Sehen wir jetzt die letzten neuen Schweizer Banknoten?

Heute wurde die neue Hunderternote präsentiert – zum Abschluss der Serie. Der Abschied vom Bargeld wird derweil immer realistischer.

Fehlt nur noch der 100er: Die Schweizer Nationalbank stellt die letzte Note der neuen Serie am Dienstag vor. Foto: Keystone

Fehlt nur noch der 100er: Die Schweizer Nationalbank stellt die letzte Note der neuen Serie am Dienstag vor. Foto: Keystone

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Die Gemeinde Ayent lädt zum grossen Fest ins Wallis. Granden aus Politik und Wirtschaft werden am Donnerstag in einer Woche die neue 100-Franken­-Note feiern; Nationalbank-Präsident Thomas Jordan wird mit der Bevölkerung anstossen. Der Grund dafür ist ein historisches Wasserleitsystem, die «Grosse Suone», das die neue Note prägt. Drei Kilometer lang ist das Bauwerk, dessen Anfänge bis ins Jahr 1442 zurückreichen. Es führt Wasser aus dem Bach Lienne auf die Wiesen und die Rebberge von Ayent und die Nachbargemeinde Grimisuat.

Das Fest ist ein Abschluss, ein feierlicher. Der neue Hunderter, der heute in Bern offiziell präsentiert wurde (hier gehts zum Ticker), ist die letzte Note der 9. Serie der Schweizerischen Nationalbank (SNB). 2016 wurde die Reihe mit dem neuen 50er eröffnet – allerdings mit sechs Jahren Verspätung. Vor der Lancierung gab es technische Probleme, dann stimmte die Papierqualität nicht, und später gab es noch Ärger mit den Sicherheitsmerkmalen. Die Verzögerung ist längst verziehen, denn die Schweizer haben einen besonderen Bezug zum Bargeld. Es gibt Sicherheit, funktioniert ohne technischen Schnickschnack wie Bezahl-Apps und hinterlässt keine Datenspur.

Die Gewohnheiten ändern sich

Mehrere Umfragen haben in den letzten Jahren gezeigt, dass die Menschen zwischen Genf und Rorschach ihre Gewohnheiten nur langsam ändern. Und so war es fast eine Sensation, als dieses Wochenende bekannt wurde, dass die Menge der Tausendernoten seit Anfang Jahr Monat für Monat zurückgeht. Seit 1979 ist es noch nie vorgekommen, dass der Umlauf der Tausendernoten sechs aufeinanderfolgende Monate lang rückläufig war, berichtete die «SonntagsZeitung».

So sah die erste Schweizer Hunderternote aus: Serie von 1907, gültig bis 1945. Foto: SNB

Der Abschied vom geliebten Bargeld – er wird immer realistischer. Laut dem ­neuesten Swiss Payment Monitor der Zürcher Hochschule für Angewandte ­Wissenschaften ist die Debitkarte gemessen am Umsatz das beliebteste Zahlungsmittel der Schweiz – vor ­Noten und Münzen.

Darauf lassen auch die Angaben von mehreren befragten Banken zu ihren Bancomatbezügen schliessen. Bei der UBS sind diese in den letzten fünf Jahren um 30 Prozent zurückgegangen. Bei anderen Banken ist die Entwicklung nicht ganz so extrem, doch sinkt auch dort die Zahl der Bargeldbezüge stetig. Die Nachfrage der Kunden sei einfach nicht mehr da, konstatieren die Banker – und lassen immer mehr Bancomaten abmontieren.

Viel lieber und öfter bezahlen die Schweizer mit ihren Maestro- und Postfinance-Karten oder mit der Kreditkarte. Die Anzahl der Transaktionen mit der Karte steigt, und der durchschnittliche Betrag pro Zahlung sinkt, das zeigen die Daten der SNB. Das heisst: Die Schweizer zücken ihre Karten zunehmend auch bei kleineren Geldbeträgen. Dabei spielt die steigende Verbreitung des kontaktlosen Bezahlens eine grosse Rolle. Besonders beim Onlineshoppen gewinnt zudem die Bezahl-App Twint an Bedeutung.

Video: Die speziellsten Schweizer Banknoten

Ein Experte verrät Aussergewöhnliches zu den Noten der Schweiz.

Könnte es also sein, dass die neue Notenserie keine Nachfolgerin mehr brauchen wird, weil der Gebrauch der Noten so stark abnimmt? Davon will die SNB nichts wissen. «Es gilt nach wie vor der Anspruch, den Sicherheitsstandard aufrechtzuerhalten und rund alle 15 Jahre eine neue Banknotenserie zu entwickeln», sagt Alain Kouo, Sprecher der SNB.

Die Zahlungsmittelumfrage aus dem Jahr 2017 bestätige den Stellenwert des Bargelds im Zahlungsverkehr und zur Wertaufbewahrung bei den privaten Haushalten. «Die SNB hat daher keine Befürchtungen, dass das Bargeld kurzfristig nicht mehr benutzt wird», so Kouo. Die Nationalbank stehe allen Zahlungsmitteln neutral gegenüber. Solange eine Nachfrage und ein Bedürfnis nach Bargeld durch die Schweizer Bevölkerung bestünden, werde die SNB auch Bargeld anbieten.

