Wer ein Smartphone benutzt, füttert ein Monster

Google und Facebook wissen alles über uns – und bedienen sich schamlos an unseren höchstpersönlichen Daten, warnt die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff.

Ihr Unternehmen hat alle im Blick: Mitarbeiter eines Google-Informationsstandes an einer Messe. Foto: Keystone

Ihr Unternehmen hat alle im Blick: Mitarbeiter eines Google-Informationsstandes an einer Messe. Foto: Keystone

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Vor kurzem wurde Mark Zuckerberg öffentlich von Roger McNamee attackiert, seinem ehemaligen Berater. McNamee hatte den Facebook-CEO schon früher kritisiert. Nun prügelte er auf Zuckerberg und Facebook ein, weil das Unternehmen unermüdlich und unzulässig die persönlichen Daten der Nutzer verwertet. «Um seine künstliche Intelligenz und die Algorithmen zu speisen, sammelt Facebook Daten, wo immer es kann. Das Unternehmen spioniert schon seit einer Weile jedermann aus, sogar Leute, die gar nicht auf Facebook sind», schrieb McNamee. Diese Tätigkeiten seien nun immer mehr verfeinert worden, mit dem Ziel, Facebook-Nutzer zu noch mehr Interaktionen mit der Plattform zu verleiten, dies mit Methoden, die dazu benutzt werden können, den politischen Diskurs zu manipulieren.

McNamees Analyse ist leider unzureichend. Zwar haben die russische Regierung und auch der Plutokrat Robert Mercer, Mitinhaber der nicht mehr existierenden Firma Cambridge Analytica und Wahlkampfspender von Trump, tatsächlich gelernt, wie man die komplexe Geheimmaschine, die Facebook gebaut hat, für ihre Zwecke nützen kann. Diese Manöver und die Technologien, die sie ermöglichen, sind jedoch kein Facebookspezifischer Fall. Bei den Vorgängen handelt es sich um Schlüsselelemente einer neuen wirtschaftlichen Logik, die ich «Überwachungskapitalismus» nenne.

Es wäre ein schwerer Fehler, nur von einem Facebook-Phänomen zu sprechen.

Diese Praktiken wurden bei Google erfunden und sind dann zu Facebook migriert – bevor sie sich im ganzen Silicon Valley verbreiteten und danach in allen Wirtschaftszweigen. Es wäre daher ein schwerer Fehler, nur von einem Facebook-Phänomen zu sprechen. Man kann zwar Facebook regulieren und einen Wechsel an der Führungsspitze fordern, das wird den Überwachungskapitalismus jedoch nicht schwächen.

1978 begann ich mit dem Studium des digitalen Wandels; anfänglich interessierte ich mich nur für seine Auswirkungen auf den Arbeitsplatz. Als 1988 mein erstes Buch erschien, «In the Age of the Smart Machine», zeichnete sich bereits ab, dass der Weg in die digitale Zukunft viele Konflikte mit sich bringen würde. Konflikte darüber, wer Zugang zu diesem neuen Wissen hat; wer die Autorität hat, Entscheidungen zu treffen; und wer die Macht hat, diese Autorität durchzusetzen.

Ist emeritierte Professorin der Harvard Business School: Shoshana Zuboff, die Autorin dieses Textes. Foto: Wikipedia

Längst sind alle Lebensbereiche von der Digitalisierung und den damit einhergehenden Problemen betroffen. Informations- und Kommunikations-Technologien werden von drei Milliarden Menschen (von den insgesamt gut sieben Milliarden) weltweit genutzt – damit haben sie eine grössere Verbreitung als die Elektrizität. Man kann sich den Alltag, jede Form gesellschaftlicher Partizipation ohne diese Technologien nicht mehr vorstellen.

Ich habe früh verstanden, dass der Überwachungskapitalismus sich wesentlich unterscheidet von vielen anderen Praktiken in der Geschichte des Kapitalismus, insbesondere in der Geschichte der Marktdemokratie. Etwas noch nie Dagewesenes ist entstanden, mit prägenden politischen und moralischen Folgen für das 21. Jahrhundert.

