Hilfe vom Chef

Wie kann man psychisch kranke Mitarbeitende an ihrem Arbeitsplatz behalten? Eine Untersuchung der Uni St. Gallen zeigt Lösungen auf.

Wird das Team eingebunden, hilft das dem Erkrankten. Foto: Martin Ruetschi (Keystone)

Wird das Team eingebunden, hilft das dem Erkrankten. Foto: Martin Ruetschi (Keystone)

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Arbeitnehmende mit psychischen Problemen verlieren meist ihre Stelle. Was braucht es, damit dies nicht passiert und die Betroffenen ihren Arbeitsplatz behalten können? Dieser Frage ist eine noch unveröffentlichte Studie der Uni St. Gallen und der Sozialversicherungsanstalt Zürich nachgegangen. Dazu wurden rund 240 Personen befragt, die wegen einer psychischen Erkrankung am Arbeitsplatz ausgefallen sind und sich in der Folge bei der Invalidenversicherung (IV) angemeldet haben. Einbezogen in die Befragung waren auch Personen aus dem privaten Umfeld der Betroffenen sowie ihre Vorgesetzten. Das Besondere an der Untersuchung war laut Studienleiter Stephan Böhm, dass es sich dabei um laufende Fälle handelte. Die Befragungen erfolgten somit nicht rückwirkend. Von den 240 Studienteilnehmern hatte am Ende ein Drittel noch denselben Arbeitsplatz.

In Ihrer Untersuchung haben Sie festgestellt, dass die Vorgesetzten von psychisch kranken Personen eine zentrale Rolle spielen für den Erhalt des Arbeitsplatzes.
Ja, das ist so. Es sind zwar mehrere Faktoren ausschlaggebend. So etwa die Fähigkeiten der kranken Mitarbeiter, ihre Probleme aktiv anzugehen, oder die Unterstützung durch das Arbeitsumfeld. Am relevantesten scheint aber die direkte Führungskraft zu sein.

Was macht es aus: die Haltung oder das, was die Führungskraft konkret unternimmt?
Beides. Einerseits die Haltung, also dass die Führungskraft ein Interesse daran hat, dass der erkrankte Mitarbeiter bleiben kann, und ihm das auch kommuniziert. Andererseits indem sie die Arbeitsbedingungen anpasst und dem Mitarbeiter zum Beispiel ermöglicht, vorübergehend das Pensum zu reduzieren. Oder indem die Führungskraft dem Mitarbeiter eine Zeit lang nur Arbeiten zuteilt, die seinen Stärken entgegenkommen, und ihm so den Wiedereinstieg ermöglicht.

Haben Sie erwartet, dass es vor allem an den Vorgesetzten liegt?
Ehrlich gesagt: ja. Man weiss, dass die Führungskraft für die Zufriedenheit und die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden eine zentrale Rolle spielt. Sie prägt auch das Arbeitsumfeld. Wenn ein Mitarbeiter psychisch erkrankt, dann ist es die Führungskraft, die das Umfeld beeinflussen und auf verschiedene Weise intervenieren kann.

Was meinen Sie damit, dass die Vorgesetzten das Arbeitsumfeld beeinflussen können?
Ich denke dabei etwa an das Team. Wenn ein kranker Mitarbeiter entlastet wird, muss jemand anders die Arbeit erledigen. Die Arbeitskollegen werden also stärker belastet, mitunter müssen sie sogar vermehrt die weniger angenehmen Tätigkeiten übernehmen. Wenn das mit dem Team nicht besprochen wird, werden die Kollegen negativ reagieren. Und das wirkt sich wiederum auf die Person aus, die entlastet werden soll. So bringt das Ganze nichts. Die Führungskraft hat es in der Hand, das Team mitzunehmen und den Kollegen zu sagen: Leute, das kann uns allen passieren. Wir wollen ein Umfeld schaffen, in dem jeder gesund sein kann.

Welche Rolle spielt die Invalidenversicherung? Sie bietet Arbeitgebern Hilfe an, wenn Mitarbeiter erkranken.
Dieser Frage sind wir in unserer Untersuchung nicht detailliert nachgegangen. Wir wissen aber, dass die IV wichtig ist, um die Arbeitsfähigkeit von erkrankten Personen zu fördern. Sobald es aber darum geht, die Leute im Unternehmen zu behalten, muss der Support von innen kommen. Da kann die IV allenfalls zusätzliche Unterstützung bieten. Ohne die Führungskraft geht aber nichts.

Nur eine Minderheit von psychisch kranken Arbeitnehmenden kann den Arbeitsplatz behalten. Das hat auch Ihre Untersuchung bestätigt. Wenn nun die direkten Vorgesetzten dabei so entscheidend sind: Was braucht es, damit mehr Leute ihre Stelle behalten können?
Ein Ansatzpunkt ist, die Führungskräfte zu trainieren. Das heisst, dass man sie schult, wie sie mit psychisch kranken Mitarbeitern umgehen müssen. Wir haben selber solche Trainings durchgeführt und gesehen, dass diese wirksam sind. In der Gruppe der trainierten Führungskräfte konnten fast doppelt so viele erkrankte Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz erhalten gegenüber der Gruppe mit nicht trainierten Chefs. Das Training wirkt sich auch präventiv aus: Geschulte Führungskräfte sind offener für das Thema, was wiederum auf das ganze Unternehmen ausstrahlen kann.

Manche Fachleute fordern bereits, solche Trainings zur Pflicht zu machen. Wie sehen Sie das?
Man kann die Führungskräfte nicht zu einem bestimmten Verhalten verpflichten. Aber man kann den Unternehmen klarmachen, was sie gewinnen, wenn sie ihre Führungskräfte schulen. Es geht ja nicht nur darum, den Arbeitsplatz einzelner Mitarbeiter zu erhalten, sondern auch darum, gesunde, leistungsfähige Teams und weniger Ausfälle zu haben. Das zahlt sich wirtschaftlich aus.

Man muss also wegkommen davon, psychische Beeinträchtigungen nur als Problem einzelner Mitarbeiter zu sehen?
Genau. Es gibt Daten, die zeigen, dass manche Führungskräfte immer eine erhöhte Quote an kranken Mitarbeitern haben, selbst wenn sie ihre Stelle wechseln. Da muss man sich schon fragen, woran das liegt und wie man die Führungskräfte besser machen kann.

Erstellt: 17.04.2017, 22:42 Uhr

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Stephan Böhm

Stephan Böhm ist Titularprofessor für Betriebswirtschaftslehre und Direktor des Center for Disability and Integration an der Universität St. Gallen.

(Bild: PD)

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