Wenn Rohstoffhändler Geld verschenken

Das Luzerner KKL und seine Klassikfestivals haben grosszügige Spender aus dem Rohstoffhandel.

In Luzerner Klassikhöhepunkten steckt viel Geld aus der Rohstoffbranche: Das KKL in Luzern.

In Luzerner Klassikhöhepunkten steckt viel Geld aus der Rohstoffbranche: Das KKL in Luzern.

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Wie viele Millionen das grandiose Kultur- und Kongresszentrum Luzern dem Rohstoffhandel zu verdanken hat, wurde nie öffentlich. Denn über ihre Spenden schweigen die Rohstoffhändler genauso wie über ihre lukrativen Deals. Wahrscheinlich floss ein ansehnlicher Betrag im zweistelligen Millionenbereich in das 1998 erbaute KKL. Wer sich die Mühe nimmt, die Liste der 486 Donatoren im Innern des Kulturtempels zu studieren, kann immerhin die Namen der spendablen Rohstoffhändler herausfinden: Marc Rich, Rich-Stiftung, Darchey-Noam-Stiftung und Solon-Stiftung. Marc Rich ist der berühmt-berüchtigte und mittlerweile verstorbene Zuger «King of Oil». Er und seine Stiftung sind Hauptdonatoren des KKL. Genauso wie die beiden anderen Stiftungen: Die eine wurde von Pincus Green präsidiert und die andere von Alexander Hackel verwaltet – beides langjährige Partner in der Marc Rich + Co. Holding, der Vorläuferin von Glencore.

Die Tradition lebt auch heute weiter. Glencore sponsert seit Jahren das Lucerne Festival zu Ostern – genauso wie The Marc Rich Foundation das Lucerne Festival im Sommer. Beide sind Teil des dreimal jährlich stattfindenden Lucerne Festivals, das zu den weltweit renommiertesten Anlässen der klassischen ­Musik gehört. Nach Informationen des TA zahlt alleine Glencore zwischen einer Viertelmillion und einer halben Million Franken jährlich, damit ihr Firmenlogo diskret im Programmheft erscheint.

Undurchsichtige Geldmaschine

Seit 2012 findet in Luzern zudem jährlich das der russischen Musik gewidmete Festival «Zaubersee – Russian Music Lucerne» statt. Ende Mai wird das Luzerner Sinfonieorchester zusammen mit russischen Künstlern wieder während vier Tagen Konzerte im KKL geben. Auch dieses Festival wird vom Rohstoffhandel gesponsert. Gönner sind unter anderem Margarita Louis-Dreyfus, die Ehefrau des 2009 verstorbenen Geschäftsmannes und Erbin eines Milliardenunternehmens, Robert Louis-Dreyfus. Seit 2012 ist die Russin Verwaltungsratspräsidentin des Pariser Agrarrohstoffhandelskonzerns Louis Dreyfus Commodities mit Ablegern in Genf und Luzern.

Ebenfalls als Förderer ist eine gewisse «Familie S., Schweiz» aufgeführt. Es handelt sich um den in Oberwil bei Zug lebenden Konstantin S. Der Russe geriet vor einigen Jahren als Finanzchef des in Zug domizilierten Gashändlers Rosukrenergo AG in die Schlagzeilen. Unter dem Titel «Undurchsichtige Geldmaschine» schrieb beispielsweise die «Süddeutsche Zeitung», dass Rosukrenergo alleine zwischen 2005 und 2007 2,33 Milliarden Dollar Nettogewinn gemacht hätte. Dabei sei der Gewinn zur Hälfte an den 50-Prozent-Anteilseigner Gazprom und zu 45 Prozent an den ukrainischen Oligarchen Dmitri Firtasch geflossen. Der zehnfache Milliardär galt als Vertrauter des abgesetzten Präsidenten Janukowitsch.

Dabei leitet Rosukrenergo als Zwischenhändler eigentlich nur Gas von Russland in die Ukraine weiter, um es dort an die staatliche Gasgesellschaft zu verkaufen. Deshalb machten Gerüchte die Runde, dass sich einige hochrangige russische Vertreter und ukrainische Politiker so beträchtliche persönliche Einkünfte verschufen. Die damalige ukrainische Premierministerin Julia Timoschenko hatte im Rahmen des russisch-ukrainischen Gasstreits Rosukrenergo und Firtasch in den USA eingeklagt.

Gazprom sponsert in Zürich

Letzten Monat wurde Dmitri Firtasch vor dem Wiener Sitz seiner Firma aufgrund eines internationalen Haftbefehls des FBI von Polizisten verhaftet. Dem 48-jährigen Firtasch wird Bestechung und Bildung einer kriminellen Vereinigung im Zusammenhang mit seinen Auslandsgeschäften vorgeworfen. Sein Komplize soll der ukrainische Mafiapate Semjon Mogilewitsch sein, der seit 2009 auf der FBI-Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher steht.

Obwohl der Name S. noch diese Woche auf dem im Internet aufgeschalteten Konzertprogramm zu lesen war, sagt Numa Bischof Ullmann, Intendant des Luzerner Sinfonieorchesters, gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Das Engagement der Familie S. besteht mittlerweile nicht mehr, es ist zufällig aus einer privaten Bekanntschaft entstanden.» Wie er weiter erklärt, habe ihm Konstantin S. anstelle seines privaten Engagements die ukrainische Ostchem als neuen Sponsor vermittelt.

Die Ostchem Holding gehört Dmitri Firtasch und ist in Zug durch die Ostchem Gas Trading AG vertreten. «Aufgrund des neuen Informationsstandes von Mitte März haben wir umgehend entschieden, das Sponsoring mit Ostchem aufzulösen», beteuert Bischof Ullmann. Konstantin Shmelev sowie die Rosukrenergo AG wollten keine Stellung beziehen.

Auch Dmitri Firtaschs russische Partnerfirma Gazprom ist eine Liebhaberin klassischer Musik. Der grösste Erdgasförderer der Welt ist Sponsor des neuen Zürcher Klassikfestivals «Die vier Jahreszeiten» sowie der Konzertreihe «Russische Virtuosen verzaubern Zürich». Letzten Oktober sorgte ein Konzert in der Zürcher Tonhalle für besondere Aufmerksamkeit: Greenpeace liess vor dem Konzerthaus eine Tänzerin einen ölverschmierten, «sterbenden Schwan» spielen. Damit protestierten die Umweltschützer gegen die Ölförderung von Gazprom in der Arktis.

Erstellt: 05.04.2014, 09:11 Uhr

Dmitri Firtasch.

Margarita Louis-Dreyfus.

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