«Bei Putin fasziniert mich die Ausstrahlung»

Beat Stähli führt als Holzbildhauer eine jahrhundertealte Familientradition weiter. Der 50-Jährige fertigt auch Skulpturen berühmter Politiker an – aber nur unter gewissen Bedingungen. 

Der frühere deutsche Bundespräsident Christian Wulff (links) aus Nussbaum: Beat Stähli (Mitte) vertiefte sich 18 Monate lang in diese Arbeit, «mit der Zeit beginnt die Figur mit dir zu sprechen». Foto: Adrian Moser

Der frühere deutsche Bundespräsident Christian Wulff (links) aus Nussbaum: Beat Stähli (Mitte) vertiefte sich 18 Monate lang in diese Arbeit, «mit der Zeit beginnt die Figur mit dir zu sprechen». Foto: Adrian Moser

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Herr Stähli, Sie sind in vierter Generation als Holzbildhauer tätig. Haben Sie je in Betracht gezogen, einen anderen Beruf zu erlernen als Ihre Vorfahren?
Mein Vater war der 76. Holzbildhauer in der Stähli-Dynastie. Sobald ich gehen konnte, stieg ich die Treppe hinunter in sein Atelier, schaute ihm zu, wie er Figuren schöpfte aus Holz, putzte die Späne von der Hobelbank und spannte bald selber mein erstes Stück Holz ein, um ihm mit Meissel und Schlegel nachzueifern. Ich hätte auch gerne eine Tenniskarriere versucht oder Theologie studiert, aber nichts hat mich so berührt wie die künstlerische Gestaltung.

Wie haben Sie Ihre eigene Handschrift entwickelt?
Das Zeichnen und Gestalten ist mir von Anfang an leichtgefallen. Aber Talent ist nicht immer hilfreich. Wer es zur Meisterschaft bringen will, braucht viel Übung und Durchhaltewillen. Ich gab mir anfänglich zu wenig Mühe, weil mir die Dinge so spielend gelangen. Mit 16 Jahren änderte sich das: Ich zog mich zurück und vertiefte mich in die Malerei, lernte die grossen Künstler der Renaissance kennen, Michelangelo und da Vinci, tauchte ab in die ungeheure Tiefe ihrer Gestaltungskraft und entdeckte eine Welt, die mir kostbarer schien als alles, was ich sonst kannte. Von dem Moment an scheute ich keinen Aufwand mehr.

Was reizt Sie an der Holzbildhauerei?
Aus Holz Kunst zu schaffen, ist ein fragiler Prozess, weil man die Formen gestaltet, indem man etwas wegnimmt – das braucht eine grosse Sicherheit und Fingerfertigkeit. Da lernte ich viel dazu in der vierjährigen Ausbildung an der Schule für Holzbildhauerei in Brienz. Wie bei aller Kunst beginnt das Schöpferische dort, wo man sich über die Technik erheben kann. Ob Sie nun Martha Argerich beim Klavierspiel zusehen, Roger Federer beim Tennis oder Charles Chaplin auf der Leinwand: All diese Genies ziehen uns in ihren Bann, weil sie das Schwierige so leicht aussehen lassen, weil sie ganz im Flow sind.

«Ich vertraue darauf, dass mir Glücks- und Suchtmomente geschenkt werden.»

Sie kennen diesen Moment der Selbstvergessenheit bei der Arbeit?
Ja, manchmal bin ich nur noch das ausführende Werkzeug – ich muss dann nicht mehr überlegen oder messen, weil sich alles Wissen und Können in den Dienst der entstehenden Figur stellt. Das sind Glücks- und Suchtmomente. Gefährlich wird es, wenn man denkt, man könne sie herbeiführen, durch exzessives Arbeiten oder Drogen. Ich vertraue darauf, dass sie mir geschenkt werden, wenn ich mit Hingabe ans Werk gehe.