Digitaler Auspuff

Der Überwachungskapitalismus wurde auf dem Höhepunkt der Dotcom Blase erfunden. Ein junges Unternehmen namens Google beschloss, die Werbeeinnahmen zu steigern, indem es seinen exklusiven Zugang zu weitgehend ignorierten Datenprotokollen nutzte. Man nennt diese Daten auch den «digitalen Auspuff», weil sie bei Onlinesuche und browsing der Nutzer übrig bleiben.

Die Daten wurden auf Muster hin analysiert, die für Anzeigenkunden von Interesse sein könnten. Google nutzte die überschüssigen Daten und entwickelte zusätzlich Methoden, um aggressiv nach neuen Datenquellen zu suchen. Gemäss Aussagen von Google-Ingenieuren wurden die neuen Methoden besonders geschätzt, weil man mit ihnen auch private Daten aufspüren konnte. Daten also, die von den Nutzern explizit nicht zur Verfügung gestellt wurden, weil sie persönliche Informationen erhielten. Mit anderen Worten: Den wirtschaftlichen Durchbruch verdankte Google einer einzigen Idee: der Überwachung der Nutzer.

Die dafür nötigen Technologien und Methoden wurden von 2001 bis 2004 erfunden, eingesetzt und natürlich streng geheim gehalten. Erst mit dem Börsengang von Google im Jahr 2004 erfuhr die Welt, dass durch diese neuen Aktivitäten die Umsätze des Unternehmens um 3590 Prozent gestiegen waren. Die nun mögliche Vermarktung solcher Daten war für Google ein historischer Wendepunkt. Die Firma hatte einen kostenlosen Vermögenswert gefunden: die Daten der Kunden, die sich kommerzialisieren lassen.

Bald migrierte diese Art von Überwachungskapitalismus zu Facebook und entwickelte sich zum Standardmodell für die Kapitalbildung im Silicon Valley. Heute bedient sich praktisch jedes Startup, jede App dieser Methode. Das Argument lautet immer: Eure Daten sind die Gegenleistung für unsere kostenlosen Dienstleistungen. Inzwischen hat der Überwachungskapitalismus längst auch andere Sektoren erreicht – das Versicherungs- und Gesundheitswesen, den Einzelhandel, Finanzen, die Unterhaltungsbranche, Bildung und mehr.

Der Kapitalismus verändert sich buchstäblich vor unseren Augen.

«Wir wissen bereits heute, was die Menschen tun, wo sie arbeiten, ob sie verheiratet sind.»Jim Hackett, Ford-Chef

Vielleicht das eindrucksvollste Beispiel für einen solchen Vorgang der Veränderung ist der Geburtsort der Massenproduktion: die Ford Motor Company. Vor hundert Jahren haben kapitalistische Pioniere wie Henry Ford ein neues Jahrhundert des Massenkonsums eingeleitet. Ford erkannte, dass auch Landwirte und Ladenbesitzer Autos wollten – aber zu einem bezahlbaren Preis. In seiner Welt waren Kunden und Arbeiter in einem Kreislauf aus Produktion und Verkauf verbunden, der kostengünstige Waren für niedrige Löhne produzierte. Legendär ist der 5-Dollar-Tag in den Ford-Werken.

Im November 2018 wies Jim Hackett, Verwaltungsratspräsident von Ford, auf ein neues Paradigma für die Automobilhersteller hin. Er sagte: «In Zukunft werden wir ungeheuer viele Daten haben, von Fahrzeugen, von Lenkern und von den Städten, in denen diese Fahrzeuge fahren. Wir haben heute schon 100 Millionen Menschen in Autos von Ford.» Und:

«Wir wissen bereits heute ... was die Menschen tun ... wir wissen, wo sie arbeiten; wir wissen, ob sie verheiratet sind. Wir wissen, wie lange sie schon in ihrem Haus leben.» Sobald aus Kunden also Datenquellen werden, steht der nächste Schritt fest: Die Daten, die in Echtzeit aus Autos strömen, werden mit den Finanzierungsdaten von Ford kombiniert werden. Ein Branchenanalyst sagte, Ford könne ein Vermögen verdienen, indem die Firma Daten monetarisiert. «Sie brauchen dafür keine Ingenieure, Fabriken oder Händler. Es ist fast reiner Gewinn.»

