«Gratis-Flugtickets sind unrealistisch»

Die Aussagen von Ryanair-Chef O'Leary enthalten für den Airline-Experten Jens Flottau viel aggressives Marketing – aber auch einiges an Wahrheit.

Fällt immer wieder auf mit markigen Aussagen: Ryanair-Chef Michael O'Leary.

Fällt immer wieder auf mit markigen Aussagen: Ryanair-Chef Michael O'Leary. Bild: Reuters

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Ryanair-Chef Michael O'Leary ist ein Meister darin, seine Billigairline im Gespräch zu halten. Einmal waren es die Überlegungen, einen Aufschlag für übergewichtige Passagiere einzuführen. Ein anderes Mal Pläne, für die Benutzung der Bordtoilette Geld zu verlangen.

Den jüngsten Beweis für sein Talent lieferte er am Wochenende in der «Welt am Sonntag» ab. In einem Interview sprach er von einer Halbierung der ohnehin günstigen Ticketpreise. Und er schwärmte von Gratistickets, die er dereinst einführen wolle, wenngleich er noch nicht wisse, wie das zu bewerkstelligen wäre.

Für den deutschen Aviatik-Experten Jens Flottau enthalten die Aussagen von Michael O'Leary zwar viel aggressives Marketing, Provokation und Übertreibungen – aber auch einiges an Wahrheit. Dass die Ryanair-Billette irgendwann keinen einzigen Eurocent mehr kosten, glaubt Flottau aber nicht: «Von Gratistickets hat O'Leary bereits in der Vergangenheit gesprochen. Realistisch ist das nicht», so Flottau. Aktuell erziele Ryanair mit Zusatzgebühren etwa für Gepäck, Sitzplatzreservierung oder den Verkauf von Essen an Bord rund 20 Prozent des Umsatzes.

Grundsätzlich sei Ryanair beim Ausreizen des Low-Cost-Modells an Grenzen gestossen. «Es geht heute nicht mehr darum, die Kosten am absoluten Minimum zu halten», so Flottau. Es lohne sich, mehr zu bieten. «Das schlägt sich auch in den besseren Geschäftszahlen von Ryanair nieder.»

Dennoch könnten sich andere Airlines in Sachen Vermarktung bei Ryanair laut Flottau einiges abgucken. Etwa wenn es um die weitere Kommerzialisierung der Besucher auf der Onlineplattform geht. Hier bot Ryanair früher als die meisten anderen Airlines neben den Flügen auch Buchungen für Unterkunft und Mietwagen an.

Schlecht positioniert beim Kerosin

Gerade Billigairlines sind den Schwankungen der Treibstoffpreise stärker ausgesetzt als die grossen Carrier. Der Anteil der Spritkosten am Gesamtaufwand ist höher. Entsprechend profitiert eine Low-Cost-Gesellschaft stärker von einem tiefen Spritpreis und leidet stärker, wenn der Preis hoch ist.

Deshalb ist Ryanair zuzutrauen, dass der Durchschnittspreis der Tickets wie von O'Leary angekündigt von 45 auf 25 Euro sinken kann. Immerhin hat sich der Kerosinpreis seit August 2014 in etwa halbiert. Und mit der Anschaffung neuer Flugzeuge kann er den Spritverbrauch pro Passagier senken. O'Leary will über die nächsten acht Jahre 40 bis 50 neue Maschinen jährlich kaufen.

Dass Ryanair jetzt in Aussicht stellt, den Durchschnittspreis so stark zu senken, hat laut Aviatik-Experte Flottau mit den Absicherungsgeschäften zu tun. Dieses Preis-Hedging beim Kerosin ist in der Branche weitverbreitet und sorgt jetzt dafür, dass die Gesellschaften trotz günstigem Kerosin nach wie vor einen vergleichsweise hohen Preis zahlen. Besser seien hier Gesellschaften aus Asien und namentlich Emirates unterwegs, die kein Hedging beim Treibstoff gemacht hätten und jetzt vom tiefen Preis profitierten.

Wie der Markt in Zukunft aussieht

Eine weitere Aussage von O'Leary an die Adresse der Lufthansa und ihrer Tochtergesellschaft Swiss hält Flottau für übertrieben. Dass sich bald eine Golf-Airline mit einer Sperrminorität an der Lufthansa beteiligen werde, glaubt der Aviatik-Experte nicht: «Zum einen geht es der Lufthansa noch nicht schlecht genug, dass ein solcher Schritt nötig wäre. Zum anderen gäbe es bei einem solchen Schritt sicher politisch Widerstand.» Grundsätzlich werde Lufthansa versuchen, so lange wie möglich unabhängig zu bleiben.

Ebenfalls für überzogen hält Flottau die Erwartung, dass sich Lufthansa von Swiss trennen könnte. «Das ist immerhin die profitabelste Fluggesellschaft der ganzen Lufthansa-Gruppe.» Anders sieht er es bei den von O'Leary ebenfalls als Verkaufskandidaten erwähnten Austrian und Brussels Airlines. Flottau: «Mit diesen Gesellschaften hat die Lufthansa bis jetzt überhaupt nichts verdient.» Immerhin habe der Konzern aber die Kosten bei Austrian gesenkt. «Das grosse Fragezeichen bleibt, wie lange die Lufthansa noch an Brussels Airlines festhalten wird.»

Dass eine Lufthansa künftig hier mit Easyjet zusammenarbeiten könnte, wie das Lufthansa-Chef Carsten Spohr erwähnte, hält Flottau eher für eine taktische Aussage als ein klares Ziel. Schliesslich habe Spohr mit seinen Plänen für den Aufbau des eigenen Billiganbieters Eurowings gleichzeitig Easyjet und Co. den Kampf angesagt.

Für Flottau ist klar, dass die Low-Cost-Anbieter auf den Kurzstrecken in Zukunft die dominante Rolle spielen werden. Während die Langstrecke sowie die Verbindungen zu den Drehkreuzen, den Hubs, in den Händen der grossen Carrier bleiben werden.

Und Ryanair-Chef Michael O'Leary wird sicher bald wieder mit markigen Aussagen von sich reden machen. Er sagte zwar 2012 einmal, er wolle noch zwei, drei Jahre weitermachen. Davon will er heute nichts mehr wissen: «Alle zwei, drei Jahre sage ich, dass ich aufhöre. Aber solange wir interessante Sachen machen, will ich nichts anderes tun.»

Erstellt: 05.10.2015, 17:51 Uhr

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