Hayeks Wettlauf gegen die Zeit

Seit Jahren arbeitet die Swatch Group an einer Antwort auf die Apple Watch. Nun ist eine erste Uhr in der finalen Testphase.

Was kann seine Smartwatch, das andere nicht können? Swatch-Chef Nick Hayek bei der Eröffnung des neuen Omega-Produktionsgebäudes 2017 in Biel. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Was kann seine Smartwatch, das andere nicht können? Swatch-Chef Nick Hayek bei der Eröffnung des neuen Omega-Produktionsgebäudes 2017 in Biel. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Die Apple Watch sei «ein interessantes Spielzeug, aber keine Revolution», sagte Nick Hayek, Chef des Schweizer Uhrenriesen Swatch Group, als 2015 die erste Generation lanciert wurde. Erst zwei Jahre später bestätigte Hayek, die Swatch Group entwickle ein eigenes Betriebssystem für smarte Uhren und andere Kleingeräte namens Swiss OS, gemeinsam mit dem Westschweizer Entwicklungsinstitut CSEM. Um Hayeks Betriebssystem wurde es ruhig, während Apples «Spielzeug» das Geschäft mit Smartwatches dominiert.

2018 hat Apple 22,5 Millionen Apple Watches ausgeliefert, fast so viele wie die gesamte Schweizer Uhrenindustrie inklusive Swatch Group mit 23,7 Millionen Stück. Und Apple legt weiter zu: Allein diesen Sommer wurden erneut 6,8 Millionen Apple Watches verkauft, 51 Prozent mehr als im gleichen Quartal des Vorjahres.

Jetzt sieht es danach aus, dass Hayek mit jahrelanger Verspätung doch noch gegen die Produkte von Apple, Google und Samsung antritt. «Wir sind derzeit in der finalen Testphase der Software», bestätigt eine Sprecherin von Tissot dieser Zeitung. Wann Tissot die erste Smartwatch mit dem hauseigenen Schweizer Betriebssystem lanciert, lässt die Tochterfirma der Swatch Group offen.

Akkulaufzeit: Mehrere Monate

Jahrelang wiederholte Hayek, die Apple Watch belebe das Geschäft, viel schlimmer seien Handgelenke ohne Uhr. Dieser Glaube dürfte erschüttert sein. Letztes Jahr wurden 45 Millionen Smartwatches verkauft – die Hälfte stammte von Apple, weitere 30 Prozent von Fitbit, Samsung und Garmin. Von hinten rollen Chinas Techriesen Xiaomi und Huawei das Feld auf. Der Marktanteil von Googles Wear OS ist auf 10 Prozent gesunken.

Die auf Technologie spezialisierte Marktforschungsfirma IDC schätzt, dass 2023 rund 130 Millionen schlaue Uhren abgesetzt werden. Traditionelle Uhrenfirmen suchten daher «auf eine Weise in den Markt einzusteigen, die ihre Marke nicht gefährdet», sagte Francisco Jeronimo von IDC der «Financial Times». «Sie wissen: Wenn sie nicht vorwärtsmachen, gewinnt Apple weiter Marktanteile.»

Ist für die Swatch Group der Zug abgefahren? Hayeks Swiss OS soll einen «ultraniedrigen» Stromverbrauch haben, die schlauen Uhren aus Biel müssen angeblich nur alle paar Monate ans Netz. Und: Das Swiss OS wird so programmiert, dass es ohne regelmässige Updates auskommt.

Maximale Kompatibilität

Ob das genügt, um gegen Apple anzutreten, ist ungewiss. Selbst Apple ist unter Druck, weil spezialisierte Anbieter attraktive Nischen erobern. Omron aus Japan etwa bietet eine Smartwatch an, die den Blutdruck dank aufblasbarer Manschette im Band so präzise misst, dass sie in den USA als Medizinalgerät zugelassen ist. Samsung will einen Sturzdetektor einbauen – ein Feature, das manche Senioren an der Apple Watch schätzen. Und stromsparend sind andere auch: Huawei lancierte jüngst eine Smartwatch, deren Batterieladung zwei Wochen reicht – bei regelmässigen Pulsmessungen und 90 Minuten Trainingsaufzeichnung pro Woche.

Platzhirsch: Die Apple Watch gibt es bereits in fünfter Generation. Foto: Getty

Smartwatches schadeten seinem Uhrengeschäft nicht, sagt Hayek jeweils zum Thema. Ohnehin biete Swatch Group seit 1999 schlaue Uhren an. Gemeint ist Tissot Touch, ein Hybrid aus mechanischer Uhr mit Zeigern und Touchscreen zur Steuerung von Funktionen wie Barometer, Höhenmesser, Alarm oder Kompass. Das Einsteigermodell kostet 795 Franken.

Die Zentrale der Swatch Group nimmt zum Thema Swiss OS nicht Stellung. Unklar ist, ob Hayek am Hybridmodell aus Mechanik und Elektronik festhält und Swiss OS bloss wie früher angedeutet Zusatzfunktionen wie Fitness oder Agenda ermöglichen soll. Oder ob Hayek auf eine stromsparende Smartwatch setzt, die sich auf wenige, für die meisten Nutzer wichtige Funktionen wie Bezahlen, Puls, Erinnerungen, Messenger, Timer, Wetter, Höhenmesser konzentriert. In diese Richtung deutet, dass das Swiss OS mit Watch OS von Apple und Wear OS von Google kommunizieren können soll. «Wir streben das Maximum an Kompatibilität mit anderen Betriebssystemen an», sagt Tissot.

Neuer Schwung für Tissot?

Ob Hayek mit der Smartwatch ein grosser Wurf gelingt – wie seinerzeit seinem Vater, der mit der Plastik-Swatch den Quarzuhren aus Asien Paroli bot –, ist offen. Als Erfolg zu werten wäre die schlaue Uhr bereits, wenn sie der Marke Tissot neuen Schwung verleiht.

Jean-Claude Biver gelang als Uhrenchef des Luxuskonzerns LVMH just dies. Er lancierte schon 2015 eine Smartwatch, die Googles Wear OS nutzt. Die TAG Heuer Connected sei nach 2017 auch letztes Jahr das meistverkaufte Modell der Marke gewesen, bestätigt Biver dieser Zeitung.

Einen Erfolg könnte Hayek gut brauchen. Er spürt wie die ganze Schweizer Uhrenbranche die Erosion bei günstigen Uhren. René Weber, Uhrenspezialist der Bank Vontobel, sagt, er sei «ziemlich skeptisch» bezüglich Hayeks Alleingang, da Apple und Google schon vor fünf Jahren gestartet seien. «Wir erwarten, dass die Marken im niedrigen und mittleren Preissegment auch künftig von Smartwatches betroffen sind und dass Marken wie Swatch und Tissot in den nächsten Jahren weiterhin rückläufige Umsätze erfahren», so Weber. Hayeks neue Smartwatch verlangsame indes womöglich den Rückgang bei Tissot.

Erstellt: 25.11.2019, 23:31 Uhr

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