SP-Nationalrätin und Konsumentenschützerin Prisca Birrer-Heimo wollte jüngst vom Bundesrat wissen, ob ihm der Rückzug des Bargelds nicht langsam Sorgen bereite. Viele Dienstleistungen liessen sich schon heute nicht mehr bar bezahlen. Doch der Bundesrat sieht keine Anzeichen für ein rasches Aus von Münzen und Noten.

In Schweden nimmt die Anzahl der Bargeldtransaktionen pro Jahr um 25 Prozent ab.

Es gibt aber auch andere Stimmen. 2016 sagte John Cryan, der damalige Chef der Deutschen Bank, Bargeld werde in den nächsten zehn Jahren verschwinden. «Cash ist fürchterlich teuer und ineffizient.» Bargeld helfe nur noch Geldwäschern und anderen Kriminellen, ihre Geschäfte zu verschleiern. Wobei dieses Argument in der Forschung umstritten ist, weil sich Bargeld für Geldwäscherei im grossen Stil nicht eignet. Eine längere Gnadenfrist gewährt Raiffeisen-Chef Heinz Huber. Bis 2050 werde es kein Bargeld mehr geben, sagte er jüngst dem Magazin «Netzwoche».

Wie rasch die Entwicklung Fahrt aufnehmen kann, zeigt sich in Schweden. Dort nimmt die Anzahl der Bargeldtransaktionen pro Jahr um 25 Prozent ab. Der Bargeldumlauf hat sich in den vergangenen zehn Jahren praktisch halbiert. Vielerorts werden Noten und Münzen bereits nicht mehr akzeptiert. Das bringt etwa Rentner in Schwierigkeiten.

Pensionärs-Gruppen warnen davor, dass weniger technikaffine Menschen in der Entwicklung vergessen gehen. Es sei zudem immer schwieriger, überhaupt an Bargeld zu kommen, weil wegen sinkender Nachfrage vor allem in ländlichen Regionen schon viele Bancomaten abmontiert wurden.

Die Abhängigkeit vor den elektronischen Bezahlsystemen bringt neue Probleme: Für den Fall einer Krise, wie etwa eines längeren Stromausfalls, sollte jeder Haushalt einen Notvorrat an Bargeld halten, so die Empfehlung der Regierung. Sollte die Notsituation länger anhalten, dann könnten Münzen und Noten verteilt werden.

Die Frage ist also nicht mehr, was nach dem Bargeld kommt, sondern welche Problem dann gemeistert werden müssen. Cecilia Skingsley, Vizegouverneurin der Schwedischen Zentralbank, sagte jüngst an einer Konferenz: «Behaltet die Bargeld-Systeme im Auge und seid bereit, sie zu regulieren, solange noch Zeit bleibt.» Wenn die Bargeldbestände zu tief fallen, könnte es zu spät sein, um Systeme wiedereinzuführen, die zuvor abgebaut wurden. Darüber zu entscheiden, wie viel Bargeld zu wenig sei, sei nicht in der Hand der Schwedischen Zentralbank, so eine Sprecherin. Sie sorge nur dafür, dass jeder bezahlen könne und dass die, die Bargeld wollen, auch dazu kommen.

Bereits beginnt sich der Widerstand gegen den langsamen Tod des Cash zu formieren. Die europäische Bargeld-Lobby Esta warnte vor wenigen Monaten in einem Positionspapier: Bargeld funktioniere auch, wenn alle anderen Bezahlmittel versagen. Sollte es zu einer Finanzkrise kommen und die Banken in Schieflage geraten, könnten sich die Bürger ohne Bargeld nicht mehr schadlos halten. Sie könnten in einem solchen Fall das Geld nur noch an eine andere Bank transferieren.

Video: «Ich bin Fan» – die neue 20er wird lanciert

Vor dem Zürcher SNB-Sitz standen die Menschen im Mai 2017 Schlange. Video: Tamedia

Würde den Bürgern die Möglichkeit genommen, Bargeld zu beziehen, könnte das das generelle Vertrauen in das Finanzsystem untergraben. Durch die neue Facebook-Währung Libra bekam die Debatte jüngst eine neue Wendung. Sie könnte vielleicht ein Ausweg sein, um Geld aus Währungsräumen zu schaffen, die beispielsweise anfällig für Inflation sind. Vom lokalen Papiergeld könnten sich die Bürger so leicht und elegant verabschieden.

«Hassen Sie Bargeld?», fragte Max Frisch in seinem «Fragebogen». Die ­Antwort darauf könnte bald überflüssig sein, denn vielleicht blüht dem Bargeld dasselbe Schicksal wie dem Motiv auf der 100er-Note. Darauf sind die Holzkännel der Grossen Suone von Ayent zu ­sehen, die oberhalb der Schlucht des Torrent ­Croix eine überhängende Felswand queren. Das eindrückliche Bauwerk wurde durch einen praktischeren Tunnel ersetzt.

Erstellt: 02.09.2019, 18:27 Uhr

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