Genf und seine Franzosen

Die Schweizer UNO-Stadt und ihr Umland sind eng verbunden und ihre Beziehung angespannt. Der harte Franken verstärkt beides.

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Keine Stadt freut sich so darüber wie Genf, dass sie die Nachbarn losgeworden ist. Und Genf tut es jedes Jahr. Wobei man sagen muss, dass die Nachbarn nicht zum Einkaufen kamen, sondern als Eroberer. Die Savoyarden stiegen nachts die Mauern hoch, um das Stadttor für ihre Kollegen aufzumachen. Die Genfer merkten es und schlugen die Eindringlinge zurück oder tot. Das war in der Nacht auf den 12. Dezember 1602.

Eine Milliarde Verlust

So feiern die Genfer jährlich den Sieg – und erleiden täglich eine Niederlage. Gegen 100'000 Grenzgängerinnen und -gänger fahren jeden Morgen in die Schweiz; sie drängen auf dem Weg durch enge Dörfer, stehen im Stau, verstellen die Strassen, belasten die Stadt. Busverbindungen gibt es kaum, die S-Bahn zwischen Genfer und Annemasse wird seit hundert Jahren diskutiert und seit zwanzig Jahren geplant, der Bau dauert noch drei Jahre.

Seine Verzögerung liest sich als weiteres Symptom der spannungsvollen Beziehung zwischen der Stadt und dem französischen Umland, das den Kanton Genf zu 96 Prozent umschliesst. Die Grenzgänger kommen von immer weiter her und fahren immer tiefer ins Land hinein, manche bis ins Wallis, mit Fahrzeiten von bis zu vier Stunden täglich. Und ihre Zahl nimmt zu. 2004 beschäftigte Genf gegen 37'200 Grenzgänger, im letzten Jahr waren es mit 72'000 fast doppelt so viel. Immer mehr Franzosen arbeiten auch im Kader von Unternehmen. Welsche machen ihnen ähnliche Vorwürfe wie die Deutschschweizer den Deutschen: Sie dächten hierarchisch, würden sich überschätzen und hievten Landsleute in wichtige Positionen, um ihre Macht zu erhalten.

Eine solche Lohnerhöhung hat kaum einer je bekommen.

Der starke Franken beschleunigt die Entwicklung. Als die Nationalbank ihren Entscheid fällte, verdienten die Frontaliers aus der Haute-Savoie auf Anhieb 20 Prozent mehr, eine solche Lohnerhöhung hat kaum einer je bekommen. Der Kanton rechnet mit tieferen Steuereinnahmen aus dem letzten Jahr, ein Drittel der Genfer Industrie meldet sinkende Umsätze, verschiedene Quellen schätzen den Verlust für die lokale Wirtschaft auf eine Milliarde Franken.

Getroffen sind Exportbranchen wie die Uhrenindustrie und die Warenhäuser sowie kleine Läden in Genf, weil jetzt noch mehr Schweizer zum Einkaufen die Grenze überschreiten; Essen, Kleider und auch das Kino kosten dort deutlich weniger. Und da Genf zum Wohnen unverändert teuer bleibt, weichen immer mehr Schweizer nach Frankreich aus, wo die Zahl der Häuser und ihre Preise steigen. Das freut die lokale Bauwirtschaft, macht aber den französischen Mietern Sorge.

Protestbewegung von rechts

Die Beispiele zeigen, wie eng Genf und sein Umland aufeinander bezogen bleiben. Paradoxerweise verstärken die Abhängigkeiten auch die Spannungen. Manche Schweizer Betriebe beschäftigen über die Hälfte Franzosen, weil sie keine Schweizer finden, die für billige Jobs mit niedrigem Lohn arbeiten wollen. Kämen die Grenzgänger nicht jeden Morgen nach Genf, würde die Wirtschaft der Stadt kollabieren. Diese starke französische Präsenz schürt Ressentiments. Obwohl viele Schweizerinnen mit Franzosen verheiratet sind oder umgekehrt, obwohl Stadt und Umland sich immer stärker zu einem «Grand Genève» verflechten, wächst der Genfer Unmut gegen Frankreich.

Der Mouvement Citoyens Genevois (MCG), eine lokale Protestbewegung, hat 2013 bei den Kantonswahlen zusammen mit der SVP Wähleranteile zugelegt und stellt sogar einen Regierungsrat. «Immer häufiger werden Grenzgänger mit Pamphleten des MCG konfrontiert, die wie zufällig auf den Mittagstischen herumliegen», sagt Jean-François Besson, der seit zwanzig Jahren beim Groupement transfrontalier européen arbeitet, einer französischen Lobbygruppe. Die Kampagnen der UDC, wie die SVP im Welschland heisst, irritieren auch jene, die seit über dreissig Jahren nach Genf zur Arbeit fahren. «Es ist kränkend, so pauschal schlechtgemacht zu werden», kommentiert Besson, obwohl er weiss, dass der Kanton die Masseneinwanderungsinitiative der SVP deutlich zurückgewiesen hat.

Auch der MCG, der seinen Erfolg dem Unmut der Genfer über die Grenzgänger zu verdanken hat, verlor bei den Kommunalwahlen Stimmen und Sitze. Für seine Initiative gegen die Steuerrückzahlung des Kantons an die Grenzgänger brachte er nicht einmal die Unterschriften zusammen.

Die Ambivalenz der Genfer

Die ambivalenten Signale der Bevölkerung bestätigen die Ambivalenz einer Stadt, die neben der UNO viele internationale Organisationen und Firmen beherbergt und sich als weltoffen und tolerant versteht – und die gerade deshalb regelmässig von fremdenfeindlichen Gruppierungen heimgesucht wird. Früher waren das die Vigilants, eine fremdenfeindliche Partei, die aufkam, eine Menge Lärm machte und wieder verschwand, jetzt ist es der MCG, der das Protestpotenzial der Unzufriedenen in Lokalpolitik verwandelt.

Die rechtspopulistische Bewegung vereint fremdenfeindliche Populisten wie Eric Stauffer mit Gemässigteren oder Exzentrikern, darunter den Anwalt Patrick Dimier, ein geistreicher, hochgebildeter Causeur aus einem alten Genfer Geschlecht. Seine Mutter sei Französin gewesen und er kein Xenophobe, sagt er, «ich habe mich der Bewegung aus tiefem Ekel gegenüber der anderen Parteien angeschlossen». An der SVP missfällt ihm «der frontistische Ton», wie er es nennt, was ihn nicht daran hindert, die Durchsetzungsinitiative zu unterstützen. Den Entscheid der Nationalbank hält er für eine «stupidité profonde.» Ob er denn nicht auch in Frankreich einkaufe? «Ich gestehe, dem Ruf der Sirene schon gefolgt zu sein.» Zwei Antworten später erzählt er einem, was Cäsar in seinem ersten Gallierbuch über Genf notiert habe.

Der war ja, auf seine Weise, auch von aussen hierhergekommen.

Erstellt: 07.02.2016, 18:25 Uhr

Serie

Die Folgen der Frankenstärke

Vor einem Jahr wurde die Schweiz im Vergleich zu den Euroländern auf einen Schlag teurer; die Schweizerische Nationalbank hatte am 15. Januar 2015 den Mindestkurs zum Euro von 1.20 Franken aufgegeben. Auswirkungen zeigten sich in der ganzen Schweiz, besonders betroffen waren aber die
Grenzregionen. Was sich dort, in Basel, der
Ostschweiz, in Genf und im Tessin, im Laufe
des Jahres änderte, zeigt Tagesanzeiger.ch/Newsnet in einer Serie auf.

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