Gleiches Mittel, anderer Preis

Die Generikahersteller von Schmerzmitteln steuern ihre Umsätze über die Rezeptpflicht, Preise und Menge. Kunden bezahlen so für die gleiche Pille bis zum Dreifachen mehr.

Komplizierte Preisbildung beim Schweizer Schmerzmittel-Markt: Medikamentenregal einer Berner Apotheke.

Komplizierte Preisbildung beim Schweizer Schmerzmittel-Markt: Medikamentenregal einer Berner Apotheke. Bild: Keystone

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Prominent platziert stehen sie in den Apothekenregalen auf Augenhöhe der Kunden: Algifor forte, Dafalgan oder Panadol. In den meisten Schweizer Haushalten dürfte irgendwo ein rezeptfreies Schmerzmittel lagern.

Die Dynamik des Schmerzmittel-Markts in der Schweiz ist kompliziert. Bei allen gängigen Schmerzmitteln ist der Patentschutz abgelaufen. Generika sind für fast alle Dosierungen und Packungsgrössen erhältlich. Viele Kunden wissen nicht, dass sie für das identische Schmerzmittel in gleicher Dosierung bis zu dreimal mehr bezahlen müssen.

So kostet eine Zehnerpackung des Schmerzmittels Algifor forte, das den Wirkstoff Ibuprofen mit einer Dosierung von 400 Milligramm enthält, je nach Apotheke zwischen 9.50 und rund 11 Franken. Das identische Produkt, das Generikahersteller mit Packungen à 20 Tabletten verkaufen, kostet jedoch nur zwischen 7.20 und 7.25 Franken. Der Preisunterschied pro Tablette kann bis das Dreifache erreichen.

Swissmedic entscheidet

Während Algifor frei erhältlich ist, sind die Ibuprofen-Generika rezeptpflichtig, da in den Packungen 20 Tabletten statt 10 sind. Den Entscheid, ob ein Medikament rezeptpflichtig ist oder nicht, fällt die Arzneimittelbehörde Swissmedic. Sie teilt jedes Präparat in eine von fünf Kategorien ein. Neben der Packungsgrösse zählen Dosierung, Therapiedauer oder Nebenwirkungen zu den Kriterien. Ein neues Medikament wird in der Regel von der Swissmedic immer in die rezeptpflichtigen Kategorien A oder B eingeteilt, weil die Risiken noch zu wenig bekannt sind. Frühestens fünf Jahre nach der Zulassung kann der Hersteller beantragen, dass sein Medikament nicht mehr rezeptpflichtig ist. Im Fall von Algifor forte will man verhindern, dass Patienten ohne ein ärztliches Rezept mehr als 10 Tabletten aufs Mal kaufen können.

Man kann das aber umgehen, indem man zwei verschiedene Apotheken aufsucht.

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Für die Hersteller ist nicht nur entscheidend, ob ein Medikament als rezeptpflichtig eingestuft wird, sondern auch ob es kassenpflichtig ist. Sobald Letzteres der Fall ist, wird der Preis vom Bundesamt für Gesundheit festgelegt. Ist es nicht kassenpflichtig, kann der Hersteller den Preis selbst bestimmen. Während die Pharmafirmen bei teuren Präparaten daran interessiert sind, dass die Medikamente von der Kasse vergütet werden, ist dies bei günstigen Arzneimitteln nicht der Fall. Gerade bei Schmerzmitteln sind die staatlich verordneten Preise mittlerweile sehr tief. Für einen Hersteller kann es deshalb interessant sein, dass er ein Medikament nicht als kassenpflichtig einstufen lässt, damit er den Preis selbst festlegen kann.

Vifor Pharma, der Hersteller von Algifor forte, hat sich für diesen Weg entschieden. Die Tochter der Berner Pharmagruppe Galenica kann im frei verkäuflichen Markt ihr Schmerzmittel ganz legal bis zu dreimal teurer verkaufen, als wenn es kassenpflichtig wäre.

