«Chefs erhalten selten ehrliches Feedback»

Stylistin Fabienne Steffen bereitet Managerinnen und Politiker auf wichtige Auftritte vor – und bewahrt sie vor modischen Fehltritten.

«Stil kann man nicht kaufen»: Fabienne Steffen. Foto: Raul Sauerbrey

«Stil kann man nicht kaufen»: Fabienne Steffen. Foto: Raul Sauerbrey

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Was brauchen Menschen, kurz bevor sie ins Rampenlicht treten? Die Visagistin und Stylistin Fabienne Steffen ist in solchen Momenten hautnah mit den Mächtigen in Kontakt und hat schon einige Fehltritte verhindert. Noch wichtiger ist der 37-Jährigen, dass ihre Kunden ihren persönlichen Stil finden und sich mit Freude im Spiegel anschauen.

Frau Steffen, Sie bereiten Manager und Politikerinnen auf wichtige Auftritte vor. Haben Sie schon viele Fehltritte verhindert in letzter Sekunde?
Vor einer Liveschaltung oder einem Auftritt auf einer grossen Bühne herrscht meist Hektik. Nicht nur die Persönlichkeiten, die gleich ins Rampenlicht treten, sind nervös, sondern auch ihre Entourage. Ich bin in diesen Momenten buchstäblich hautnah an den Mächtigen dran. Ich sorge dafür, dass die Kleidung sitzt, das Gesicht nicht glänzt, der ganze Auftritt stimmt, und bewahre sie so vor peinlichen Momenten. Weil ich einen ausgeprägten Blick fürs Detail habe, kommt es vor, dass ich in letzter Sekunde einen Fauxpas verhindere: Gerade am letzten Swiss Economic Forum machte ich einen Manager darauf aufmerksam, dass ein paar Nähte an seinem frisch gekauften Anzug noch aufgetrennt und Etiketten entfernt werden müssen.

Welche unpassenden Dinge stechen Ihnen sonst ins Auge?
Ein Dauerbrenner sind zu lange Ärmel beim Anzug, zu lang oder zu kurz gebundene Krawatten, offene Hosenladen, ungepflegte Schuhe und Speisereste zwischen den Zähnen. Auf einer tieferen Ebene geht es oft darum, dass Menschen es nicht schaffen, durch ein überzeugendes Erscheinungsbild ihre Qualitäten zu unterstreichen. Wir haben heute viel mehr Spielraum, was die Garderobe betrifft. Manche sind von dieser Freiheit überfordert, sie verwechseln Lässigkeit mit Nachlässigkeit. Damit strahlen sie nicht Lockerheit aus, sondern Unbeholfenheit. Unser Auftreten hat immer eine Wirkung, auch dann, wenn wir uns nicht damit beschäftigen. Mir ist es ein Anliegen, dass sich möglichst viele Menschen Klarheit verschaffen über ihr Erscheinungsbild und etwas wählen, was zu ihnen passt.

Wie sind Sie zur Stylistin einflussreicher Menschen geworden?
Ich hätte gern Psychologie oder Modedesign studiert, aber mein Vater fand, das wäre verschwendete Zeit, ich solle eine solide kaufmännische Ausbildung machen. Das tat ich dann auch und merkte rasch, dass ich wenig Talent für Rechnungswesen habe, aber eine Passion für Farben und Formen. Ich bildete mich zur Kosmetikerin weiter und wurde mit 25 Jahren Mutter. Als ich mit meiner Tochter unterwegs war, traf ich viele Mütter, die sich kaum um ihr Äusseres kümmerten – als müssten sie nur noch in der Mutterrolle funktionieren. Ich ermutigte sie, mehr aus sich herauszuholen, und machte kurzerhand einen improvisierten Schminkkurs mit Baby auf dem Arm. Es war schön zu sehen, wie die Frauen dabei auflebten. Und mich ermutigten die schönen Rückmeldungen dazu, mich mit meiner Passion selbstständig zu machen. Als alleinerziehende Mutter kein einfaches Unterfangen.

Ich startete wirklich unter schwierigen Umständen. Mein Vater war gerade gestorben, ich sorgte allein für meine kleine Tochter – aber ich spürte, dass es der richtige Weg war. So funktionierte ich einen Veloraum in ein Beauty-Studio um und begann bei null. Ich habe mir jeden Franken, jeden Kunden hart erarbeitet und mir meinen persönlichen Weg gebahnt. Mir kam zugute, dass ich zu vielen Menschen leicht einen guten Draht finde. Zum Beispiel überliess ich einer Politikerin für ihre Wahlkampagne spontan meinen Schal, weil wir eine unpassende Farbwahl optimieren mussten. Meistens spüre ich sofort intuitiv, was zu jemandem passt.

