Unabhängigkeit ist immer besser

Was wäre geschehen, wenn die Nationalbank den Franken gleich gänzlich an den Euro gebunden hätte? Es wäre keine gute Idee gewesen.

Ihre Unabhängigkeit ist uns heilig. Passanten vor der Nationalbank in Bern. Foto: Peter Klauzner (Keystone)

Ihre Unabhängigkeit ist uns heilig. Passanten vor der Nationalbank in Bern. Foto: Peter Klauzner (Keystone)

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Die jüngste Abschwächung des Schweizer Frankens stellt eine Entspannung für die Schweizerische Nationalbank dar. Seit Jahren war sie damit beschäftigt, sich einer zu starken Aufwertung des Frankens entgegenzustemmen. Eine Alternative hätte sein können, dass die Nationalbank den Franken gleich gänzlich an den Euro gebunden hätte. Das hätte zwar vorübergehende Vorteile für die Schweiz gehabt, unter dem Strich wäre es aber die deutlich schlechtere Wahl gewesen.

Bei einer funktionierenden fixen Anbindung wären die wirtschaftlichen Schwierigkeiten vor allem für die Industrie und den Tourismus angesichts des verteuerten Frankens ausgeblieben. Es hätten sich die gleichen Wirkungen gezeigt wie bei der von der Nationalbank zeitweilig eingeführten Untergrenze des Euro-Franken-Kurses von 1.20. Wie sich nach deren Aufgabe zeigte, waren die negativen Folgen für die Schweizer Wirtschaft geringer als befürchtet. Das lässt vermuten, dass auch der positive Effekt einer vollkommenen Anbindung relativ bescheiden geblieben wären.

Das Ende der Unabhängigkeit

Anders als bei der Einführung der Untergrenze hätte aber die Nationalbank bei einer Anbindung des Frankens an den Euro ihre Unabhängigkeit aufgegeben. Faktisch hätte die Europäische Zentralbank die Schweizer Geldpolitik bestimmt. Selbst mit der Untergrenze waren Abschwächungen des Frankens möglich. Der Nationalbank blieb ein Handlungsspielraum. Vollkommen unabhängig vom Verhalten anderer Notenbanken kann allerdings keine Notenbank einer kleinen offenen Volkswirtschaft sein.

Ein oft genannter Grund für die Unabhängigkeit der schweizerischen Geldpolitik ist der Zinsvorteil gegenüber dem Ausland, vor allem gegenüber Deutschland. Eine Anbindung hätte daher wahrscheinlich zu einem Anstieg des Zinsniveaus in der Schweiz geführt, und es hätte sich dem (in jüngster Zeit ebenfalls sehr tiefen) von Deutschland angeglichen. Immerhin wären auch nur leicht höhere Zinsen in den letzten Jahren vielen willkommen gewesen.

Wenn die Nationalbank ihre Unabhängigkeit aber auch nur temporär aufgegeben hätte, würde der Zinsvorteil wahrscheinlich auch künftig nicht mehr zurückkehren oder geringer sein als in der Vergangenheit, weil dann die Bereitschaft der SNB zur Unabhängigkeit an Glaubwürdigkeit verloren hätte.

Ob eine vollständige Anbindung überhaupt funktioniert hätte, hängt davon ab, ob man der SNB auf den Devisenmärkten geglaubt hätte, diese konsequent und unter Inkaufnahme von hohen Verlusten durchzuziehen.

EU-Beitritt als logische Konsequenz

Sonst kommt das einer Einladung an Spekulanten gleich, die zum Beispiel auf eine Aufwertung (wie zeitweise bei der Kursuntergrenze) des Frankens setzen und entsprechend Franken kaufen. Um eine Aufwertung des Frankens zu verhindern, müsste die SNB Devisen gegen Franken kaufen, was ihre Bilanz aufbläht. Die Aufblähung der SNB-Bilanz war der wichtigste Grund, weshalb die SNB die Untergrenze aufgegeben hat. Im Fall einer kompletten Anbindung wären zusätzlich Spekulationen auf eine Abwertung des Frankens möglich. Die einzige glaubwürdige Strategie zur festen Anbindung an den Euro wäre letztlich die Aufgabe des Frankens und die Übernahme des Euros. Doch dann müsste sich die Schweiz komplett der EU anschliessen und sich gänzlich der Geldpolitik der EZB ausliefern.

Mit einer festen Anbindung an den Euro hätte sich der Kurs des Frankens genau gleich zum Dollar entwickelt wie jener des Euros. Die Nationalbank hat die Untergrenze zum Euro im Januar 2015 vor allem deshalb aufgegeben, weil sich der Euro zum Dollar massiv abgeschwächt hat und die Nationalbank deshalb den Franken ebenfalls zusätzlich mit massiven Devisenkäufen hätte schwächen müssen. Das hätte sie auch bei einer fixen Anbindung an den Euro tun müssen.

Negativzinsen hätte es auch bei einer fixen Anbindung gegeben, genauso wie massive Devisenkäufe. Beide Massnahmen hat die SNB ergriffen, um sich einer Aufwertung des Frankens zum Euro entgegenzustemmen.

Auch dem Finanzplatz Schweiz hätte eine fixe Anbindung des Frankens an den Euro geschadet. Während der Finanzkrise war es für die Schweiz ein grosser Vorteil, dass die Nationalbank als unabhängiger sogenannter Lender of Last Resort wirken konnte, das heisst als Institution, die im Notfall beliebig Liquidität für das Finanzsystem schaffen und so Ängste um ein Versiegen der Finanzströme zerstreuen kann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2017, 18:39 Uhr

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