Importgelüste trotz riesiger Fleischberge im Kühlschrank

Derzeit sind in der Schweiz 630 Tonnen Kalbfleisch überschüssig. Gleichwohl gibt es in der Fleischbranche Überlegungen, Mastkälber aus der EU einzuführen.

Sollen Kälber aus der EU in die Schweiz eingeführt werden? Foto: Keystone

Sollen Kälber aus der EU in die Schweiz eingeführt werden? Foto: Keystone

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Der Fleischberg ist mächtig. 630 Tonnen Kalbfleisch sind in der Schweiz derzeit überschüssig und lagern in Kühlräumen. Der Konsum pro Kopf beträgt 2,77 Kilogramm jährlich, Tendenz sinkend. Die Menge reicht somit aus, um hierzulande rund 225'000 Menschen ein Jahr lang mit Kalbfleisch zu versorgen – also alle Einwohner der Kantone Uri, Ob- und Nidwalden sowie Glarus und Jura.

Gleichwohl gibt es in der Fleischwirtschaft Überlegungen, Kälber aus dem EU-Raum zu importieren. So hat sich Translait vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) über die Konditionen für die Einfuhr informieren lassen. Das Unternehmen mit Sitz in Corminbœuf im Kanton Freiburg bestätigt entsprechende Informationen. Translait ist Anbieter von Milchpulver für die Tierernährung. Per 1.Januar dieses Jahres hat die Firma von der landwirtschaftlichen Genossenschaft Fenaco das Kälbermastunternehmen Univo aus Herzogenbuchsee BE gekauft. Mit der Übernahme will Translait Synergien nutzen. Ziel ist es, jedes Jahr circa 30'000 Mastkälber zu verarbeiten.

Warnung vor Imageschaden

Der Vorstoss in Bundesbern sorgt in der Branche für Unruhe. Denn die Konkurrenz aus dem Ausland produziert günstiger. Ein Tränker sehr guter Qualität kostet in der Schweiz 800 bis 900 Franken, im Ausland kaum die Hälfte davon. Es herrsche hierzulande bereits jetzt ein grosser Preisdruck, sagt Peter Schneider von Proviande, der Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft. «Der Kalbfleischmarkt ist nicht unterversorgt, was dagegen spricht, Kälber für die Mast zu importieren.» Schneider warnt vor einem möglichen Image­schaden für die Branche. Markus Ritter, Präsident des Schweizerischen Bauernverbands, sieht ebenfalls keinen Import­bedarf. «Ich empfehle Translait, sich in der Schweiz mit Mastkälbern einzu­decken», sagt der CVP-Nationalrat.

Bedenken melden auch Tierschützer an. Hansuli Huber, Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes (STS), wirft Translait «Skrupellosigkeit» vor: «Der Import bedeutet für die Kälber längere Wege und damit mehr Stress.» Zudem würden die Tiere vor der Einfuhr in die Schweiz für drei Wochen in Quarantäne gehalten. Anders als hierzulande dürften sie in EU-Staaten ohne Einstreu auf sogenannten Vollspaltenböden aus Beton gehalten werden.

Import überhaupt möglich?

Translait hingegen bestreitet, ernsthafte Importabsichten zu hegen. «Wir wollten nur wissen, inwieweit der Import überhaupt möglich ist», sagt Hubert Gauderon, der beim Unternehmen als Veterinärmediziner arbeitet. Preis­liche Überlegungen hätten keine Rolle gespielt. Gauderon dementiert auch, was in der Branche die Runde macht: dass nämlich Translait seine Anfrage mit einer Zahl – 4000 Kälber – unterlegt habe. Das für die Anfrage zuständige BLW äussert sich dazu nicht.

Der Import von Mastkälbern ist möglich, aber teuer. Im Rahmen der bestehenden Zollkontingente können zwar 1200 Rinder pro Jahr (60 Franken pro Tier) eingeführt werden – aber nur für die Zucht. Mastkälber müssten zum weit höheren Ansatz ausserhalb des Kontingents importiert werden (1275 Franken pro Tier). Auf ausländische Mastkälber zu setzen, rechnet sich so nicht. Allerdings bestünde die Möglichkeit, wieder ein Teilzollkontingent für den Import von lebenden Tieren zu schaffen. Dafür müsste der Bundesrat jedoch die entsprechenden Verordnungen anpassen. Ein Vertreter der Fleischbranche mutmasst denn auch, Translait habe einen Versuchsballon gestartet – in der Hoffnung, in einem ersten Schritt das BLW und hernach den Bundesrat für das Anliegen zu gewinnen.

Mast auf dem Geburtsbetrieb

Doch das Unternehmen hat andere Pläne, wie es versichert. «Es ist unser Ziel, die Gesundheit der Mastkälber und damit die Qualität des Fleisches zu verbessern», sagt Gauderon. Heute habe Translait zu wenig Einfluss auf die Gesundheit der Kälber, welche sie von den Händlern beziehe. Die Firma hat laut eigenen Angaben ein Konzept dazu erarbeitet, das sie demnächst der Öffentlichkeit präsentieren will. Demnach will Translait nur noch Kälber direkt ab Geburtsbetrieb beziehen, wo die Tiere gemäss einer Branchenvereinbarung neu mindestens 21 Tage bleiben sollen. Ebenso will Translait die Transportdistanzen in der Schweiz verringern und jene Bauern finanziell belohnen, die ihre Tiere vorbildlich aufziehen, das heisst auf dem Geburtsbetrieb und ohne den Einsatz von Antibiotika.

Der STS bezweifelt, dass das Konzept greifen wird. Grosse Kälbermastbetriebe – und so einer sei Translait – müssten oft überdurchschnittlich viel Antibiotika einsetzen, weil sie Kälber aus 30 bis 40 verschiedenen Geburtsbetrieben be­zögen und deshalb eine «grosse Herum­karrerei» nötig werde. Der Antibiotika­einsatz liesse sich deshalb am ehesten so senken: durch die Mast in kleinen bäuer­lichen Betrieben oder am besten durch die Mast auf dem Geburtsbetrieb.

Erstellt: 02.06.2016, 21:32 Uhr

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