Kunden wollen kein Plastik, doch die Händler sträuben sich

Laut Greenpeace wollen 95 Prozent der Schweizer wiederverwertbare Verpackungen. Doch das Angebot ist schmal, vor allem bei Discountern.

Mehrwegbehälter sind noch wenig verbreitet: Selbst robuste Produkte wie Bananen oder Zwiebeln werden oft in Plastik verpackt. Foto: Reuters

Mehrwegbehälter sind noch wenig verbreitet: Selbst robuste Produkte wie Bananen oder Zwiebeln werden oft in Plastik verpackt. Foto: Reuters

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Plötzlich ging es schnell. Innerhalb von wenigen Monaten sind die Raschelsäckli praktisch aus den Läden verschwunden. Ihr Verbrauch ging um 86 Prozent zurück, seit sie nicht mehr gratis sind. Das Modell macht nun Schule. Die Detailhändler werden in den kommenden Monaten dieselbe Branchenregelung für mehrfach verwendbare Plastiksäcke einführen.

Für die Umweltschutzorganisation Greenpeace ist das aber nur der Anfang. 95 Prozent der Schweizer sind laut einer von Greenpeace in Auftrag gegebenen Umfrage bereit, mit Mehrwegbehältern einzukaufen. Sie würden also das Bier in Mehrwegflaschen oder das Joghurt in Mehrweggläsern kaufen. Greenpeace kritisiert daher, dass bei Grossverteilern wie Migros und Coop Mehrwegsysteme ein Nischendasein fristen. Laut dem Greenpeace-Papier bleibt bei den Detailhändlern der Anteil an Produkten, welche tatsächlich im Mehrwegbehälter verkauft werden, marginal.

Weniger Plastik als Ziel

Philipp Rohrer, bei Greenpeace für Mehrwegsysteme zuständig, erklärt sich die Zurückhaltung der Detailhändler durch die hohen Kosten, die ihnen entstehen würden: «Es wäre eine grosse Umstellung der Supermärkte, das Geschäft basiert auf den Einwegverpackungen.» Durch Mehrwegsysteme könnte aber der Plastikverbrauch geringer ausfallen. Laut Bundesamt für Umwelt beträgt der Pro-Kopf-Verbrauch in der Schweiz 125 Kilogramm pro Jahr. Nicht einmal 10 Prozent davon werden wiederverwertet.

Wollen die Kunden also wirklich Mehrwegsysteme? «Ja, die Leute sind bereit, solche Systeme zu nutzen», sagt Rohrer. Man müsse sie aber mit den richtigen Anreizen und guter Kommunikation unterstützen. Sobald etwas kostet, stellen die Kunden schnell um, das zeige sich auch bei den Plastiksäckli. Rohrer glaubt, dass es bei Getränken oder Joghurt einfach möglich wäre, solche Systeme einzuführen, bei anderen Produkten wie Kosmetika sei es sicher schwerer.

Greenpeace kritisiert, dass bei Grossverteilern wie Migros und Coop Mehrwegsysteme ein Nischendasein fristen.

Heute sind nur wenige Produkte in Mehrwegverpackungen verfügbar. So führt etwa Coop einzelne Biersorten in Pfandflaschen. Alle anderen Getränke sind nur in Einwegflaschen aus Glas, PET oder in Aludosen erhältlich. «Migros und Coop stehen Mehrwegverpackungen offener gegenüber, die Discounter sind eher zurückhaltend», so Rohrer.

Bei Aldi stellt man sich auf den Standpunkt, dass die teils vorherrschende Grundannahme «Mehrweg ist immer besser als Einweg» zu vereinfachend ist. «Teilweise kann Einweg bessere oder gleichwertige Gesamtökobilanzen aufweisen als Mehrwegsysteme», so ein Sprecher. Viele Massnahmen im Hintergrund seien für die Kunden nicht sichtbar, würden aber einen grossen Effekt haben. Zudem werde die Verpackungsmenge bei Eigenmarken bis 2025 um 25 Prozent sinken. Bis dann sollen alle Verpackungen des Standardsortiments recyclingfähig sein. Auch würden bis Ende 2019 Plastikwattestäbchen sowie Einwegplastikprodukte wie Becher, Geschirr und Besteck ausgelistet.

Bei Lidl Schweiz soll der Plastikanteil bei den Verpackungen bei den Eigenmarken um 25 Prozent sinken, so eine Sprecherin. «Um dieses Ziel zu erreichen, haben wir bereits bei vielen Verpackungen und Produkten Plastik reduziert». Beispielsweise sei der Stülpdeckel bei allen Schweizer Molkereiprodukten - vom Hüttenkäse über Crème fraîche und Saurem Halbrahm oder den Naturjoghurts - entfernt worden. Eine weitere Massnahme zur Plastikreduktion ist die Auslistung der Einwegplastikartikel bis Ende 2019. Bis dann werde Lidl zudem auf den Verkauf von Einwegplastikartikel wie Trinkhalmen, Einwegbechern und -gläsern, Teller, Besteck und Wattestäbchen mit Plastikschaft verzichten. An ihre Stelle werden Produkte aus alternativen und recyclebaren Materialien verkauft.

So gehts auch: Im Bachsermärt sind Abfüllstationen für Getreide, Salz, Essig und Öl im Sortiment. Foto: Georgia Müller

Bei Coop sind derzeit Mehrwegbeutel für Früchte und Gemüse verfügbar. In Coop-Restaurants und bei Coop Take It können Speisen mit Mehrwegbehältern mitgenommen werden. Wer den Kaffee aus dem Mehrwegbecher trinkt, bekommt Rabatt. Zudem können Kunden eigene Behälter mitbringen und diese an den bedienten Theken, etwa beim Käse oder beim Fleisch, füllen lassen.

Ähnliche Angebote gibt es bei Migros. Dort wird zudem derzeit mit einem Pilotprojekt in Genf der Offenverkauf von Hülsenfrüchten und Reis getestet. «Wir prüfen aktuell solche Pilotprojekte in der Deutschschweiz», so ein Sprecher. Zudem werde evaluiert, ob die Ware auch genügend frisch bleibe und wie viel davon verloren gehe. «Food-Waste wollen wir mit allen Mitteln verhindern, weil der Anbau den grössten Teil des Umweltfussabdrucks verursacht. Die Verpackung trägt nur rund 2 bis 5 Prozent zu dieser Umweltbilanz bei», sagt der Sprecher.

Im Parlament sind mehrere Vorstösse hängig, die eine stärkere Verbreitung von Mehrwegsystemen fordern. Mit dem Wahlerfolg der Grünen könnten solche Vorstösse an Gewicht ­gewinnen.

Erstellt: 05.11.2019, 21:38 Uhr

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