Gut erholt aus den Ferien in die «Depression»

Rund zwei Drittel der Ferienrückkehrer erleiden ein Post-Holiday-Syndrom. Es gibt Auswege, sagen Forscher.

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Sind Ferien überhaupt erholsam? Diese provokante Frage stellte der US-Fernsehsender NBC News vor zwei Jahren und zitierte den holländischen Forscher Jeroen Nawijn. Er hatte 2010 festgestellt, dass Leute, die in die Ferien fahren, nicht glücklicher sind also solche, die nicht verreist sind. Ob jemand einmal oder dreimal pro Jahr in die Ferien reiste oder eine oder drei Wochen, spielte bei seinen Probanden keine Rolle. Das negative Gefühl war umso grösser, je mehr Stress die Urlauber nach ihrer Rückkehr am Arbeitsplatz erwarteten. Für die Studie befragte er während zweier Jahre 3650 Holländer.

Mit seinem Befund ist Nawijn nicht allein. Die Liste der Forscher, die sich mit dem Effekt von Ferien und dem Wohlbefinden davor und danach befasst haben, ist eindrücklich. Viele konnten die Ergebnisse anderer Kollegen bestätigen. So zeigte beispielsweise die holländische Forscherin Jessica de Bloom 2010, dass Leute nach einer Woche Arbeitsalltag wieder genauso gestresst waren wie vor der Reise. Zwar verbesserte sich der Gesundheitszustand bei Antritt der Ferien rasch. Gefühlt am höchsten war er am achten Tag. Dann aber begann er zu sinken, und zwar schon bevor die Leute den Urlaub überhaupt beendeten. Und erst recht nach dem ersten Arbeitstag. Da rutschten das Wohlbefinden und der Gesundheitszustand rasch in den Keller. Schlimmer noch: Es gab Leute, die waren nach der Rückkehr so niedergeschlagen, dass sie für kurze Zeit sogar Symptome entwickelten, die denjenigen einer Depression gleichen.

Der als Post-Holiday-Syndrom oder auf Deutsch Nach-Urlaubsdepression getaufte Zustand dauert in der Regel zwei bis drei Tage und betrifft zwei Drittel der Angestellten, ergab eine Studie des Personaldienstleisters Robert Half International. Bei einigen wenigen Leuten kann er sogar Wochen andauern.

Die tieferen Gründe suchen

Professor Achim Elfering vom Institut für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Bern findet es nicht angebracht, den Zustand als Depression zu bezeichnen. «Die Depression ist eine mentale Erkrankung, deren klinische Diagnose das Vorhandensein von mehreren Symptomen in erheblicher Intensität und Dauer voraussetzt.» Eher wäre der Begriff depressive Verstimmung angebracht. Dass sie auftritt, stellt Elfering aber infrage: «Wir haben in unseren Studien aber bisher keine Hinweise auf eine spezifische depressive Verstimmung nach dem Urlaub gefunden», sagte er Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Bereitet die Rückkehr an den Arbeitsplatz Probleme und dauert die Wiedereinstimmung auf die Tätigkeit länger an, solle der Mitarbeiter beginnen, die Gründe woanders zu suchen: «Es gibt Leute, die anhaltend niedergeschlagen sind. Das ist ein komplexes Phänomen, das sicherlich weniger mit dem Urlaub an sich als mit der Arbeit zusammenhängt. In diesem Fall geht es wahrscheinlich eher darum, etwas an der Arbeit zu ändern», sagt die Arbeits- und Organisationspsychologin Dana Unger von der ETH Zürich.

