Gewerkschaften wollen die Temporärarbeit einschränken

Die Arbeit auf Zeit hat in der Schweiz deutlich zugenommen. Für den Gewerkschaftsbund sind das «prekäre Verhältnisse», für die Arbeitgeber ein Bedürfnis von Gesellschaft und Wirtschaft.

Die ­Hälfte der Temporärangestellten sind Fachkräfte und Akademiker: Beschäftigter in einem Maschinenbau-Betrieb in der Schweiz. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Die ­Hälfte der Temporärangestellten sind Fachkräfte und Akademiker: Beschäftigter in einem Maschinenbau-Betrieb in der Schweiz. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) fordert schärfere Massnahmen gegen Temporärarbeit. Der neue SGB-Präsident Pierre-Yves Maillard trat mit dieser Forderung gestern erstmals vor die Medien. Er war kämpferisch wie immer, und es schien, als habe er noch nie etwas anderes gemacht.

Für Maillard war es eine Rückkehr auf die Berner Bühne, die er 2004 als Nationalrat zugunsten des Staatsrats des Kantons Waadt verlassen hatte. Im Herbst ­dürfte er wieder in das Bundesparlament zurückkehren. Seine ­Partei, die SP, hat ihn bereits als Kandidat für den Nationalrat bestimmt. «Notre petit Blocher vaudois», wie man ihn einst wegen seiner angriffigen Rhetorik in Anspielung an Alt-Bundesrat Christoph Blocher nannte, wäre dann wieder dort, wo ­seine nationale Politkarriere begann.

Auch über die Zunahme der Temporärarbeit hielt Maillard gestern ein scharfes Plädoyer. Diese sei grundsätzlich «prekär», und es gelte, «den weiteren Vormarsch dieser Arbeitsform» zu stoppen. Die Mehrheit der Temporärarbeitenden wolle lieber eine Festanstellung, wie ausgerechnet eine Untersuchung der Arbeitgeber aufgezeigt habe. Was Maillard nicht erwähnte: Dieselbe Erhebung ergab aufgrund einer Befragung von 4000 Zeitarbeitern, dass dieser Wunsch für die Hälfte der Betroffenen nach zwei Jahren in Erfüllung geht; ­allein im letzten Jahr fanden rund 240'000 Temporärarbeitende eine Festanstellung. Die ­Hälfte der Temporärangestellten sind gemäss der Untersuchung Fachkräfte und Akademiker.

Obergrenze für Firmen

Die Gewerkschaften forderten, dass Zeitarbeiter überall die gleichen Anstellungsbedingungen haben wie Festangestellte, dass Bund und Kantone Temporär­büros systematisch überprüfen und dass für die Arbeitssicherheit und den Gesundheitsschutz bessere Präventionsmassnahmen ergriffen werden.

Weil die Temporärarbeit auf Löhne und Arbeitsbedingungen drücke, müsse sie eingedämmt werden, sagte Maillard. Bund und Kantone sollen zudem Obergrenzen für den Temporäranteil festhalten für Firmen, die an öffentlichen Beschaffungen teilnehmen wollen. Das hatte der Kanton Genf vor zwei Jahren eingeführt. Auf Beschwerde des Verbands der Personaldienstleister wurde dies allerdings vom Genfer Verfassungsgericht im Fe­bruar mangels Rechtsgrundlage als Verstoss gegen die Wirtschaftsfreiheit eingestuft und unterbunden.

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Völlig schutzlos sind Temporärarbeitende heute nicht. Laut Vania Alleva, Präsidentin der Gewerkschaft Unia, gelten für sie überall dort, wo es einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) gibt, bereits die gleichen Bedingungen wie für die Festangestellten. Seit sieben Jahren gibt es zudem einen eigenen Gesamtarbeitsvertrag für die Temporärbranche. Er sieht Mindestlöhne in zahlreichen Branchen vor, wo es keinen GAV gibt.

Und diese Mindestlöhne steigen gemäss Vertrag jedes Jahr an. Der Mindestlohn für Ungelernte ist seit 2012 um knapp 16 Prozent erhöht worden. Der GAV hat zudem eine Weiterbildungsinstitution für Zeitarbeitende geschaffen, die letztes Jahr 9,5 Millionen Franken für knapp 8000 Arbeitnehmer bewilligte.

Keinen Mindestlohn für Temporäre gibt es laut Alleva im öffentlichen Verkehr, in der Chemie, im Maschinenbau, in der grafischen und in der Nahrungsmittelindustrie. Die Gewerkschaften wollen die Situation der Temporärarbeitenden in einem neuen Gesamtarbeitsvertrag verbessern, wie Alleva ausführte. Bisher hat man sich darüber mit den Arbeitgebern aber nicht ­einigen können. Der laufende Gesamtarbeitsvertrag wurde bis Ende 2020 verlängert. Notfalls werde man die Regulierung «per Gesetz» verschärfen, sagte sie.

Saisonniers ersetzt

Ebenso entscheidend sind laut Alleva die flankierenden Massnahmen zur Personenfreizügigkeit, weil die Gewerkschaften damit dort Kontrolle hätten, wo die Gefahr für Lohndumping am grössten sei. SGB-Chefökonom Daniel Lampart ergänzte, dass ein grosser Teil der Zunahme der Temporärarbeit auf die Personenfreizügigkeit zurückzuführen sei: «Die Temporärstellen haben teilweise die Saisonniers ersetzt.»

Leif Agnéus, Präsident des Verbands der Arbeitgeber der Branche und General Manager bei Manpower, widerspricht den Gewerkschaften: «Temporärarbeit ist keine prekäre Arbeitsform.» Flexible Arbeitsformen würden wachsen, weil dies ein Bedürfnis der Gesellschaft und der Wirtschaft sei. Agnéus findet, die Sozialpartner sollten zusammenarbeiten, statt die Entwicklung zu bremsen.

Erstellt: 13.05.2019, 21:05 Uhr

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