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«Mit den Rekordgewinnen ist es endgültig vorbei»

Das Rettungspaket der US-Regierung wird wirken. Chefökonom Jan Amrit Poser von der Bank Sarasin ist davon überzeugt. Eine Rezession wäre sonst unvermeidlich.

Mit solchen Börsenbildern wird man noch einige Zeit rechnen müssen. 700 Milliarden Dollar lösen viele, aber nicht alle Probleme der US-Wirtschaft.
Mit solchen Börsenbildern wird man noch einige Zeit rechnen müssen. 700 Milliarden Dollar lösen viele, aber nicht alle Probleme der US-Wirtschaft.
Keystone

Herr Poser, wird das Programm wirken? Ist es ausreichend? Vom gesamten Immobilienmarkt, der ein Volumen von 11'000 Milliarden Dollar hat, ist etwa die Hälfte verbrieft worden. Davon wiederum hat ein Teil bereits viel an Wert eingebüsst, sodass man mit den 700 Milliarden Dollar doch einen signifikanten Teil der Papiere aufkaufen kann. Aber das wichtigste Ziel besteht darin, die Blockade im Finanzsystem aufzulösen. Es gibt ja viele toxische Assets, auf denen die Banken immer wieder Abschreiber vornehmen müssen, sodass die Investoren gegenüber den Banken verunsichert sind und sich die Banken gegenseitig nichts mehr ausleihen. Es wäre schon sehr positiv, wenn diese problematischen Wertschriften aus den Büchern kämen. Das brächte wieder mehr Sicherheit in das System, und die Banken würden sich gegenseitig wieder Kredite geben.

Welche Mindestanforderungen müssen erfüllt sein, damit das Ziel erreicht wird? Das Programm darf nicht gekürzt werden. Der Preis für die Wertpapiere darf in den Auktionen auch nicht zu tief angesetzt werden, weil sich sonst die Banken nicht am Programm beteiligen. Dass neben den verbrieften Hypotheken andere Typen von Wertpapieren einbezogen werden, ist ein wichtiger, positiver Bestandteil des Programms.

Der Markt für Hypotheken selbst funktioniert deshalb aber noch nicht besser. Dieses Ziel wollte die US-Regierung mit der Verstaatlichung von Fannie Mae und Freddie Mac erreichen. Aber man sollte sich keine Illusionen darüber machen, dass der Hypothekenmarkt schnell wieder ins Rollen kommt.

Dann wird die US-Regierung am Ende zum Hausbesitzer? Ja, die Verstaatlichung der Hypothekarinstitute ist ein Schritt in diese Richtung. Ordnungspolitisch ist dies natürlich nicht ideal, aber in der aktuellen Situation wohl nicht zu vermeiden.

Was bedeutet das viel zitierte Deleveraging - das Enthebeln - für die Banken? Die Banken müssen die Bilanzsummen massiv reduzieren, also das Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital kürzen. Das erreichen sie, indem sie Wertschriften verkaufen. Wenn dies alle tun, sinken die Preise, sodass weitere Abschreiber und weitere Verkäufe nötig werden. Auf diese Art kommt dann ein Teufelskreis in Gang.

Das bedeutet, dass das Geschäftsvolumen der Banken zurückgehen wird? Das Geschäftsmodell der Investmentbanken ist am Ende. Wenn die Regierungen die Rekordrisiken verbieten - und so weit wird es sicher kommen -, dann ist es auch mit den Rekordgewinnen endgültig vorbei. Die Aktienkurse der Banken werden nie mehr auf das Niveau vor der Krise steigen.

Ist die Realwirtschaft in Gefahr? Wenn auch noch die Kreditvergabe an Unternehmen heruntergefahren werden muss, wird es für die Realwirtschaft gefährlich. Darum ist es umso wichtiger, dass man jetzt einschreitet.

Wie stark wird sich die Krise auf die Konjunktur auswirken? Industrieproduktion und Beschäftigung zeigen, dass sich die USA vermutlich in einer milden Rezession befinden. Aber es hätte weit schlimmer kommen können. Zurzeit sind sogar Anzeichen einer konjunkturellen Stabilisierung zu erkennen, sodass es vielleicht zu einer Erholung kommt. Wenn die Kreditprobleme auf die Konjunktur überschwappen, wird es 2009 eine zweite konjunkturelle Delle geben. Falls das 700-Milliarden-Paket nicht angenommen worden wäre, hätte den Vereinigten Staaten eine stärkere Rezession gedroht.

Muss man nicht damit rechnen, dass die vielen Geldspritzen der Notenbanken die Inflation anheizen? Zurzeit läuft das Wasser aus der Badewanne heraus. Nur weil man in einer solchen Situation den Abfluss mit dem Stöpsel beendet, läuft die Badewanne nicht über. Mit anderen Worten: Die Liquiditätsspritzen ersetzen die Liquidität, die vorher die Banken mit Krediten zur Verfügung stellten. Ihretwegen kommt kein zusätzliches Geld in den Markt und damit keine Inflation in Gang.

Jan Amrit Poser ist Chefökonom der Sarasin-Bank in Basel.

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