Intelligente Wodkaflaschen

Wir leben heute in einer Welt, in der jedes Produkt und jede Dienstleistung, die mit dem Wort «smart» oder «personalisiert» beginnt, jedes internetfähige Gerät, jedes Fahrzeug und jeder «digitale Assistent» die Daten der Nutzer uneingeschränkt weiterverwendet. Es ist allgemein bekannt, dass der Kapitalismus sich weiterentwickelt, indem er selbst für die Dinge, die sich seiner Dynamik entziehen wollen, einen Markt schafft. Der Überwachungskapitalismus geht noch weiter, indem er private Erfahrungen sozusagen als freien Rohstoff deklariert, der verarbeitet und vermarktet werden kann.

Er plündert sozusagen unser Verhalten auf Mehrwert. Sein «Produkt» sind die Daten unseres Lebens. In dem Produkt versteckt sind unsere Spuren und die der Menschen, mit denen wir unser Leben teilen: ihre Schlafgewohnheiten, die Dezibelwerte in ihren Wohnungen, die dünner werdenden Laufschuhe der Partnerin, unser eigenes Zögern vor den Pullovern in einer Boutique. Es gibt inzwischen alles: von intelligenten Wodkaflaschen bis zu internetfähigen Rektalthermometern. Dem Wettbewerb um die Einnahmen aus dieser Überwachung wollen sich alle Hersteller und Dienstleister anschliessen.

Wir sind uns unserer Funktion als Datenlieferanten nicht voll bewusst.

Natürlich sind wir uns unserer Funktion als Datenlieferanten nicht voll bewusst. In den USA leiten Atemgeräte, die von Menschen mit Schlafapnoe benutzt werden, heimlich Daten an die Krankenkasse weiter, damit diese eventuell die Kostenübernahme verweigern kann. Einige Handy-Apps erfassen unseren Standort alle paar Sekunden und verkaufen die Information an Dritte. Im Juli 2017 sorgte der autonome Staubsauger Roomba von iRobot für Schlagzeilen. Der CEO des Unternehmens, Colin Angle, berichtete über seine datenbasierte Geschäftsstrategie für das «Smart Home» und erklärte, der Aktienkurs sei gestiegen, seit er vorschlug, kostenlose Grundrisse von Kundenwohnungen zu teilen.

Die Datenströme, die wir produzieren, können von Firmen natürlich auch genutzt werden, um unser Verhalten zu beeinflussen: Pokémon-Go-Spieler werden sanft zum Essen, Trinken und Kaufen in den Lokalen und Bars aufgefordert, in denen sie gerade spielen. Werber können dank Ausbeutung von Facebook-Profilen den Zeitpunkt bestimmen, zu dem ein Teenager eine «Selbstbestätigung» braucht, also Lust hat, aus Frust etwas zu kaufen.

Diese Form des Kapitalismus schafft antidemokratische Wissens und Machtasymmetrien. Überwachungskapitalisten wissen alles über uns, während ihre Methoden so «designt» sind, dass wir nicht mal wissen, ob und wie wir überwacht werden. Der neue Kapitalismus wird unsere Zukunft massiv beeinflussen.

Objekte unseres eigenen Lebens

Die Möglichkeiten der Überwachungskapitalisten, menschliches Verhalten zu kennen und zu beeinflussen, sind beispiellos. Oftmals verwechselt mit «Totalitarismus» und als «Big Brother» gefürchtet, handelt es sich um eine neue Art von Macht, die ich «Instrumentarismus» nenne. Instrumentarier kennen und manipulieren das Verhalten von Individuen, Gruppen und ganzen Bevölkerungen im Dienste des Überwachungskapitalismus. Der Cambridge-Analytica-Skandal hat gezeigt, wie diese Methoden mit dem richtigen Knowhow zu politischen Zielen missbraucht werden können. Wirklich erschreckend ist jedoch: Die Methoden von Cambridge Analytica werden von vielen anderen routinemässig verwendet.

