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Milliarden in den Sand gesetzt – jetzt will er vor Gericht auspacken

Ein einzelner Börsenhändler verursachte Verluste von 4,9 Mrd. Euro. Nun muss der Mann vor Gericht. Jérôme Kerviel selbst sieht sich als Opfer des Finanzsystems - als «Prostituierte».

Milliarden verspekuliert: Jérôme Kerviel auf dem zum Gericht.
Milliarden verspekuliert: Jérôme Kerviel auf dem zum Gericht.

Die Finanzwelt erwartet einen der spektakulärsten Strafprozesse der vergangenen Jahre: Der heute 33 Jahre alte Börsenhandler Jérôme Kerviel soll für einen der grössten Spekulationsverluste aller Zeiten verantwortlich sein. Von der kommenden Woche an steht er in Paris vor Gericht.

Die französische Grossbank Société Générale schrieb in Folge der Geschäfte Kerviels die sagenhaft hohe Summe von 4,9 Mrd. Euro ab. Der Fall riss das Finanzinstitut in eine tiefe Krise und kostete Topmanager wie Konzernchef Daniel Bouton den Job. Nie zuvor hatte ein einzelner Händler einen solchen Schaden angerichtet - nicht nur der Betrag schmerzte, sondern das Image einer ganzen Branche geriet in Verruf.

Ansehen in Gefahr

Mit dem am Dienstag beginnenden Prozess droht das Ansehen der Finanzwelt weiter erschüttert zu werden. Auf der Anklagebank sitzt zwar allein der smarte Kerviel, er sieht sich aber als Sündenbock. Bereits vor einigen Wochen veröffentlichte er in Buchform ein Plädoyer in eigener Sache. Er sei ein Mann, der zu seinen Fehlern stehe, der es aber ablehne, für ein verrückt gewordenes Finanzsystem zu büssen, schreibt er im Vorwort.

Im Prozess will mit Kerviel mit Hilfe des französischen Star-Anwalts Olivier Metzner beweisen, dass sein ehemaliger Arbeitgeber die Hochrisikogeschäfte billigte - solange er dicke Gewinne machte. Er und seine Kollegen seien für die Vorgesetzten so etwas wie «Prostituierte» gewesen, schreibt Kerviel in seinem Buch. «Wie viel hast Du gemacht?» - das sei die entscheidende und immer wiederkehrende Frage am Ende des Tages gewesen.

Der Derivate-Händler hatte bei der Société Générale vor allem auf die Entwicklung von Aktienindizes spekuliert, den für seine Position zulässigen Rahmen aber weit überschritten. Nach Milliardengewinnen im Jahr 2007 hatte er kein glückliches Händchen mehr und verlor. Mit immer höheren Einsätzen versuchte er die Verluste wettzumachen. Als die Affäre aufflog, schloss die Bank alle offenen Positionen Kerviels und verbuchte den Milliardenverlust.

Viele glauben Kerviel

Dafür könne man ihm nicht die Schuld in die Schuhe schieben, sagt Kerviel heute. Verantwortlich sei die Bank, die seine offenen Positionen zu Schleuderpreisen verramscht habe.

Viele Franzosen glauben Kerviel, der persönliche Bereicherung als Motiv für sein Handeln abstreitet. Im Internet wurden sogar Unterstützer-Foren gegründet. Und in einer Umfrage kam heraus, dass jeder zweite Befragte ihm sein Vermögen anvertrauen würde. Kein Vergleich also zum US-Amerikaner Bernard Madoff. Dieser war im Juni 2009 wegen des grössten Betrugs in der Finanzgeschichte zu zu 150 Jahren Haft verurteilt worden. Er hatte tausende Anleger mit einem Schneeballsystem um etwa 60 Milliarden Dollar erleichtert.

Nie mehr zurück

Kerviel, der mehr als einen Monat lang in Untersuchungshaft sass, drohen wegen der Affäre höchstens fünf Jahre Gefängnis - unter anderem werden ihm Untreue, Dokumentenfälschung und die Manipulation von Computerdaten vorgeworfen. Derzeit ist er aber auf freiem Fuss, die Verhandlung gegen ihn soll Ende Juni zu Ende gehen. Zuletzte arbeitete er für eine IT-Firma und verdiente nach eigenen Angaben 2300 Euro im Monat. In einen Handelsraum wolle er nie wieder zurück, sagt er.

SDA/mt

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