Was tun, wenn plötzlich ein Testament auftaucht?

Entdecken die Erben das Testament erst, wenn sie den Nachlass schon aufgeteilt haben, kann dies unangenehme Folgen haben. Was dann gilt.

Ein Testament darf man in einer Schublade aufbewahren – oder wo man will. Doch es sollte im Todesfall auffindbar sein. Foto: iStock

Ein Testament darf man in einer Schublade aufbewahren – oder wo man will. Doch es sollte im Todesfall auffindbar sein. Foto: iStock

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Im Schrank unter Kleidern versteckt, das ist nicht unbedingt der Ort, wo man ein Testament vermuten würde. Was den Mann, dessen Fall ein Leser schildert, dazu bewogen hat, seine letztwillige Verfügung dort aufzubewahren, blieb sein Geheimnis. Vor einiger Zeit ist der Mann gestorben. Er hinterliess eine Frau und erwachsene Kinder. Diese suchten nach seinem Tod nach einem Testament, doch weder im Ordner mit den wichtigen Dokumenten noch sonst wo konnten sie eines finden. Schliesslich einigten sie sich darauf, den Nachlass so zu teilen, wie es das Gesetz vorsieht. Die Witwe bekam die eine Hälfte, die Kinder die andere.

Ein Jahr ist seit der Erbteilung vergangen. Dann zieht die Witwe aus der Wohnung aus und stösst bei der Räumung auf das Testament. Dieses enthält spezifische Anordnungen, vor allem aber sind die Kinder darin auf den Pflichtteil gesetzt – zugunsten der Mutter.

Juristisch eindeutig

Was nun? Juristisch sei der Fall klar: Das Testament sei gültig, sagt Stephan Wolf, Professor für Privatrecht an der Universität Bern. «Dass es erst nach der Teilung des Nachlasses auftaucht, ändert nichts daran, dass der wahre Erbe seinen Anteil beanspruchen darf.» Die Kinder hätten etwas bekommen, was ihnen laut Testament nicht zusteht.

Selbst wenn es der Mutter nichts ausmacht, dass die Kinder besser weggekommen sind – als Finderin des Testaments sei sie verpflichtet, dieses bei der Erbschaftsbehörde einzureichen, sagt Wolf.

Ein Testament muss man auch einreichen, wenn man der Ansicht ist, es sei ungültig, zum Beispiel weil die Unterschrift fehlt, die bei eigenhändigen letztwilligen Verfügungen zwingend ist. «Es ist nicht an der Person, die ein Testament findet, über die Gültigkeit zu entscheiden. Das ist Sache des Gerichts», sagt Wolf.

Wenn die Erbschaftsbehörde das Testament eröffnet hat, dürfen die Erben entscheiden, was sie tun. Dann steht es ihnen auch frei, sich über die Anordnungen im Testament hinwegzusetzen. Im geschilderten Fall heisst das, Mutter und Kinder könnten es bei dem belassen, wie es ist. Das geht aber nur, wenn alle damit einverstanden sind.

«Vermeintliche Erbinnen und Erben können sich auch nicht auf Gutgläubigkeit berufen, weil sie vom Testament nicht rechtzeitig erfahren haben.»Stephan Wolf, Professor für Privatrecht, Universität Bern

Die Mutter kann aber auf dem Anteil beharren, der ihr im Testament zugeteilt wird. Dann wäre die Erbschaft laut Rechtsprofessor Wolf rückabzuwickeln: Die Kinder müssten den zu viel bezogenen Teil der Mutter übergeben. In diesem Fall seien immerhin nicht noch weitere Erben eingesetzt; denn das würde die Rückabwicklung um einiges komplizierter machen.

Was aber, wenn ein vermeintlicher Erbe das Geld oder die Vermögenswerte, die er bereits bekommen hat, nicht mehr besitzt? Dann riskiere er dennoch, rückerstattungspflichtig zu werden, sagt Stephan Wolf. Notfalls müsste er sich gar verschulden. «Vermeintliche Erbinnen und Erben können sich auch nicht auf Gutgläubigkeit berufen, weil sie vom Testament nicht rechtzeitig erfahren haben.»

