17-Stunden-Schichten für die Tennis-Stars

Federer, Nadal, Djokovic – er kennt sie alle. Der Basler Misel Milovanovic bespannt ihre Schläger für 140 Franken im Tag. Nun will er mit Tennisball-Selfies durchstarten.

Die Grössten vertrauen ihm ihr Material an: Der Basler Promi-Racket-Bespanner Misel Milovanovic mit Roger Federer. Foto: Mathias Morgenthaler

Die Grössten vertrauen ihm ihr Material an: Der Basler Promi-Racket-Bespanner Misel Milovanovic mit Roger Federer. Foto: Mathias Morgenthaler

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Am Australian Open 2020 war er wieder nah dran an denen, die im Scheinwerferlicht die grossen Geschichten schreiben. Mit Roger Federer hat Misel Milovanovic mehrmals geplaudert auf der Tennisanlage in Melbourne. Für Garbine Muguruza, die wiedererstarkte Spanierin, hat Milovanovic Dutzende von Rackets bespannt und sich entsprechend gefreut, dass sie sich bis ins Finale vorgekämpft hat.

Es sei ein Privileg, in persönlichem Kontakt mit all diesen Ausnahmekönnern zu stehen, sagt Milovanovic – auch für Rafael Nadal und Novak Djokovic habe er schon die Saiten in die Schläger gespannt; Marin Cilic habe ihm sogar eines seiner Rackets geschenkt zum Dank. Obwohl Milovanovic die Weltstars immer wieder an den grössten Turnieren der Welt trifft, trennen ihn doch Welten von ihnen.

Während Sieger Djokovic für etwas mehr als 16 Stunden Tennis in zwei Wochen einen Check über umgerechnet 2,7 Millionen Franken erhielt, arbeitete der Bespanner tagelang im Akkord für einen Hungerlohn: Elf Tage lang war Milovanovic am Australian Open im Einsatz, ab 7 Uhr in der Früh bis gegen Mitternacht – und damit war er noch gut bedient, denn je nach Sonderwünschen der Spieler und je nach Ansetzung der Matchs dauert der Arbeitstag eines Bespanners auch mal von 6 Uhr bis 1.30 Uhr am nächsten Morgen.

5800 Rackets in zwei Wochen

Entschädigt wird diese Arbeit – die Präzision, flinke Finger und starke Hände verlangt – mit 140 Franken pro Tag, wie Milovanovic sagt. Dazu gibts 20 Franken für die Verpflegung und eine Unterkunft. Die Reisespesen musste Milovanovic zur Hälfte selber berappen, was fast die Hälfte der Einnahmen wegfrass.

Für ihn als Tennisfan gebe es nichts Grösseres, als an diesen wichtigen Turnieren mitzuwirken, sagt der 40-Jährige. 5800 Rackets hat das 20-köpfige Team in Melbourne bespannt – ohne ihre Arbeit wäre der Turnierbetrieb undenkbar.

Wenn er die Sache allerdings ökonomisch betrachte, seien diese Einsätze komplett unvernünftig. «Während die Preisgelder für die Spieler Jahr für Jahr steigen, bekommen wir Bespanner fast nichts», bemängelt Milovanovic. Auf die French Open in Paris verzichtet er deshalb seit mehreren Jahren – im Juni hat er in seinem Tennisshop im Sportcenter Paradies in Allschwil BL alle Hände voll zu tun und ist selber in der Interclub-Meisterschaft engagiert.

Das Gesicht von Federer auf einem Tennisball: Damit will Racket-Bespanner Milovanovic durchstarten.

In Melbourne gelang Milovanovic nun ein Coup der ganz anderen Art. Er hat mit einem Kollegen ein Verfahren entwickelt, das es ermöglicht, Porträts auf Tennisbälle zu drucken. Zu Beginn des Australian Open liess er den Eurosport-Kommentatoren Matthias Stach und Boris Becker solche Selfie-Bälle mit ihrem Antlitz zukommen, was ihm prompt einen Auftritt in deren Sendung vor einem tennisverrückten Millionenpublikum einbrachte.