Den Nach-Urlaubs-Blues schneller zu überwinden, sei möglich, sagten diverse Spezialisten im Rahmen einer Umfrage, die auf der Website Webmd.com veröffentlicht wurde: Die Arbeit gemach angehen, über Urlaubserlebnisse reden, dem Chef diesen Artikel zeigen, wenig Alkohol trinken, viel schlafen, die eigene Liebesbeziehung realistisch einschätzen und gewisse Ideen, die dem Leben eine Wendung geben könnten, zügig angehen sind einige der Tipps. Der wichtigste Tipp für Leute, die im Büro arbeiten, ist aber, dass sie 95 Prozent der Mails löschen, ohne sie gelesen zu haben – mit dem wirksamsten Selektionskriterium: Hat das Mail eine unmittelbare Relevanz für meine Tätigkeit? Falls nicht: Delete.

Ferien abschaffen?

Sofern Ferien so wenig zur Erholung taugen, sollte man sie nicht gleich abschaffen? Die Forscher verneinen. «Ohne Ferien würden sich die negativen Effekte der Arbeit für die Gesundheit womöglich akkumulieren, und wir könnten vielleicht gar nicht mehr zu einem Zustand von umfassender Erholung zurückkehren», sagt ETH-Frau Unger. Wichtig sei, Arbeit während der Ferien zu vermeiden. «Gedankliche Beschäftigung mit Arbeitsinhalten – besonders wenn diese gedankliche Beschäftigung einen besorgten Grundton hat – ist eher erholungshinderlich», sagt Uni-Professor Elfering. Die Gewohnheit gewisser Angestellten, ihre Mailbox schon vor der Rückkehr zu konsultieren, um am ersten Arbeitstag «Stress zu vermeiden», ist jedenfalls das falsche Rezept. Damit verkürze sich der Erholungseffekt noch zusätzlich.

Umfrage

Von einer Nach-Urlaubs-Depression sprechen Psychologen, wenn Ferienheimkehrer über Stress klagen. Fühlen Sie sich nach Ihren Ferien meist ...





Erstellt: 16.08.2015, 17:59 Uhr

Die Ferienrückkehr besser ertragen

Die wichtigsten Tipps, wie sich der Nachferienkoller am besten bewältigen lässt.

Die holländische Psychologin Jessica de Bloom hat erforscht, wie man die positive Wirkung der Ferien verlängern kann. Dazu gilt es schon vor und während der Ferien einige Punkte zu beachten. Die Ergebnisse von de Blooms Forschung hat die Zeitschrift «Gehirn und Geist» veröffentlicht.

Vor den Ferien

Nicht alles vor den Ferien abschliessen: Oft versuchen wir, vor der Abfahrt alle offenen Projekte zu beenden und sämtliche pendenten Aufgaben zu erledigen. Setzen Sie Prioritäten: Für die meisten Dinge bleibt nach dem Urlaub noch Zeit. Damit kann der Stress, der sich oft vor den Ferien aufbaut, gesenkt werden.

Sport nach dem letzten Arbeitstag treiben: Joggen oder Velo fahren schaffen geistigen Abstand. Ausserdem lassen sich mit sportlichem Ausdauertraining die Stresshormone wieder abbauen, die durch beruflichen Druck vor den Ferien aufgebaut wurden.

Während der Ferien

Ein anderes Shampoo benutzen: Das Gehirn verknüpft Situationen mit Gefühlen. Ein anderes Shampoo kann mit einem schönen Urlaub verknüpft werden. Zurück zu Hause kann das gewöhnliche Shampoo benützt werden. Doch wer in Erinnerungen schwelgen will, soll das Urlaubsshampoo verwenden.

Über Erlebnisse sprechen: An jedem Abend die Top-3-Erlebnisse zu diskutieren, führt dazu, dass man sich länger daran erinnert. Auch werden Erinnerungen gespeichert, die man zuerst vielleicht nicht aussergewöhnlich fand.

Nach den Ferien

Am Mittwoch zu arbeiten beginnen: Belastungen in der ersten Arbeitswoche sind unbedingt zu vermeiden. Denn sonst ist der Erholungseffekt besonders rasch weg. Als hilfreich hat sich erwiesen, erst am Mittwoch anzufangen oder in der ersten Woche nur 50 Prozent zu arbeiten. So behält man das Glücksgefühl länger im Kopf. (val)

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