Hatten Sie immer Vertrauen in dieses Talent?
Nein, mir war das zu Beginn suspekt, dass ich offenbar etwas konnte, was ich nicht in einer formellen Ausbildung gelernt hatte. Darum verbrachte ich viel Zeit in Aus- und Weiterbildungen, um mehr Sicherheit zu gewinnen. Hilfreich sind die vielen Rückmeldungen von Kunden. Immer wieder höre ich, ich hätte ein ausgeprägtes Farbengespür. Vielleicht hat mir das mein Vater mitgegeben. Er war Malermeister, ich sorge dafür, dass Menschen mit ihren Besonderheiten besser zur Geltung kommen. Das Entscheidende ist, den einzelnen Menschen im Wesenskern zu erfassen und dann das passende Ausdrucksmittel zu finden. Einmal, als sich ein Kunde überschwänglich bedankte, sagte ich, ich hätte nur meinen Job gemacht. Darauf entgegnete er: «No, you take care.» Diese Rückmeldung bedeutet mir bis heute viel.

«In der Unsicherheit vor einem wichtigen Auftritt wird jeder nahbar.»

Spielt da auch mit rein, dass sich exponierte Manager kaum jemandem so zeigen können, wie sie sind?
Das ist so. Ich habe mehrmals erlebt, dass mir Manager, die für ihre Wutanfälle oder herablassende Art bekannt waren, sehr offen begegnet sind. Oft halten sie andere ja auf Distanz aus Angst vor Verletzungen oder Konkurrenz. Gleichzeitig leiden sie unter dieser Einsamkeit. Von mir sind sie auf eine seltsame Weise abhängig, weil sie mit mir die letzten Minuten vor dem Auftritt verbringen. Da müssen sie nicht die Rolle betonen, sondern sie sind froh, dass ich ihnen helfe, eine gute Figur abzugeben. In der Unsicherheit vor einem wichtigen Auftritt wird jeder nahbar. Entscheidend auf meiner Seite ist der Mix aus Mitgefühl und Direktheit. Konzernchefs und andere exponierte Personen erhalten ja kaum je ein ehrliches Feedback. Sie sind umgeben von Mitarbeitern und Beratern, die alle von ihrer Gunst abhängig sind, und im Ernstfall sagt ihnen kein Mensch, dass die Anzugärmel zu lang sind oder die Krawatte bis in den Schritt hinunterbaumelt.

Geniessen Sie diese Sonderstellung?
Ich bin dankbar, keine Spielchen spielen zu müssen, sondern eine gewisse Narrenfreiheit zu haben, authentisch und direkt auftreten zu können. Im Kern geht es mir aber nicht um Macht oder Einfluss. Was mich antreibt, ist der Wunsch, dass sich möglichst viele Menschen wohlfühlen in ihrer Haut respektive in ihrer Kleidung – unserer zweiten Haut. Das ist mein kleiner Beitrag zu einer schöneren und friedlicheren Welt. Gerade bei Frauen fällt mir auf, dass sie sich oft im Weg stehen oder kritisieren aus einer Mischung von Neid und Unsicherheit heraus. Als würde es einer Frau schaden, wenn eine andere gut aussieht! Es bringt nichts, eine Rose mit einer Tulpe zu vergleichen, wichtig ist, zu wissen, welche Blume man ist und wie man am schönsten zum Blühen kommt. Wenn ich mit Gruppen arbeite, üben wir oft, einander positives Feedback zu geben. Denn die meisten sehen bei sich in erster Linie die Problemstellen.

Sie selber auch?
Ich bin da keine Ausnahme. Ich habe mich lange Zeit als hässliches Entlein gesehen. Andere fanden mich offenbar durchaus attraktiv, wie mir ein früherer Schulkollege vor wenigen Jahren erst versicherte. Mein Grundgefühl war aber, nicht ganz dazuzugehören – auch weil wir kein Geld hatten für teure Kleider. Ich machte aus der Not eine Tugend, entwickelte meinen eigenen Stil und wurde bald kopiert von den Kolleginnen mit den teuren Markenkleidern. Stil kann man nicht kaufen, das sehe ich immer wieder. Und das Erlebnis, wenn jemand, der vorher nichts mit Mode am Hut hatte, ein stimmiges Erscheinungsbild für sich gefunden hat und sich mit Freude im Spiegel anschaut, ist unbezahlbar.

Kontakt und Information: mail@fabiennesteffen.ch oder www.fabiennesteffen.ch

Weitere Beiträge finden Sie im «Beruf + Berufung»-Archiv.

Erstellt: 20.06.2019, 15:08 Uhr

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