Diese Spitäler haben ein Qualitätsproblem

Nach der Behandlung zurück in die Klinik: Eine neue Liste zeigt, in welche Spitäler Patienten auffällig oft zurückkehren müssen.

Noch sind die Ursachen unbekannt: Auch das Berner Inselspital hat Verbesserungsbedarf. Foto: Ex-Press

Noch sind die Ursachen unbekannt: Auch das Berner Inselspital hat Verbesserungsbedarf. Foto: Ex-Press

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Christina Bachmann, 70, hatte Respekt vor der Rückenoperation, und zwar nicht nur wegen des Eingriffs, sondern auch wegen der Heilung danach. Bei einer guten Freundin war eine ähnliche Operation nicht zufriedenstellend verlaufen. Sie musste danach über Wochen immer wieder ins Spital. Zuerst hatte sie grosse Schmerzen, dann kam ein hartnäckiger Infekt hinzu, der ­erneut im Spital behandelt werden musste.

Patienten hoffen, dass nach einer Behandlung im Spital alles rasch besser wird. Das ist meistens der Fall, aber nicht immer. Diese Woche veröffentlichte ANQ, der nationale Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken, die Ergebnisse einer Untersuchung über die Wiedereintritte von Patienten.

Ein wichtiger Aspekt für die Patienten

Das Resultat ist besorgniserregend: 47 von 195 untersuchten Spitälern und Spitalstandorten in der Schweiz hatten 2016 deutlich mehr Wiedereintritte, als man erwarten konnte. Das sind mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Die Daten erheben die Spitäler im Auftrag der Kantone. Diese leiten sie an das Bundesamt für Statistik weiter, welche sie überprüft und aufbereitet. Das braucht seine Zeit, weshalb die Daten rund zwei Jahre alt sind, wenn die Resultate veröffentlicht werden.

Die Anzahl Wiedereintritte zeigt zwar nur einen Teilaspekt der Behandlungsqualität in einem Spital. Es ist aber einer, der für die Patienten entscheidend ist: Nämlich wann und wie sie nach Hause entlassen werden, und ob sie plötzlich wieder ins Spital müssen. Die Anzahl der Wiedereintritte sei deshalb ein «valider Indikator für die Qualitätsmessung», heisst es in der Studie.

Nicht nur kleine, sondern auch ganz grosse Spitäler sind betroffen

Die Untersuchung geht bei der Auswertung sorgfältig vor: Zuerst wird für jedes einzelne Spital berechnet, wie viele Wiedereintritte je nach Patientenmix, Komplexität der Fälle oder dem Angebot an Disziplinen zu erwarten sind. Nur wenn die Zahl der tatsächlichen Wiedereintritte diesen Wert und ein weiteres darüber liegendes Signifikanz-Niveau überschreitet, hat ein Spital zu viele vermeidbare Wiedereintritte.

Betroffen sind gemäss der neusten Studie nicht nur kleine Spitäler, sondern auch ganz grosse, etwa das Inselspital Bern oder das Universitätsspital Lausanne. Im grünen Bereich arbeitet das Universitätsspital Genf. Der Wert des Universitätsspitals Zürich wurde zwar berechnet, aber schon zum zweiten Mal hintereinander wegen eines Problems mit den Daten nicht veröffentlicht. Auch auf Anfrage der SonntagsZeitung wollte sich das Unternehmen nicht in die Karten blicken lassen. Aus demselben Grund fehlen in der Statistik zehn weitere Resultate aus dem Kanton Zürich. Im nächsten Jahr soll dies allerdings behoben sein.

Auch regionale Zentrumsspitäler haben ein Problem mit vermeidbaren Wiedereintritten. In St. Gallen oder in Baden AG ist der Wert zu hoch. Das Universitätsspital in Basel sowie die Kantonsspitäler in Luzern, Aarau und Winterthur hatten 2016 hingegen weniger Wiedereintritte zu verzeichnen als erwartet.

