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«Unter Versicherungen sind Bilanzprobleme die Ausnahme»

Finanzanalyst Marcello Musio kann in der Versicherungs-Branche keine gravierenden Risiken erkennen.

Herr Musio, einzelne Versicherungen meldeten bereits Verluste bei den Anlagen. Bei welchen erwarten Sie bis Ende Jahr gravierende Rückschläge? Insgesamt muss für die gesamte Branche für den Finanzanlage-Erfolg von gedämpften Erwartungen ausgegangen werden. Die grössten Rückschläge sind bei den Versicherungen mit Obligationen tiefer Qualität und höherer Aktienquote zu erwarten. Generell gilt, dass die Quote der Anlagen mit einem AAA-Rating bei den ausländischen Gesellschaften tiefer ist als in der Schweiz. Bei Fortis und Generali machen diese mit 48 respektive 42 Prozent nicht einmal ganz die Hälfte aller Obligationen aus. Die Bâloise weist unter den Schweizer Konkurrenten traditionell einen höheren Aktienanteil aus und ist stärkeren Kursschwankungen ausgesetzt.

Warum konnten sich europäische Versicherungen bisher ziemlich gut aus dem Strudel heraushalten? Europäische Versicherungen weisen mit wenigen Ausnahmen nur eine sehr geringe Exponierung gegenüber risikoreichen Anlagen wie CDS, CDO und ABS auf. Sie sind deshalb von hohen Abschreibungen deutlich weniger stark betroffen als die US-Versicherungen.

Was genau brachte AIG in Schwierigkeiten? Der amerikanische Versicherungskonzern kam in Schieflage, weil er direkt in minderwertige Hypotheken-Verbriefungen investierte und darüber hinaus den Ausfall von Finanzprodukten auf solche toxischen Bonds versicherte. Somit war AIG auf beiden Seiten der Bilanz vom Wertzerfall des US-Häusermarktes betroffen.

Verfolgen europäische Versicherer ein ähnliches Geschäftsmodell? Die meisten europäischen Versicherer sind nicht mit AIG oder mit deren Geschäftspolitik zu vergleichen. Weder in der Schweiz noch in Europa droht Versicherungen das gleiche Schicksal. Mit den Solvenzvorschriften für Versicherungen ist die Schweiz sogar einen Schritt voraus.

Worauf muss bei Versicherungen in nächster Zeit besonders geachtet werden? Von Interesse dürfte der Umfang der immateriellen Bilanzaktiven gemessen an den Eigenmitteln sein. Je grösser dieser Anteil ist, desto geringer ist die Bilanzqualität und desto höher ist die Anfälligkeit auf Wertkorrekturen. Den grössten Anteil immaterieller Aktiven weisen in der Schweiz Swiss Life und in Europa AXA auf.

Muss man Angst haben um seine Lebensversicherung? Inhaber von Renten- und Lebensversicherungen stellen sich zu Recht die Frage, ob ihre eingezahlten Beiträge noch sicher sind. Glücklicherweise kann diesbezüglich Entwarnung gegeben werden. Schon seit vielen Jahren schreiben Gesetze vor, innerhalb welchen Rahmens die Versicherungsgesellschaften die eingezahlten Beträge ihrer Kunden investieren dürfen. Allerdings müssen etliche Versicherungsnehmer damit rechnen, dass sie im laufenden und kommenden Jahr mit ihrer Renten- oder Lebensversicherung keine besonders gute Rendite erzielen werden.

Werden Versicherungen oder die Banken als Sieger aus der Krise hervorgehen? Der Versicherungssektor steht heute im Vergleich zum Bankensektor viel robuster da und hat in Bezug auf eine Unternehmensneuausrichtung keinen grundlegenden Nachholbedarf. Die Versicherer weisen branchenweit weitgehend solide Bilanzen auf. Dies ist auf eine erfolgreiche Restrukturierung in 2002 und 2003 zurückzuführen. Unter Versicherungen sind Bilanzprobleme deshalb die Ausnahme.

Marcello Musio ist Portfolio-Manager des Finanz Vision Fonds der Zürcher Kantonalbank.

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