Vor uns steht eine lebensgrosse Skulpturengruppe mit dem früheren deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff. Wie kam es zu dieser Arbeit?
Christian Wulff hat in kürzester Zeit alles verloren, sein Amt, seine Würde, seine Frau. Mein Auftraggeber für diese Skulpturengruppe war der frühere Interlakner Wegmeister Bruno Stegmann, der politisch gut vernetzt ist und auch im Deutschen Bundestag viele Leute kannte. Seine Idee war, Wulff in diesem schwersten Moment darzustellen und ihm jemanden zur Seite zu stellen, der ihn stützt, ihm Mitgefühl entgegenbringt. Ich vertiefte mich 18 Monate lang in diese Arbeit. Es brauchte viele Vorarbeiten, bis ich mich an die drei grossen Nussbaum-Holzblöcke heranwagte, aus denen die Skulptur entstanden ist. Wenn man sich so lange mit einer Figur beschäftigt, beginnt diese mit der Zeit mit dir zu sprechen – dann folgst du nicht mehr deinem Konzept, sondern ihrer inneren Logik.

Sie haben auch eine Stier-Skulptur für Bundesrat Ueli Maurer gestaltet, einen lebensgrossen Philipp Rösler und Büsten von Joachim Gauck und Wladimir Putin. Besteht da nicht die Gefahr, sich instrumentalisieren zu lassen?
Ich lehne auch Aufträge ab, wenn mich die Person nicht interessiert oder ich nicht hinter der gewünschten Darstellung stehen kann. Bei Putin faszinierte mich die spezielle Ausstrahlung: Er blickt sein Gegenüber eindringlich an und hält es gleichzeitig auf Distanz mit diesem strengen Blick. Aber die Auftragsgestaltung ist nur ein Teil meiner Arbeit. Ebenso spannend ist das freie Gestalten. Bei manchen Arbeiten gehe ich vom Material aus, vom Schwemmholz oder einem Stück Nussbaum- oder Lindenholz, prüfe die Maserung, die Bewegung im Holz und suche dann die passende Form. Oder ich habe eine Tierfigur oder eine mythologische Figur im Kopf und suche dafür das beste Holz, etwa das Lindenholz für diese Danaide, eine Aktfigur als Hommage an Rodin, den ich sehr verehre.

Das Spektrum von Beat Stählis Kunst reicht von Tierdarstellungen über mythologische Figuren bis zu lebensgrossen Skulpturen von Staatsmännern. Foto: Adrian Moser

Viele Handwerksberufe sind verschwunden. Was früher mit Händen erschaffen wurde, kann heute am Computer programmiert und per Mausklick dreidimensional gedruckt werden. Beelendet Sie das?
Nein. Von Hand geschaffene Kunst berührt uns tiefer als maschinelle Artefakte. Ich sehe immer wieder, wie emotional die Menschen reagieren, die mein Atelier hier in Brienz betreten. Manche werden still, andere euphorisch, alle staunen, was man aus Holz machen kann, wenn man sich auf das Material einlässt. Ich glaube, wir brauchen wieder einen Gegenpol zu den hoch dosierten Reizen der digitalen Welt und zur anonymen, automatischen Produktion. Wenn wir mit eigenen Händen etwas Greifbares herstellen, hat das eine ganz andere Wertigkeit, als wenn wir am Computer Bits und Bytes produzieren.

Sie genossen schon in jungen Jahren international ein hohes Ansehen und konnten deshalb immer wieder lukrative Auftragsarbeiten ausführen. Hatten Sie nie Zweifel, ob Sie von Ihrer Kunst leben können?
Wichtiger war für mich stets, wie sehr ich für die Kunst lebe, ob mein inneres Feuer noch brennt. Finanziell war es streckenweise schwierig – ich habe fünf Kinder und kann deshalb nicht von der Hand in den Mund leben. Zum Glück bin ich stets von Kunstsammlern und anderen Künstlern gefördert und unterstützt worden. Diese Verbundenheit half mir, auch schwierige Phasen zu überstehen, etwa als ich vor einigen Jahren nach einem Verkehrsunfall nur mit Glück überlebte und danach zwei Jahre lang kaum arbeiten konnte. Ich spüre die Unfallfolgen noch immer und prüfe seither noch sorgfältiger, wofür ich meine Zeit einsetze.

Was würden Sie noch wagen, wenn Sie nicht aufs Geld schauen müssten?
Dann würde ich ein Haus oder ein Schloss in Südfrankreich kaufen und dort einen Ort schaffen, an dem sich Künstler aus allen Sparten treffen; wo junge Künstler von Mentoren lernen, sich bildende Kunst, Literatur und Musik gegenseitig inspirieren. Selber würde ich tiefer ins Zeichnen, die Malerei und die Lyrik eintauchen, um noch freier zu werden im Ausdruck dessen, was mich bewegt.

Erstellt: 05.02.2020, 14:34 Uhr

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