Es muss allerdings nicht so sein. Im Jahr 2000 arbeiteten Computerwissenschaftler und Ingenieure an einem Projekt namens «Aware Home». Sie stellten sich eine «Mensch Haus-Symbiose» vor, wobei alles, was im Haus geschieht, erfasst wird. Und zwar durch ein Netzwerk von Sensoren und tragbaren Computern der Bewohner. Das System wurde als einfacher geschlossener Regelkreis konzipiert, der ausschliesslich von den Hausbewohnern kontrolliert wird. Da das Haus «Aufenthaltsort und Aktivitäten der Bewohner ständig überwachen würde, ja, sogar deren Gesundheitszustand feststellen würde», kam das Team zum Schluss, dass diese Daten ausschliesslich auf den tragbaren Computern der Bewohner gespeichert werden dürfen. Und nirgendwo sonst.

2017 veröffentlichten zwei Wissenschaftler der University of London die detaillierte Analyse eines einzigen «Smart Home»Geräts, eines Thermostaten der Firma Nest, die mittlerweile Google gehört. Sie stellten fest, dass der Kauf des Thermostaten vom Käufer verlangt, fast tausend «Verträge» zu prüfen: Nutzungsbedingungen, denen der Kunde zustimmen muss, damit das Nest-Ökosystem mit den angeschlossenen Geräten und Apps Daten mit Dritten austauschen kann. Lehnt der Kunde die Bestimmungen ab, weisen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen darauf hin, dass Funktionalität und Sicherheit des Thermostaten stark beeinträchtigt sein können.

Überwachungskapitalisten wollen uns einreden, der Weg in die von ihnen gewollte digitale Zukunft sei unvermeidlich. Aber das ist nicht der Fall. Tatsächlich waren wir einst das Subjekt unseres Lebens, nun sind wir sein Objekt. Das muss sich ändern. Wir müssen das Recht zurückbekommen, zu wissen und zu entscheiden, wer von unserem Leben und unserer Zukunft weiss. Dieses Recht ist die einzig mögliche Basis für menschliche Freiheit und eine funktionierende demokratische Gesellschaft.

«Das ist Überwachung und sie ermöglicht den Unternehmen, Sie besser kennen zu lernen, als Sie sich selbst kennen.»Tim Cook, Apple-Chef

Ende Oktober 2018 verurteilte der Vorstandsvorsitzende von Apple, Tim Cook, im Europäischen Parlament den data industrial complex mit seinen «Beständen an personenbezogenen Daten», die nur dazu dienen, «die Unternehmen, die sie erheben», zu bereichern. «Das ist Überwachung», betonte er, «und sie ermöglicht den Unternehmen, Sie besser kennen zu lernen, als Sie sich selbst kennen.»

Natürlich sahen Zyniker in Cooks klaren Worten lediglich den Versuch, Apple aus dem zunehmend negativen Image des Techsektors herauszunehmen. Andere führten Apples eigene Widersprüche der letzten zehn Jahre auf. Darunter ein iPhone mit Google Search, die Speicherung von Nutzerdaten auf chinesischen Servern, Apples mangelnde Transparenz bezüglich vieler Praktiken bei der Datenerfassung und andere Widersprüche.

Auch wurde gesagt, dass eine klare Position bei der Frage des Datenschutzes für Apple leichter einzunehmen sei als für andere, weil das Unternehmen vom Verkauf von Geräten lebt und nicht von Werbung auf Plattformen. Dennoch sind für viele Tim Cooks Worte ein Grund zur Hoffnung. Endlich hat jemand aus der Branche den Mut gehabt, sich zu äussern.

In 46 der 48 wichtigsten Meinungsumfragen, die zwischen 2008 und 2017 in den USA und Europa durchgeführt wurden, sprachen sich grosse Mehrheiten für Massnahmen aus zum besseren Schutz der Privatsphäre und zur Kontrolle der Nutzer über personenbezogene Daten. 2009 ergab eine Umfrage, dass 73 Prozent der Teilnehmer Werbung ablehnen, wenn sie darüber informiert worden sind, wie die Unternehmen ihre Daten sammeln und weitergeben. In einer Umfrage von 2015 waren sogar 91 Prozent der Ansicht, die Erhebung personenbezogener Daten «ohne mein Wissen» sei selbst dann nicht fair, wenn man dafür Produkte oder Dienstleistungen billiger beziehen könne.

Es gibt eine Diskrepanz zwischen der kritischen Einstellung der Konsumenten und ihrem tatsächlichen Verhalten.

