Warum die Facebook-Währung den Dollar nicht ersetzen kann

Kann man einem Techriesen sein Geld anvertrauen? Und was bringt die neue Digitalwährung Libra?

«Facebook hat bewiesen, dass das Unternehmen nicht in der Lage ist, Kundendaten zu schützen», sagt Autor Holger Alich. (Bild: Reuters)

«Facebook hat bewiesen, dass das Unternehmen nicht in der Lage ist, Kundendaten zu schützen», sagt Autor Holger Alich. (Bild: Reuters)

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An Superlativen wurde nicht gespart: Von einer neuen «Weltwährung» war zu lesen, die das Zeug dazu habe, die Finanzindustrie durcheinanderzuwirbeln. Die Rede ist von Facebooks neuer Digitalwährung namens Libra. Hardcore-Liberale sehen ihren Traum zum Greifen nah: die Privatisierung des Geldwesens. Techgläubige rufen das nahe Ende der Banken aus. Und Datenschützer warnen vor einem globalen Monopol, das nun auch nach unseren Bankdaten greift.

Wo Facebook draufsteht, ist oft ein Hype drin. Sicher ist: Der geplante Einstieg des US-Riesen in das Zahlungsverkehrsgeschäft hat grosses Potenzial, das zeigt der Blick auf die Verbündeten wie Visa, Mastercard und Paypal. Doch die Erfahrung in China mit dem Einstieg von Techriesen ins Finanzgeschäft lehrt, dass Behörden das Entstehen eines Finanz-Paralleluniversums nicht dulden werden. Darüber hinaus zeigen die bisher bekannten Eckpunkte des Projekts einige Schwachpunkte. Vollkommen offen ist zudem, inwieweit Nutzer der Datenkrake Facebook vertrauen, mit ihrem Geld vernünftig umzugehen.

Libra will eine neue Digitalwährung sein. Geld über Landesgrenzen zu überweisen, soll damit so einfach werden, wie eine Whatsapp-Nachricht zu verschicken. Das Projekt wird von 27 Partnern getragen, dazu zählen neben den Kreditkartenriesen auch Uber und Spotify. Banken sind nicht mit von der Partie. Libra soll anders als Bitcoin stabil im Wert bleiben.

«Bei Finanzgeschäften ist nicht Technologie die wichtigste Ressource, sondern Vertrauen.»

Für die rund 1,7 Milliarden Menschen ausserhalb der Industriestaaten, die keinen Zugang zu einem funktionierendem Banksystem haben, könnte Libra einen echten Zusatznutzen bringen. Und sollten Auslandsüberweisungen wirklich zu enorm tiefen Kosten ablaufen, dürfte das Banken auch in Ländern wie der Schweiz zu Preisanpassungen bewegen.

Doch grosse Zweifel bleiben. Denn bei Finanzgeschäften ist die wichtigste Ressource nicht Technologie, sondern Vertrauen. Vor diesem Hintergrund hätte sich Facebook keinen schlechteren Zeitpunkt zum Start des Libra-Projekts aussuchen können. Das Unternehmen hat im Skandal um Cambridge Analytica über die nicht autorisierte Weitergabe von Nutzerdaten bewiesen, dass es nicht in der Lage ist, Kundendaten zu schützen. Zudem hat Facebook bei der Aufarbeitung des Skandals eine denkbar schlechte Figur gemacht.

Wenn der Techriese schon mit der Verwahrung meiner Mailadresse überfordert ist, warum soll ich ihm mein Geld anvertrauen? Wenig vertrauenerweckend ist, dass der Konzern das Wissen um die Zahlungsströme «nur mit Einverständnis» der Nutzer auswerten will. Das klingt so, als ob ich in einem tief versteckten Untermenü irgendwo ein Häkchen entfernen muss, um die Datenweitergabe zu verhindern.

«Wird Libra ein Erfolg, wird das Konsortium ein milliardenschweres Portfolio verwalten.»

Wenig vertrauenerweckend sind zudem die Details mit Blick auf die versprochene Werthaltigkeit. So betonen die Macher, dass «Libra nicht immer zum selben Betrag in eine lokale Währung konvertiert werden kann». Sprich, wenn ich einen Franken einzahle, weiss ich nicht, wie viel ich später wieder herausbekomme.

Die Antwort Libras auf das Problem der Werthaltigkeit wirft erst recht Fragen auf: Damit Libra stabil bleibt, will das Betreiberkonsortium von den eingetauschten Dollars und Franken liquide und sichere Wertpapiere kaufen. Von den Erträgen aus diesen Wertpapieren soll dann das ganze System finanziert werden, der Kunde sieht davon keinen Rappen.

Das ist ein wichtiger Knackpunkt: Wird Libra ein Erfolg, wird das Konsortium ein milliardenschweres Portfolio verwalten. Dafür braucht das Unternehmen zum einen die entsprechende Zulassung der Regulierer. Zum anderen wird Libra anfällig für sogenannte Runs: Wenn ein Grossteil der Kunden zur gleichen Zeit ihr Geld zurücktauschen will, muss Libra das Portfolio auf den Markt werfen – was entsprechende Verwerfungen auslösen könnte. Mit dem Risiko, dass nicht alle Kunden ihr Geld zurückbekommen könnten.

Finanzbranche kommt bisher glimpflich davon

Genau dieses Konzept, die Erträge der ungenutzten Kundengelder zu kassieren, hatten sich Alipay und Tencent in China ausgedacht. Die Behörden reagierten: Seit Anfang des Jahres müssen die Finanzarme der Techkonzerne in China 100 Prozent der Kundengelder auf einem nicht verzinsten Konto bei einer Bank deponieren.

Es hat schon seinen Grund, warum die Finanzbranche bisher relativ ungeschoren durch die digitale Revolution gekommen ist. Der Sektor ist – im Unterschied zum Geschäft mit Musik, Filmen oder Journalismus – hoch reguliert. Daher ist zu vermuten, dass Libra eher Partner als Ersatz für die etablierte Finanzindustrie werden wird. Und ein Ersatz für Dollar und Franken wird die neue Digitalwährung sicher nicht.

Erstellt: 22.06.2019, 11:53 Uhr

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