In St. Moritz hängt kurz vor der Wintersaison der Haussegen schief

Die fristlose Trennung vom Tourismus-Chef sorgt im Nobelkurort für einen Richtungsstreit und ein juristisches Nachspiel.

Lässt sich inzwischen juristisch beraten: Gerhard Walter wurde als Geschäftsführer freigestellt. Foto: Claudio Bader

Lässt sich inzwischen juristisch beraten: Gerhard Walter wurde als Geschäftsführer freigestellt. Foto: Claudio Bader

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Engadiner Nobelkurort St. Moritz sucht nach gut zwei Jahren bereits wieder einen neuen Tourismus-Chef. «Sie fördern bei allen Beteiligten den Willen, gemeinsam die Tourismusentwicklung vorwärtszutreiben», steht im Stelleninserat, das auf der Website der Engadin St. Moritz Tourismus AG aufgeschaltet ist.

Doch auf eine geeinte Truppe kann sich der oder die Neue nicht gefasst machen. Stattdessen herrscht in St. Moritz ein Streit über die künftige Ausrichtung des Tourismus. Ausgelöst wurde er durch die völlig überraschende Trennung vom bisherigen Geschäftsführer, Gerhard Walter, die Mitte September bekannt wurde.

Vor allem die Tatsache, dass Walter fristlos ging, wirft Fragen auf. Voraussetzung für eine derartige Kündigung ist laut Obligationenrecht ein «wichtiger Grund», der die Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses unzumutbar macht. Was genau vorgefallen ist, darüber schweigt sich der Verwaltungsrat bis heute aus – und geht auf Tauchstation. Verwaltungsratspräsident Marcus Gschwend war für die SonntagsZeitung nicht zu sprechen, obwohl die Gerüchte-küche brodelt.

Ex-Direktor Danuser kritisiert den Einfluss der Bergbahnen

Aktiv sind dafür andere – etwa Gerhard Walter. Der entlassene Ex-Direktor lässt sich inzwischen juristisch beraten. «Es gab einen anwaltlichen Schriftverkehr mit Marcus Gschwend», bestätigt der Österreicher, der vor seiner Stelle in St. Moritz prominente Orte wie Lech Zürs und Kitzbühel vermarktet hatte. Geprüft werde derzeit, ob Gschwend vertragsbrüchig geworden sei, indem er in den Medien ehrverletzende Andeutungen über seine Person gemacht habe. Finanzielle Forderungen seitens Walter wurden offenbar inzwischen beglichen.

Der Österreicher erhält Beistand von einem prominenten St. Moritzer: Hans Peter Danuser. Dieser war 30 Jahre lang Kurdirektor von St. Moritz; 2008 trat er ab. «Dass es zwischen den Parteien zu einer fristlosen Trennung kam, ist katastrophal für das Image von St. Moritz. Das wird jedem potenziellen Nachfolger und jeder Nachfolgerin zu denken geben», sagt Danuser. St. Moritz stehe nun kurz vor Beginn der Wintersaison mit einem Führungsvakuum da.

In einem Blogbeitrag übt Danuser heftige Kritik. Obwohl die Bergbahnen keine Aktie an der Engadin St. Moritz Tourismus AG hielten, hätten sie das Sagen. Verwaltungsratspräsident Marcus Gschwend ist Geschäftsführer der Bergbahnen Graubünden. Auch der Finanzchef kommt von der Bahnseite und rückte erst vor kurzem in die Geschäftsleitung auf – laut Recherchen auf Druck Gschwends.

Danusers Fazit: Die Machtverhältnisse in der Tourismusorganisation müssen geändert werden. «Es gehören vor allem Vertreter der imageprägenden Fünfstern-Hotellerie von St. Moritz in den Verwaltungsrat. Das sind die, die das Geld für den Ort bringen.»

Nun soll Gemeindepräsident Jenny eingreifen

Auch die Präsidenten der Gemeinden, welche die Engadin St. Moritz Tourismus AG finanzieren, scheinen nicht glücklich zu sein mit der Zusammensetzung des obersten Leitungsgremiums. «Dem Verwaltungsrat würde es guttun, den einen oder anderen Vertreter aus der Privatwirtschaft ausserhalb des Engadins in den Reihen zu haben», sagt Silvaplanas Gemeindepräsident Daniel Bosshard. Silvaplana hält rund 7 Prozent der Aktien.

Hauptaktionärin ist die Gemeinde St. Moritz mit 34,4 Prozent. Deren Präsident, Christian Jott Jenny, kommt laut Hans Peter Danuser nun eine Schlüsselrolle zu. «Jenny muss seine Rolle als Vertreter des grössten Aktionärs wahrnehmen und eingreifen.» Der Leistungsauftrag der Gemeinde mit der Tourismusorganisation sollte nach Danusers Meinung gekündigt und so der Weg für einen neuen Verwaltungsrat geebnet werden. Christian Jott Jenny gibt sich zwar zugeknöpft. Doch der Künstler macht offenbar bereits Druck. Er sagt: «Es sind diverse Dinge in interner Klärung.»



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 02.11.2019, 20:15 Uhr

Artikel zum Thema

St. Moritz trennt sich abrupt vom Tourismuschef

Eklat im Nobelkurort: Zwischen dem CEO Gerhard Walter und dem Verwaltungsrat kam es zum Bruch. Führungsdefizite sollen schuld sein. Mehr...

Spuhler sichert sich ein Schnäppchen in St. Moritz

SonntagsZeitung Der Patron von Stadler Rail hat sich im Engadiner Nobelkurort ein Chalet gekauft. Er profitiert vom Überschuss bei Zweitwohnsitzen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Willkommen auf dem E-Bauernhof

Im Jahr 2050 gilt es, 9,8 Milliarden Menschen zu ernähren. Somit muss bis dann die Nahrungsmittelproduktion weltweit um 70 Prozent erhöht werden.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Gute Laune trotz Lichtmangels

Geldblog Warum auch Arbeitslose AHV-pflichtig sind

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...