Seither kann er sich vor Bestellungen kaum noch retten und verbringt täglich viele Stunden damit, Filzbälle von Hand einzuspannen und mit dem 3-D-Printer zu verzieren. Bereits hat er mehrere Anfragen von Turnierveranstaltern erhalten, seine Tennisball-Selfies als Attraktion vor Ort anzubieten, und ein deutscher Grosshändler will die Innovation in sein Sortiment aufnehmen.

Auch Bier, Kuchen und Rosen können veredelt werden.»Misel Milovanovic über sein Personalisierungsbusiness

So ist es gut denkbar, dass Milovanovic dank seinem Gespür für Geschäftsideen demnächst einen Weg findet, seine Arbeitsbedingungen auf der Tour aus eigener Kraft markant zu verbessern: indem er nicht mehr als Bespanner an die grossen Turniere reist, sondern als Unternehmer. An weiteren Ideen mangelt es ihm nicht: Wie man mit Lebensmittelfarbe das Konterfei von Roger Federer auf einen Cappuccino zaubern kann, hat er bereits herausgetüftelt, «und auch Bier, Kuchen, Rosen und Tennisutensilien können auf ähnliche Weise veredelt werden».

Die Reaktionen der Stars zeigen Milovanovic, dass in diesem Personalisierungsbusiness noch viel Potenzial brachliegt. Martina Hingis bestellte für ihre Hochzeit 200 Tennisbälle mit den Porträts von ihr und ihrem Ehemann drauf, und Stefanos Tsitsipas, der aufstrebende Grieche mit ausgeprägter Affinität zur Fotografie, war an den Swiss Indoors in Basel so angetan von den Tennisball-Selfies, dass Bespanner Milovanovic nach einem 14-Stunden-Tag in der St.-Jakobs-Halle noch eine mehrstündige Nachtschicht am Drucker anhängen musste, um seinen prominenten Kunden am nächsten Morgen wie gewünscht zu beliefern.

Söderlings Racket als Start

Dass er überhaupt mit Tennis in Berührung gekommen ist, verdankt Milovanovic einem Zufall. Seine Sportart war eigentlich Karate, er praktizierte die Kampfkunst vom vierten Lebensjahr an – es schien ausgemacht, dass er die Karateschule seines Vaters übernehmen würde. Doch dann, am Rand eines Karateturniers, sah der damals 10-Jährige einen Tennisspieler, der mit der Ballmaschine trainierte.

Er fragte ihn, ob auch er einmal versuchen dürfe, einen Ball ins Feld zu spielen, traf gleich die ersten beiden Bälle und «war infiziert vom Tennisvirus». Mit elf Jahren schrieb er sich im Club ein und träumte einige Jahre lang von einer Profikarriere, bis er als 16-Jähriger einsehen musste, dass sein Niveau zwar gut genug war zum Unterrichten, aber niemals fürs Profitennis ausreichte.

2009 wurde Milovanovic erstmals für Roland Garros aufgeboten: Bespanner im Einsatz am Australian Open.

Doch Niederlagen machen erfinderisch. Milovanovic absolvierte die KV-Lehre bei einem Treuhänder, verdiente sich nebenher mit Schlägerbespannen etwas dazu und machte sich mit gut 20 Jahren selbstständig als Tennistrainer, Betreiber eines Sportgeschäfts und Organisator von Turnieren. Und dann, nach einer zweitägigen Weiterbildung als Bespanner, meldete Milovanovic seine Ambition an, auf der Profitour statt nur in der Provinz Schläger zu bespannen. 2009 wurde er ein erstes Mal für Roland Garros in Paris aufgeboten.

Bei seiner Premiere bespannte er die Rackets eines gewissen Robin Söderling, der damals im Achtelfinal mit seinen wuchtigen Grundlinienschlägen dem scheinbar unbesiegbaren Rafael Nadal eine historische Niederlage zufügte und so den Weg freimachte für Roger Federers einzigen Titel auf Pariser Sand.

Erstellt: 10.02.2020, 15:53 Uhr

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