Heikle 100 Franken

Eine Postfinance-Tochter lancierte gestern Twint, einen mobilen Bezahldienst. Journalisten und Blogger erhielten eine Gutschrift – eine überraschend hohe.

Im Zürcher Riffraff hat Twint, eine Tochterfirma der Postfinance, ihre neue mobile Bezahl-App vorgestellt.

Im Zürcher Riffraff hat Twint, eine Tochterfirma der Postfinance, ihre neue mobile Bezahl-App vorgestellt. Bild: Pressebild

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Geschenke an Journalisten sind ein brisantes Thema, denn sie gefährden die unabhängige Berichterstattung. In Form von Naturalien bekommen Journalisten immer wieder kleinere oder grössere Geschenke – vom Kaffee über das Mittagessen bis hin zu Hotelübernachtungen. Geld fliesst seltener, es kommt aber vor. So beispielsweise gestern Donnerstag bei der Lancierung der neuen Bezahl-App Twint.

Twint gehört zu 100 Prozent der Postfinance. Jung, urban und trendy, so soll das Image der neuen Firma sein, die das Bezahlen via Smartphone ermöglicht. Deshalb hat Twint gestern zur Lancierung ins Kino Riffraff in Zürich eingeladen. Um gleich vor Ort die App testen zu können, haben alle Teilnehmer eine Gutschrift von 100 Franken auf ein Twint-Konto bekommen – auch die Journalisten.

Ein Gadget, ein Mittagessen und Spesen

Gemäss einem Sprecher war ein Drittel der 30 bis 35 Personen, die am Anlass teilgenommen haben, Journalisten. Hinzu kamen Vertreter aus dem Lifestyle-Bereich und Blogger. Die 100 Franken konnten vor Ort in anwesenden Shops ausgegeben werden. Das Restguthaben ist nach dem Anlass nicht verfallen.

Dass die Zahlung an Journalisten einen Anreiz für eine positive Berichterstattung hätte sein sollen, dementiert der Sprecher vehement: Twint habe in keiner Art und Weise die Berichterstattung der Journalisten über Twint beeinflussen wollen. Die Freiheit und Unabhängigkeit der Medien sei ein wichtiges und schützenswertes Gut und werde respektiert.

Die Zahlung von 100 Franken erklärt der Sprecher damit, dass nicht nur Journalisten vor Ort gewesen seien. Twint habe sich entschieden, allen Teilnehmern den gleichen Betrag zu überweisen. Da beispielsweise Blogger kein Medienhaus im Rücken hätten, das ihre Spesen übernehme, erachteten sie dies als angemessen.

Die 100 Franken sollten Spesen abdecken, und die Teilnehmer sollten sich das Mittagessen und ein Gadget vor Ort kaufen können, um die App live zu testen. «Im emsigen Treiben sei das Mittagessen dann aber fälschlicherweise gratis abgegeben worden», sagt der Twint-Sprecher.

Er ist sich bewusst, dass die 100 Franken Guthaben allenfalls einen «schalen Nachgeschmack» hinterlassen könnten. Rückblickend hätte man es sicher anders lösen können. Beispielsweise, indem das Restguthaben automatisch nach dem Anlass gelöscht oder Beträge abgestuft auf die jeweiligen Teilnehmer überwiesen worden wären.

Swisscom hat ein Viertel bezahlt

Vor rund einem Jahr hat die Swisscom ein ähnliches Bezahlsystem mit dem Namen Tapit lanciert. Dort erhielten die Journalisten ein Testgerät für einen Monat und 25 Franken Guthaben, finanziert vom Kreditinstitut, das als Partner agierte. Die 100 Franken von Twint will Carsten Roetz, Mediensprecher der Swisscom, nicht kommentieren.

Grundsätzlich findet er Gegenleistungen an Journalisten, egal ob in Form von Naturalien oder Bargeld, aus medienethischer Sicht heikel. «Das ist eine Gratwanderung», sagt Roetz. Deshalb müsse man damit vorsichtig umgehen. Bei der Swisscom wollte man einen Betrag, der Testkäufe ermögliche, aber bei niemanden das Gefühl auslöse, bestochen zu werden.

Vom Newsnet-Verbund waren Mischa Stünzi und Jon Mettler, Wirtschaftsredaktoren beim «Bund» beziehungsweise der «Berner Zeitung», bei der Lancierung von Twint dabei. Die 100 Franken haben beide Twint zurückgegeben. Twint habe das Guthaben abgebucht.

«Tages-Anzeiger»-Chefredaktor Res Strehle verweist im Zusammenhang mit Geschenken auf die internen Tamedia-Verhaltensregeln. Darin sind Geldgeschenke strikte untersagt. Zulässig seien «sozial übliche» Geschenke bis zu einem Wert von 200 Franken. Danach muss sich ein Tamedia-Mitarbeiter mit seinem Vorgesetzten absprechen. Immer gelte, dass die Geschenke nie die Unabhängigkeit tangieren dürften.

Stünzi sagt, er habe sich durch die 100 Franken nicht korrumpiert gefühlt, aber das Thema sei einfach sehr heikel. «Ich habe mich in der Vergangenheit schon mehrfach kritisch zu Twint geäussert, und 100 Franken würden an dieser skeptischen Haltung nichts ändern», sagt Stünzi.

Erstellt: 07.08.2015, 16:22 Uhr

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