Warum China seine Währung abstürzen liess

Die Zentralbank verkauft die Massnahme als Teil des Reformprogramms. Sie ist jedoch Zeuge einer zunehmend instabilen Volkswirtschaft.

Mit der Abwertung des Yuan greift die Zentralbank zu einem altbekannten Gegenmittel bei sinkenden Ausfuhren.

Mit der Abwertung des Yuan greift die Zentralbank zu einem altbekannten Gegenmittel bei sinkenden Ausfuhren. Bild: Rolex Dela Pena/Keystone

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Die chinesische Zentralbank hat ihre Landeswährung Renminbi am Dienstag markant abgewertet. Sie senkte den täglichen Referenzkurs um 1,9 Prozent und löste den grössten Kursrutsch seit 1994 aus. Die Bank begründete in einer Stellungnahme ihr Vorgehen als weitere Annäherung an marktwirtschaftliche Mechanismen. Sie habe sich den Erwartungen der Händler mit ihrem drastisch geringeren Referenzkurs angepasst, hiess es. Die Staatspresse verkaufte den Schritt als weiteren Baustein des finanzpolitischen Reformprogramms. Doch der Zeitpunkt der Abwertung mitten in eine Phase schwacher Exportzahlen chinesischer Unternehmen zieht Fragen nach sich.

Denn mit der Abwertung des Yuan greift die Zentralbank auch zu einem altbekannten Gegenmittel bei sinkenden Ausfuhren. Im Juli waren die Exporte der chinesischen Wirtschaft überraschend deutlich um mehr als acht Prozent gesunken und lösten neue Sorgen aus über die Stabilität der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt. Mit einer niedrigeren Bewertung der Währung verschafft Peking seinen Exporteuren einen Wettbewerbsvorteil mit der internationalen Konkurrenz. «Wir gehen davon aus, dass die Massnahme darauf zielt, Druck von den chinesischen Exporten zu nehmen», sagte Ökonom Guo Lei von Founder Securities in Shanghai der Nachrichtenagentur Reuters.

China in der Zwickmühle

Analysten erkennen hinter der Abwertung ein weiteres Warnsignal für den Zustand der chinesischen Konjunktur. Für das laufende Jahr hat Peking sieben Prozent Wachstum angepeilt, doch die schwachen Wirtschaftsdaten des laufenden Jahres lassen befürchten, dass das Ziel verfehlt wird. An der Richtigkeit der Statistiken wird ohnehin gezweifelt, weil ein transparentes System zur Datenermittlung fehlt und die Zahlen aus den Provinzen in der Vergangenheit häufig frisiert wurden, um die Erwartungen der Zentrale zu erfüllen oder gar zu übertreffen. Das Weltwirtschaftsinstitut in Kiel stellte zudem kürzlich in einer Studie fest, dass Chinas Konjunktur schneller abkühlt, als die offiziellen Daten zeigen. Selbst wenn die sieben Prozent erreicht werden, wäre es das schwächste Wachstum seit 25 Jahren.

Peking befindet sich in der Zwickmühle zwischen dem Versprechen zu mehr Liberalität von Finanzmärkten und Kapitalströmen einerseits und dem Handlungsbedarf, die Konjunktur auf Kurs zu halten, andererseits. Mit der plötzlichen Angleichung an die Erwartungen des Marktes, die die Zentralbank als Begründung vorschob, bewegt sich China zwar in Richtung seiner Zusagen. Doch ob es sich tatsächlich nur um eine «einmalige Angleichung» handelt, wird erst die Zeit zeigen. Bislang hat die Zentralbank bei der Festlegung des Referenzkurses häufig gegen die Erwartungen des Marktes gehandelt, um die Schwankungen der Währung im Zaum halten und die Wertentwicklung besser kontrollieren zu können.

Als gebranntes Kind wecken die Chinesen mit dem jüngsten Schritt neues Misstrauen bei ihren wichtigsten Handelspartnern in den USA, Europa oder in Japan. Die politischen Nachwirkungen könnten sich auch über den USA-Besuch von Chinas Staatspräsident Xi Jinping Ende September legen. Die künstliche Abwertung hat in der Vergangenheit zwischen den beiden grössten Volkswirtschaften schon für viel Konfliktstoff gesorgt, der auch andere Lösungsversuche anderer Probleme behinderte.

Die Konsequenzen der Währungsabwertung

Auch der Internationale Währungsfond (IWF) wird die weitere Entwicklung mit grossem Interesse verfolgen. China buhlt darum, in den gemeinsamen Währungskorb mit den wichtigen Währungen der Welt aufgenommen zu werden. Es wäre ein wichtiger Schritt für den Renminbi, seinen von der Staatsführung erhofften Status als Reservewährung voranzutreiben. Peking will mit der Internationalisierung des Renminbi die tragende Rolle des US-Dollar herausfordern und die politische Einflussnahme der Amerikaner mithilfe des Greenback reduzieren. Eingriffe in die Kursentwicklung helfen nicht, Vertrauen zu gewinnen.

Doch nicht nur die grossen Handelspartner der Chinesen spüren durch die Benachteiligung ihrer Firmen auf dem Weltmarkt die Konsequenzen der Währungsabwertung. Vor allem auch andere Entwicklungs- und Schwellenländer könnten sich bewogen fühlen, ihrerseits die Landeswährung abzuwerten, um die entstandenen Nachteile auszugleichen. Wenn ein solches Szenario an Dynamik gewinnt, droht ein regelrechter Währungskrieg, der in massiven Einbrüchen bei Auslandsinvestitionen enden könnte und nicht nur einzelnen Volkswirtschaften, sondern auch der globalen Konjunktur schaden könnte.

Auch China selbst muss befürchten, dass ausländisches Kapital aus dem Land abfliesst, weil die Sorge um die Wirtschaftsleistung die Investoren umtreibt. Offizielle Statistiken zeigen, dass Chinas Währungsreserven in den vergangenen zwölf Monaten von knapp vier Billionen US-Dollar auf 3,7 Billionen gesunken sind.

Erstellt: 11.08.2015, 18:27 Uhr

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