Je kleiner die Autonummer, desto grösser das Ego

Beim Protzen sind drei Dinge wichtig: Sichtbarkeit, Originalität und Seltenheit.

ZH 505, das Pfauenrad des modernen motorisierten Mannes. Foto: Keystone

ZH 505, das Pfauenrad des modernen motorisierten Mannes. Foto: Keystone

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Würden Sie für Ihre Autonummer mehr als ein durchschnittliches Schweizer Jahresgehalt hinblättern? Bestimmt nicht. Das wäre ja ein schöner ökonomischer Blödsinn. Und doch ist es dem Strassenverkehrsamt des Kantons Zürich letztes Jahr gelungen, für die Nummer ZH 987 die unglaubliche Summe von 152'000 Franken zu ersteigern. Alle, die dabei leer ausgegangen sind, halten jetzt bitte die Luft an: Aktuell steht ZH 505 zum Verkauf!

Was bewegt Männer, bei solchen Auktionen mitzubieten? (Ja, nur Männer – Frauen interessieren sich nicht für so was.) Es ist doch wohl offensichtlich, dass das nur Geldverschwendung ist. Die Schlagzeilen enden mit Fragezeichen, die Leser sind empört. Die Antwort ist einfach: Es handelt sich um Geltungskonsum. Konsum, mit dem Wohlbegüterte ihren sozioökonomischen Status signalisieren. Es geht also ums Protzen.

Dabei sind drei Dinge wichtig. Erstens muss das konsumierte Gut für alle sichtbar sein. Das Strassenverkehrsamt weiss das. Es könnte ja auch einen Führerschein aus reinem Gold anbieten. Doch der würde sich nicht verkaufen, weil Führerscheine unsichtbar im Portemonnaie stecken. Zweitens muss es sich um ein «ehrliches Signal» handeln – es muss also schwer zu fälschen sein. Mit einer Rolex kann man heute nicht mehr angeben, denn es gibt wahrscheinlich mehr gefälschte als echte. Natürlich kann man auch Autonummern fälschen, steht dann aber mit einem Fuss im Gefängnis – dort hat es sich dann ausgeprotzt. Drittens sollte das Gut Seltenheitswert haben. Wenn plötzlich alle mit dreistelligen Nümmerli rumfahren würden, so wäre das Signal kein Signal mehr. Sondern banal.

Unwichtig sind beim Geltungskonsum zwei Merkmale, auf die wir als Konsumenten sonst sehr viel Wert legen. Das Gut muss nämlich weder einen funktionalen Vorteil haben noch einen materiellen Mehrwert. Die Autonummer könnte genauso gut aus Elfenbein sein oder aus Meissener Porzellan – der Unterschied zum normalen Kennzeichen wäre nicht sichtbar, die Signalwirkung wäre gleich null.

Weibliche Pfauen paaren sich nicht mit Männchen, die bei Bedrohung davonfliegen. Sondern mit solchen, die über grosse Statussymbole verfügen.

Ein auffälliges Signal, gut sichtbar, aber nicht funktional. Kommt Ihnen da ein Tier in den Sinn? Genau, der Pfau. Das Pfauenrad ist der Schlüssel, wenn wir verstehen wollen, warum Männer tiefe Nummern an ihr Auto schrauben wollen. Eigentlich müsste der Pfau längst ausgestorben sein. Ist er aber nicht, denn offenbar ist es für seinen Fortpflanzungserfolg wichtiger, Stärke zu signalisieren, als davonfliegen zu können. So mancher Pfau hat diese Priorisierung mit dem Leben bezahlt. Aber die weiblichen Pfauen paaren sich halt nicht so gerne mit Männchen, die bei Bedrohung davonfliegen. Sondern mit solchen, die über grosse, schöne Statussymbole verfügen. Pfau und Mensch sind ähnlicher, als man denkt.

Nun könnte man meinen, die finanziellen Exzesse bei Autonummern-Versteigerungen seien zwar absurd, aber selten und daher unbedeutend. Doch in Wahrheit lebt eine ganze Branche vom Geltungskonsum, die Luxusgüterbranche. Diese blüht, denn ein grosser Teil der Konsumentscheidungen ist mit dem unbewussten Wunsch verbunden, Reichtum und Status zu signalisieren. Im Jahr 2018 war dieser Wunsch den Konsumenten satte 260 Milliarden Euro wert, weltweit. Mindestens, denn in dieser Zahl noch nicht enthalten sind Luxusvarianten normaler Güter, etwa Carbon-Velos, Stradivari-Geigen, Ferraris oder eben exklusive Autokennzeichen. Sollen wir uns also lustig machen über den Käufer von ZH 505, der sich mit Geld Geltung kaufen will? Nein, denn etwas zu gelten, ist ein zutiefst männliches, äh, menschliches Bedürfnis.

Geltung bedeutet die Akzeptanz einer sozialen Gruppe, und ohne Akzeptanz kommt keiner aus. Dennoch sollten wir uns fragen, ob es wirklich sinnvoll ist, Autonummern zu versteigern. Es handelt sich dabei um eine besonders unproduktive Art von Geltungskonsum. Wenn der Staat unproduktiven Geltungskonsum und demonstrative Geldverschwendung fördert, so vergrössert er damit die Wahrnehmung sozialer Ungleichheit und treibt einen Keil in den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Wie sehen Sie das?

Erstellt: 04.02.2019, 08:15 Uhr

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