Techfirmen bezeichnen solche Umfragen gern als Unsinn. Sie rechtfertigen den Status quo mit dem Verhalten der Nutzer im Netz und den spektakulären Einnahmen, die sie damit generieren. In Erinnerung ist die Aussage des früheren Google-CEO Eric Schmidt, 2009 gerichtet an seine Kritiker: «Wenn Sie etwas getan haben, wovon keiner wissen sollte, hätten Sie es vielleicht gar nicht erst tun sollen.»

Experten nennen die Diskrepanz zwischen der kritischen Einstellung der Konsumenten und ihrem tatsächlichen Verhalten im Netz «das Paradoxon der Privatsphäre». Es ist aber keines. Es zeigt sich darin lediglich das vorhersehbare Resultat eines Kampfs zwischen Angebot und Nachfrage. Ein Kampf, der die Differenz zum Ausdruck bringt zwischen dem, was uns die Überwachungskapitalisten aufzwingen, und dem, was wir wollen.

Diese Differenz zwischen Angebot und Nachfrage sollte weitsichtige Unternehmer zum Handeln bewegen. Sich dem Überwachungskapitalismus zu widersetzen, ist nicht einfach nur «das Richtige tun». Fast jeder Internetnutzer verlangt nach einem alternativen Weg in die digitale Zukunft, der seine Bedürfnisse befriedigt, ohne aber seine Privatsphäre oder seine Autonomie zu gefährden. Angesichts der Macht der Überwachungskapitalisten ist klar: Wer einen alternativen Weg gehen will, muss grosse wirtschaftliche und politische Anstrengungen unternehmen.

Das könnte die Chance sein für den Apple-CEO Tim Cook. Eine Studie über die Renditen an den Aktienmärkten kam 2017 zum Schluss, dass Apple im 20. Jahrhundert mehr Gewinn für Investoren erzielt hat als jedes andere US-Unternehmen. Wenn Cook bereit ist, seinen Worten in Brüssel Taten folgen zu lassen, könnte Apple den Kapitalismus wieder mit den Konsumenten versöhnen, denen er dienen soll.

Wir brauchen neue Gesetze, Vorschriften und Formen des kollektiven Engagements.

Cook sagte, der angenommene Konflikt zwischen Privatsphäre und Profit respektive zwischen Privatsphäre und Innovation sei ein falsches Dilemma. In der Tat ist die Kluft zwischen dem, was die Techunternehmen bieten, und den Wünschen der Kunden eine historische Chance für einen qualitativen Sprung in der Entwicklung des Kapitalismus.

«Wir stolpern eine Weile herum und versuchen, eine neue Zivilisation auf alte Weise zu führen, aber wir müssen anfangen, diese Welt zu verändern.» Es war 1912, als Thomas Edison in einem Brief an Henry Ford seine Vision für eine neue industrielle Zivilisation darlegte. Edison befürchtete, das Potenzial des Industrialismus, dem Fortschritt der Menschheit zu dienen, werde beschnitten durch die Macht der Raubritter und die monopolistische Wirtschaft, die ihre Königreiche regierten.

Er verurteilte den Status quo, der von der «Verschwendung» und «Grausamkeit» des US-Kapitalismus geprägt ist. Edison und Ford verstanden, dass die moderne industrielle Zivilisation, die sie anstrebten, in eine Zukunft eilte, die von Elend für viele und Wohlstand für wenige geprägt war. Sie wussten auch, dass die Praktiken des Kapitalismus die Moral einer Gesellschaft prägen. Alles müsse neu erfunden werden: Technologien und ein Modell, das diese Technologien in Profite verwandelt. Aber auch ein Gesellschaftsvertrag, der die Nachhaltigkeit dieser technischen Entwicklungen garantiert.

Unsere Zeit verlangt einen solchen Sprung. Wenn der Überwachungskapitalismus gezähmt oder gar verboten werden soll, brauchen wir neue Gesetze, Vorschriften und Formen des kollektiven Engagements. Deshalb fordere ich Tim Cook und andere Wirtschaftsführer auf, sich der Herausforderung zu stellen. Sie werden nicht allein gelassen werden. Der Kampf für eine lebenswerte Zukunft muss von allen gefochten werden.

Das neue Buch von Shoshana Zuboff heisst: «Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus». Aus dem Englischen von Finn Canonica. (Das Magazin)

Erstellt: 16.02.2019, 19:27 Uhr

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