Bemerkenswert ist der Preisunterschied zu Deutschland. Dort beträgt der Höchstpreis für 20 Tabletten des Wirkstoffs Ibuprofen mit einer Dosis von 400 Milligramm 5.25 Euro. Damit ist Algifor forte fast viermal so teuer wie das deutsche Pendant. Im Gegensatz zur Schweiz ist in Deutschland auch die 20er-Packung rezeptfrei. Der direkte Preisvergleich ist also zulässig. Algifor ist mit Abstand das am meisten verkaufte Ibuprofen-Präparat in der Schweiz. Dies zeigen die Marktdaten zwischen August 2014 und Juli 2015, die dem TA vorliegen. Mit einem Umsatz von 13,2 Millionen Franken übertrifft es die rezeptpflichtige Variante von Generikahersteller Mepha um mehr als das Doppelte. Insgesamt werden mit Ibuprofen-Präparaten in der Schweiz knapp 40 Millionen Franken umgesetzt.

Die Algifor-Produzentin Vifor Pharma sagt zum höheren Preis, dass er sich auf dem Niveau vergleichbarer Schmerz­mittel befinde, die ebenfalls nicht kassenpflichtig seien. «Ein Vergleich mit ähnlichen Produkten, die kassenpflichtig sind, ist nicht zielführend, da Letztere eine vollkommen andere Margenstruktur aufweisen», sagt Sprecher Mathias Forny. Die Unterschiede zu Deutschland reflektierten die deutlich höheren Kostenstrukturen der Schweiz, wie Lohn­niveau oder Produktionskosten.

Die Masse machts

Bei Paracetamol dagegen ist die Marktdynamik eine ganz andere. Hier gibt es auch niedrig dosierte Varianten, die kassenpflichtig sind, und folglich der Preis vom Bund festgesetzt wird. Patienten können sich viel günstiger mit Schmerzmitteln eindecken. So dürfen die meisten Generikahersteller für eine 20er-Packung Paracetamol mit einer Dosis von 500 Milligramm 2.40 Franken verlangen. Für eine 100er-Packung muss der Patient je nach Hersteller zwischen 14.65 und 15.75 Franken bezahlen.

Der Paracetamol-Markt funktioniere im Gegensatz zu Ibuprofen über die Menge, sagt ein Branchenkenner. Paracetamol wird anders als Ibuprofen grossflächig im Spital eingesetzt. Über die grossen Mengen werde so der vom Bund tief angesetzte Preis wieder wettgemacht. Für Apotheker dagegen lohnt sich der Verkauf einer 20er-Packung Paracetamol nicht mehr, weil die Marge des Apothekers sich an der Höhe des Medikamentenpreises misst.

Der Hersteller muss sich entscheiden, ob er sein Umsatzziel über einen höheren Preis oder eine grössere Menge erreichen will. Dabei kann er selbst entscheiden, ob sein Medikament kassenpflichtig sein soll oder nicht – vorausgesetzt, der Hersteller erfüllt die Bedingungen des Gesetzgebers. Zwar könnte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ein Präparat gegen den Willen des Herstellers als kassenpflichtig einstufen. Das passiere nur in dringenden Fällen, etwa im Fall einer Pandemie, sagt eine BAG-Sprecherin.

Der Markt für Schmerzmittel entwickelt sich relativ stabil. Sowohl die Zahl der verkauften Verpackungen als auch der Umsatz ging in den letzten fünf Jahren um rund 1 Prozent zurück. Insgesamt wurden 2014 knapp 190 Millionen Franken mit Schmerzmitteln umgesetzt.

Erstellt: 07.09.2015, 00:01 Uhr

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Bei rezeptfreien Schmerzmitteln sind im Wesentlichlichen drei Wirkstoffklassen erhältlich: Ibuprofen (unter anderem Algifor), Paracetamol (Dafalgan) und Acetylsalicylsäure (Aspirin). Alle drei wirken schmerz- und fiebersenkend, Ibuprofen hemmt auch Entzündungen. Paracetamol ist auch für Schwangere und Säuglinge geeignet. Menschen mit schwerer Herz- oder Niereninsuffizienz oder einer schweren Leberstörung sollten Aspirin und Ibuprofen nicht einnehmen. Paracetamol ist bei schweren Leberstörungen nicht geeignet. Aspirin wird für ältere Patienten wegen seiner blutverdünnenden Wirkung nicht empfohlen. Eine französische Studie zeigt, dass für eine kurzfristige Schmerztherapie Ibuprofen am ehesten geeignet ist, weil Aspirin weniger gut toleriert werde und Paracetamol bei einer Überdosis die Leber schädigen könnte. (mka)

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