«Es braucht offenbar etwas Druck»

Regula Heller, die Leiterin der Studie bei ANQ, ist über die Verdoppelung der betroffenen Spitäler überrascht. «In früheren Jahren war die Anzahl der Spitäler mit auffälligen Werten ungefähr stabil, ja sogar leicht rückläufig», sagt sie. Heller überprüfte zuerst die Richtigkeit der Daten. Als sich aber am Ergebnis nichts änderte, wurden Zusatzabklärungen durchgeführt, um herauszufinden, woran die Zunahme der Wiedereintritte liegen könnte. Sie ergaben, dass die sinkende durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Spital das Resultat zwar beeinflusst, allerdings lässt sich die Zunahme der Wiedereintritte dadurch nicht vollständig erklären. Es gelte, die weitere Entwicklung abzuwarten, sagt Heller.

Die Studie empfiehlt den Spitälern mit einer zu hohen Wiedereintrittsrate, selber Untersuchungen durchzuführen. Sie sollten die Daten nach ihren Fachbereichen aufschlüsseln oder Gruppen von gleichen Diagnosen unter die Lupe nehmen. Selbst eine Analyse, ob es an bestimmten Wochentagen zu mehr Austritten von Patienten kommt, die dann später wieder eintreten müssen, könne sinnvoll sein, sagt Heller. Doch offenbar sehen das nicht alle Institutionen so. «Nicht alle Spitäler haben bis jetzt etwas aus den Ergebnissen der Studie gemacht», sagt sie. «Es braucht offenbar etwas Druck.»

Die Kantone Bern und Baselland sind besonders betroffen

Kein Kanton hat derart viele Spitäler mit zu hohen Werten wie der Kanton Bern, wo insgesamt neun Standorte über dem erwarteten Wert liegen. Ein Muster, wen es trifft, ist dabei nicht erkennbar: Neben dem Inselspital ist auch das Spitalzentrum Biel betroffen; das ähnlich grosse Spital Thun liegt unter dem Wert. Während das Regionalspital Burgdorf zu viele Wiedereintritte verzeichnete, liegt das ungefähr gleich grosse Spital Münsingen deutlich unter der Norm.

Gundekar Giebel, Sprecher der Berner Gesundheitsdirektion, wiegelt ab. Die Daten hätten nur eine beschränkte Aussagekraft, ein Teil der Wiederaufnahmen entstehe durch interne Verlegungen zwischen Spitälern innerhalb einer Gruppe. Dies trifft allerdings nicht zu. Die Studie rechnet diese Wiedereintritte heraus, wie Regula Heller bestätigt. Immerhin verspricht Giebel, dass der Kanton sich der Sache annehme. Man werde prüfen, ob er bei den betroffenen Spitälern Stellungnahmen einfordern solle. Das Inselspital Bern liess eine Anfrage zu den möglichen Ursachen und allfälligen Massnahmen unbeantwortet.

Vor der Operation nachschauen

Auffällig ist neben der Region Bern auch die Region Basel. Dort wird im Februar über die Fusion der Spitäler der beiden Halbkantone abgestimmt. Die beiden grossen Standorte im Baselbiet in Liestal und im Bruderholz haben deutlich zu viele vermeidbare Wiedereintritte. In der Stadt hat man die Lage offenbar im Griff: Kein einziges Spital taucht in der Statistik mit einem zu hohen Wert auf. Das Kantonsspital Baselland sagt, man sei bereits daran, die Empfehlungen früherer Studien umzusetzen und die Qualität bei den Austritten zu verbessern.

Christina Bachmann hat ihren Eingriff übrigens gut überstanden. Ein erneuter Aufenthalt im Spital war nicht nötig. Und auch ihrer Freundin geht es mittlerweile besser. In Zukunft können sie vor dem Eingriff bei ANQ nachschauen, ob es im Spital, wo sie operiert werden, zu übermässig vielen Wiedereintritten kommt.

Erstellt: 17.12.2018, 08:25 Uhr

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