Revolut-Konten: Betrüger hatten «teuflisch gutes Timing»

Die SMS mit dem Link schien unverdächtig: Eine Kundin der Smartphone-Bank schildert, wie sie Tausende von Franken verlor.

Revolut-Chef Nikolay Storonsky sieht sich mit schwerwiegenden Problemen konfrontiert. Foto: Unbound London

Revolut-Chef Nikolay Storonsky sieht sich mit schwerwiegenden Problemen konfrontiert. Foto: Unbound London

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Unbekannte griffen am vergangenen Sonntag auf das Konto der Finanzdienstleisterin Revolut von Thomas Müller (Name geändert) zu. Innerhalb weniger Minuten zogen sie in sechs Transaktionen insgesamt 30'000 Franken von seinem UBS-Konto ab, wie diese Zeitung berichtete. Nun zeigt sich, dass dies kein Einzelfall war. Weitere Kunden berichten, dass sie auf ihrem Revolut-Konto erhebliche Summen verloren haben. Gegenüber dieser Zeitung haben acht Personen ihren Fall geschildert und Kontotransaktionen sowie Chatverläufe mit Revolut-Mitarbeitern dokumentiert.

Sechs von ihnen bestätigen, auf eine Phishing-Attacke hereingefallen zu sein. Die anderen zwei bestreiten dies. Das Phishing erfolgte via SMS. «Bei mir hatten die Betrüger ein teuflisch gutes Timing», berichtet eine Betroffene. Nur wenige Stunden nachdem sie in ihrem Smartphone die SIM-Karte ausgewechselt hatte, erhielt sie eine SMS, mit der Revolut angeblich eine Verifizierung des Kontos verlangte. Sie klickte den Link an, bestätigte ihr sechsstelliges Passwort und dachte, das sei beim Wechsel der SIM-Karte ein üblicher Vorgang. Doch stattdessen ermöglichte sie damit unbekannten Betrügern, auf ihr Revolut-Konto zuzugreifen.

Abbuchung ohne Nachricht

Still und leise plünderten die ­Täter am vergangenen Samstagnachmittag ihr Konto. Wie bei den anderen Betroffenen gab die Revolut-App keine Benachrich­tigung ab, wie das bei Trans­aktionen sonst üblich ist. 6000 Euro – die Kundin nutzte Revolut als Fremdwährungskonto – und 2000 Franken wurden in rumänische Lei gewechselt und an einen anderen Revolut-Nutzer überwiesen. Revolut stellte Unregelmässigkeiten fest und sperrte das Konto. Bis heute hat die Kundin noch keinen Zugriff.

Offenbar hat am vergangenen Wochenende eine Phishing-Welle die Schweizer Revolut-Kunden erreicht. Die meisten Betroffenen berichten, dass ihr Konto am Samstag gehackt worden sei. Meistens wurden Euro und Schweizer Franken in britische Pfund gewechselt und anschliessend auf ein anderes Revolut-Konto transferiert, wo sich die Spur nach bisher vorliegenden Informationen verliert. Wenn das Konto mit der Kreditkarte einer Schweizer Bank hinterlegt war, wurden von dort in einem ersten Schritt Tausende Franken auf das Revolut-Konto transferiert, wo es vor dem nächsten Transfer in eine Fremdwährung gewechselt wurde. In diesen Fällen erhielten die Kunden von ihrer Hausbank per Handy eine Benachrichtigung über die Abbuchung zugunsten von Revolut.

System sieht Betrug nicht

Doch warum versagte in diesen Fällen das Sicherheitssystem der Hausbank? Dieses sollte ungewöhnliche Zahlungen wie die Abbuchung der 30'000 Franken vom UBS-Konto Müllers erkennen und automatisch blockieren. Die UBS äussert sich nicht zum konkreten Fall. Grundsätzlich stellt sie aber fest, dass das ­System aus einer Vielzahl von Faktoren automatisiert die Wahrscheinlichkeit eines Betrugs feststellt. Bei regelmässigen Transaktionen mit dem gleichen Händler sinke die statistische Betrugswahrscheinlichkeit, und das System reagiere weniger empfindlich. Möglicherweise versagte also in diesem Fall das System, da Müller regelmässig Geld über die Kreditkarte bei der UBS auf sein Revolut-Konto transferierte.

Es dürfte etliche weitere Betroffene geben. Denn Revolut hat in seiner App inzwischen prominent platziert den Warnhinweis aufgeschaltet, dass das Unternehmen nie mit einer SMS nach dem persönlichen PIN-Code frage. Revolut bestätigt auf Anfrage, dass Kunden Geld verloren haben, doch konkrete Zahlen nennt das Unternehmen keine: «Unsere Sicherheitssysteme stellten auf einer kleinen Anzahl von Revolut-Konten unregelmässige Aktivitäten fest, nachdem einige Kunden unwissentlich auf einen Phishing-Betrug reagiert hatten», schreibt das Unternehmen in einer Stellungnahme.

«Bei mir hatten die Betrüger ein teuflisch gutes Timing.»Eine Betroffene

Es gibt weitere Anbieter wie Revolut, die ihre Finanzdienstleistungen vor allem über das Smartphone anbieten. Doch Revolut ist vermutlich der weltweit populärste. Die Rede ist von weltweit über 4 Millionen Nutzern, wobei täglich Tausende hinzukommen. In der Schweiz kursierte jüngst die Zahl von hierzulande 110'000 Kontoinhabern. Wie andere Smartphone-Banken bietet Revolut Zahlungen – vor allem auch in Fremdwährungen – zu oft deutlich günstigeren Konditionen an als traditionelle Banken.

Die Betroffenen sind verunsichert und beklagen unisono, dass sie von Revolut im Unklaren gelassen würden. Die meisten konnten nur über einen Chat Auskunftspersonen kontaktieren, die aber in der Regel nicht viel mehr tun konnten, als auf die laufenden Untersuchungen zu verweisen. Gegenüber dieser Zeitung bestätigte die Finanzdienstleisterin gestern Abend nun aber Folgendes: «Wir erstatten allen Kunden, die Opfer dieses raffinierten Betrugs geworden sind, raschestmöglich den gesamten verlorenen Betrag zurück.»

Erstellt: 23.08.2019, 06:56 Uhr

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