Belege für einen positiven Zusammenhang zwischen ESG und der Rendite von Investitionen», sagte er kürzlich an einem Mediengespräch des Rückversicherers Swiss Re. Dennoch ist die Sachlage bei näherer Betrachtung weniger klar. Laut Krügers Untersuchungen – in denen er Portefeuilles mit US-Aktien von rund 4000 Grossinvestoren zwischen 2002 und 2015 verfolgte – ergab sich kein Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Rentabilität von Anlagen. Dafür zeigte sich eine andere Wechselbeziehung: Je grösser das Gewicht von Firmen mit höherer ESG-Priorisierung im Anlageportefeuille, desto weniger ist dieses dem Risiko abrupter unerwarteter Kursausschläge ausgesetzt.

Unklarheiten zur Detailwirkung

Die bessere Performance nachhaltiger Investitionen beruht somit auf einem günstigeren Rendite-Risiko-Verhältnis. Das heisst, dank der Einbindung von ESG-Kriterien in den Anlageprozess lässt sich eine langfristige (Ziel-)Rendite mit geringerem Risiko erreichen.

Diese Erkenntnis sagt aber noch nichts darüber aus, welche Teilkomponenten der ESG-Kriterien wie stark zur Rentabilität eines Portefeuilles beitragen. Dass Gesellschaften, die den Regeln guter Unternehmensführung hohe Beachtung schenken, langfristig eine bessere Rendite erzielen als andere, ist kaum umstritten. Ob das auch für die Einhaltung ökologischer und sozialer Standards gilt, darüber gehen die Meinungen laut Krüger weit auseinander.

Unklar sei ferner, so der Genfer Professor, wie genau die ESG-Kriterien positiv auf die Rentabilität einwirken würden: Gelingt ihnen dies deshalb, weil sie als Arbeitgeber begehrter sind und leichter an Talente herankommen? Oder weil die Kunden gegenüber «sozialen» Unternehmen loyaler und damit auch bereit sind, höhere Preise für deren Produkte und Dienstleistungen zu zahlen?

Noch eine zentrale Frage ist gemäss Krüger nicht zweifelsfrei geklärt. Der positive Zusammenhang zwischen ESG und Rentabilität lässt nicht einfach die Folgerung zu, dass ESG-konforme Anlagen eine höhere Rendite aufweisen als andere Anlagen. Ebenso möglich ist der Umkehrschluss: dass höhere Renditen es erst möglich machen, nachhaltige Investments verstärkt zu tätigen.

Robert Mayer

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