Gutgläubigkeit könnten nur Drittpersonen geltend machen. «Hat ein vermeintlicher Erbe seinen Anteil an eine aussenstehende Person veräussert, kann man es von dieser in der Regel nicht zurückverlangen.»

Erbanspruch verjährt nicht

Im vorliegenden Fall tauchte das Testament ein Jahr nach der Teilung des Nachlasses auf. Gibt es denn auch eine Verjährungsfrist? Laut Rechtsexperte Wolf lässt sich dies nicht eindeutig beantworten. «Der Erbanspruch ist ein Eigentumsanspruch, der verjährt grundsätzlich nicht. Man kann ihn unter anderem mit der Erbschaftsklage durchsetzen.»


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Für die Erbschaftsklage gibt es indes Verjährungsfristen. Gegenüber gutgläubigen Beklagten verjährt die Erbschaftsklage zehn Jahre nach Eröffnung des Testaments. Ist ein Testament gar nicht eröffnet worden, fängt an sich auch die Verjährungsfrist nicht an zu laufen. Im Streitfall, so Stephan Wolf, müsste ein Gericht entscheiden. Ihm sei indes kein Urteil bekannt zu einem Fall, bei dem das Testament erst nachträglich auftauchte. Wolf geht denn auch davon aus, dass nicht rechtzeitig gefundene Testamente verschollen bleiben.

Manchmal auch nur zufällig

Manchmal kommen Testamente auch eher zufällig zum Vorschein. Die Berner Rechtsanwältin und Notarin Simone Mülchi erinnert sich an einen Fall, bei dem sich der Neffe einer verstorbenen Person lange nach deren Tod bei ihr meldete. «Er meinte sich zu erinnern, dass die Tante bei mir ein Testament hinterlegt hatte. Es zeigte sich, dass dem tatsächlich so war.»

Hätte sich der Neffe nicht gemeldet, so Mülchi, wäre das Testament wohl nicht zum Vorschein gekommen, und vermutlich hätte dann auch niemand gemerkt, dass es eines gibt.

Erstellt: 03.03.2019, 23:06 Uhr

Wo das Testament aufbewahren?

Wer ein Testament verfasst, kann dieses aufbewahren, wo er will – zu Hause, auf der Bank oder bei einer Vertrauensperson. Wichtig ist, dafür zu sorgen, dass das Schriftstück im Todesfall greifbar ist. Als sichere Variante bietet sich die Aufbewahrung bei einer Amtsstelle an; jeder Kanton hat dafür eine bestimmt. Im Kanton Zürich sind es die staatlichen Notariate. Eine Hinterlegung kostet einmalig 150 Franken. Weitere 20 Franken kostet das Meldeverfahren. Damit ist gesichert, dass das Notariat im Todesfall oder beim Umzug vom Einwohneramt benachrichtigt wird. Ende 2017 waren auf den Zürcher Notariaten 40000 letztwillige Verfügungen hinterlegt, Tendenz steigend.

Im Kanton Bern fungieren die Wohngemeinden als amtliche Aufbewahrungsstelle. Die Gebühren variieren: Bern und Thun verlangen einmalig 50 Franken, in kleineren Gemeinden ist es günstiger. Auch amtlich hinterlegte Testamente kann man nachträglich ändern, ergänzen oder ersetzen, dabei ist allerdings mit weiteren Gebühren zu rechnen, wenn man sie erneut hinterlegt. Sobald die Todesmeldung bei der Gemeinde eingeht, forscht sie automatisch nach, ob eine Verfügung hinterlegt ist, und reicht diese bei der Erbschaftsbehörde ein.

Wer Testamente bei einem Notar, einer Anwältin oder einer Behörde hinterlegt, kann den Aufbewahrungsort auch im zentralen Testamentenregister des Schweizerischen Notarenverbandes eintragen lassen. Das kostet 26 Franken, für jede Testamentsänderung braucht es einen zusätzlichen Eintrag. Im Todesfall bekommt jedermann gegen Vorweisung der Todesbescheinigung Auskunft, ob für die verstorbene Person eine Verfügung registriert und wo sie aufbewahrt ist. Das Testamentenregister zählt derzeit 600000 Einträge. (afi)

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