Franchise-Knebelverträge entpuppen sich als Kostentreiber

Mit einer Sparmassnahme sollten die Gesundheitskosten gesenkt werden. Nun zeigt sich: Es drohen bis zu 800 Millionen Mehrkosten.

Gesetzlich soll verhindert werden, dass Patienten im Hinblick auf einen Eingriff ihre Franchise senken: Behandlung im Zürcher Triemli-Spital. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Gesetzlich soll verhindert werden, dass Patienten im Hinblick auf einen Eingriff ihre Franchise senken: Behandlung im Zürcher Triemli-Spital. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Im September beschloss der Nationalrat, dass Versicherte mit einer höheren Franchise als den minimalen 300 Franken in Zukunft drei Jahre lang gebunden bleiben. Ziel dieser Knebelverträge ist es, das «Franchisehüpfen» zu verhindern, also es den Versicherten zu verunmöglichen, im Hinblick auf einen geplanten Eingriff die Franchise zu senken, um sie im nächsten Jahr wieder anzuheben.

Gemäss Bundesamt für Gesundheit (BAG) sind es jedoch nur 0,17 Prozent der Versicherten, die so gezielt die Franchise wechseln. Die Dreijahresverträge würden dann nur zu einer Kosteneinsparung von 5 Millionen Franken führen, schrieb das BAG im vergangenen Jahr in einem Bericht. Im Nationalrat dominierte im September die Ansicht der bürgerlichen Seite, man müsse die Knebelverträge trotz geringem Sparpotenzial einführen.

Die unterschätzte Wirkung

Doch jetzt zeigen Berechnungen, dass das Gegenteil passieren dürfte: Die Dreijahresverträge könnten die Gesundheitskosten und damit die Prämien für alle in die Höhe treiben. Heute können die Versicherten ihre Versicherung und die Höhe der Franchise jedes Jahr wechseln. Mit einer höheren Franchise lassen sich Prämien sparen.

Der Grund, dass die Rechnung der Nationalräte wohl nicht aufgeht, liegt in der kostendämpfenden Wirkung von hohen Franchisen. Sie ist viel höher als der Schaden der Franchisehüpfer. Erstens übernehmen solche Versicherte einen grösseren Teil der Kosten selber, zweitens überlegen sie sich deshalb zweimal, ob sie überhaupt einen Arzt in Anspruch nehmen wollen.

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Wenn sie sich nun bei einer höheren Franchise für drei Jahre verpflichten müssen, ist das Risiko deutlich grösser, in dieser Zeit wegen einer Krankheit hohe Kosten selber tragen zu müssen. Die Vermutung liegt auf der Hand, dass zahlreiche Versicherte dieses Risiko nicht eingehen werden und sich statt für die höhere Franchise für die minimale Variante von 300 Franken entscheiden. Besonders ältere und kränkere Versicherte könnten sich dies überlegen.

Genau das hat Auswirkungen auf die gesamten Kosten im Gesundheitswesen. Wenn nur ein halbes Prozent der Versicherten, insgesamt rund 16'000 Erwachsene, sich wegen der Knebelverträge gegen seine erhöhte Wahlfranchise entscheidet, steigen die Gesamtkosten insgesamt an – selbst wenn man die höheren Prämien berücksichtigt. Erstens, weil diese Versicherten weniger aus der eigenen Tasche bezahlen. Zweitens, weil sie häufiger zum Arzt gehen.

«Ein fiktives Problem»

Die Mehrkosten sind höher als die Einsparung durch die Knebelverträge. Dies geht aus einer Berechnung hervor, welche die Krankenkasse CSS 2015 anstellte. Versicherte mit der Minimalfranchise von 300 Franken zahlen zwar eine höhere Prämie, verursachen aber unter dem Strich pro Kopf und Jahr 250 Franken mehr Kosten als solche mit einer Franchise von 500 Franken und 322 Franken mehr als Personen mit Franchisen von 1000 bis 2500 Franken. Die Gesamtersparnis durch höhere Franchisen beträgt gemäss Berechnungen der Autoren 1,1 Milliarden Franken.

Die vom Bund berechnete Einsparung von 5 Millionen Franken wird nur erreicht, wenn alle Versicherten, die heute eine höhere Franchise haben, sich für drei Jahre verpflichten. Dass dies wenig wahrscheinlich ist, geht aus einer Studie hervor, die das Bundesamt für Gesundheit 2017 durchführte. Nur 23 Prozent von mehr als 2000 Befragten waren für eine mehrjährige Bindung. Sollten sich nun aber 77 Prozent der heute mit höherer Franchise Versicherten gegen dreijährige Knebelverträge entscheiden und in die tiefste Franchise wechseln, könnten zusätzliche Kosten von bis zu 800 Millionen Franken entstehen. Diese Mehrkosten müssten von allen Versicherten gemeinsam getragen werden. Der vom Nationalrat angestrebte Effekt, mit mehrjährigen Verträgen 5 Millionen Franken zu sparen, hätte dann das Gegenteil zur Folge.

«Mit den Knebelverträgen will die Mehrheit des Nationalrats ein fiktives Problem lösen und treibt damit für alle Versicherten die Prämien in die Höhe», warnt Felix Schneuwly, Krankenkassen-experte beim Online-Vergleichsdienst Comparis.

Hoffen auf den Ständerat

Einer, der die Dreijahresverträge unterstützte, ist der Bündner Heinz Brand, SVP-Nationalrat und Präsident des Krankenkassenverbandes Santésuisse. Er bleibt dabei, der Entscheid sei sinnvoll. «Die Dreijahresregelung bei den Franchisen verbessert die Eigenverantwortung», findet er. Die Zahl der «Franchisehüpfer» sei viel höher als vom Bundesamt veranschlagt da es die Wechsel zuwenig lange beobachtet habe. Brands Verband hält die Berechnung der Mehrkosten für illusorisch.

Brand verweist dazu ebenfalls auf eine Studie, die im Auftrag des Bundes erstellt wurde und von 8,3 Prozent ausgeht. «Auch wenn diese Vorlage nicht die wichtigste ist, um die übermässigen Kostenanstiege zu bremsen, bildet sie einen von vielen Schritten zum Ziel», sagt Brand. Der Berner BDP-Gesundheitspolitiker Lorenz Hess, Verwaltungsratspräsident der Krankenkasse Visana, sieht es ähnlich: «Wir müssen den gezielten Franchisewechsel bekämpfen.» Die Basler SP-Nationalrätin Silvia Schenker, welche die Vorlage im Herbst ablehnte, sieht sich in ihren Vorbehalten bestätigt. Sie befürchtet, dass sich die Knebelverträge negativ auf die Gesundheit auswirken. «Die neuen Berechnungen zum Einsparpotenzial sind ein zusätzliches Argument gegen die Vorlage», sagt Schenker. Sie hofft dabei auf den Ständerat.

Dieser teilt die Vorbehalte: Die vorberatende Kommission des Ständerats machte sich die gleichen Überlegungen und schlägt dem Rat vor, in der kommenden Session vom März gar nicht auf die Vorlage einzutreten.

Erstellt: 08.02.2019, 08:42 Uhr

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