Hintergrund

Das Comeback der Philosophen

Die jüngsten Zahlen vom US-Arbeitsmarkt zeigen: Die meisten Jobs gehen in der IT-Branche und in der Industrie verloren.

Seit dem Jahr 2000 gibt es in seinem Bereich 35 Prozent mehr Arbeitsplätze: Dirigent Gustavo Dudamel spielt mit dem Los Angeles Philharmonic in der Disney Concert Hall 2008.

Seit dem Jahr 2000 gibt es in seinem Bereich 35 Prozent mehr Arbeitsplätze: Dirigent Gustavo Dudamel spielt mit dem Los Angeles Philharmonic in der Disney Concert Hall 2008. Bild: Hector Mata/Reuters

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Wer sich heute als junger Mensch an der Universität für ein Fach in den Geisteswissenschaften entscheidet, muss mit Kopfschütteln und mitleidigem Lächeln seiner Umwelt rechnen. Wer hat schon Historiker nötig? Oder Soziologen, Ethnologen, Kunsthistoriker, Publizisten oder gar Schauspieler? Ingenieure und Wirtschaftsfachleute brauche das Land, wird allgemein verkündet. Frauen und Männer, die sich mit harten Fakten herumschlagen und nicht mit weichen Geschichten.

Wer so argumentiert, sollte sich mit den harten Fakten des amerikanischen Arbeitsmarktes beschäftigen. In der Schweiz dürfte sich der Trend ähnlich entwickeln. Gemäss dem führenden ökonomischen Magazin, der «Harvard Business Review», sind seit dem Jahr 2000 in den USA 750'000 Jobs im Informationssektor verloren gegangen. Nur in den klassischen Industriebetrieben war der Aderlass noch grösser. Bei den Hard- und Software-Ingenieuren sind gemäss HBR rund 100'000 Arbeitsplätze verschwunden, im Telecombereich waren es 567'000. Auch in verwandten Bereichen sieht es übel aus: Im Telemarketing betrug der Arbeitsplatzabbau 44 Prozent, bei den Elektroingenieuren 37 Prozent und im Bereich des Desktoppublishing 39 Prozent.

Das Rennen gegen die Roboter

Diese Zahlen zeigen, dass die Bildungspolitik offensichtlich auf dem Holzweg ist. «In Washington geht man davon aus, dass die Studenten wie Maschinen funktionieren müssen», stellt Edward Luce in der «Financial Times» fest. «Doch die Menschen werden das Rennen gegen die Roboter verlieren – wie die Schachweltmeister.»

Diese Feststellung machen auch Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee, zwei Ökonomen am Massachusetts Institute of Technolgy (MIT). In ihrem Buch «Race Against the Machine» haben sie die Auswirkungen der IT-Fortschritte auf den Arbeitsmarkt systematisch erforscht. Sie kommen dabei zu folgendem Schluss: «Es mag paradox erscheinen, dass der Fortschritt die Löhne und Jobs von Millionen von Menschen in Gefahr bringt, aber genau dies passiert. Computer verrichten heute schon viele Dinge, die bisher Menschen vorbehalten waren. Die Geschwindigkeit und das Ausmass dieser Ausdehnung in humane Tätigkeiten sind relativ neu und haben profunde wirtschaftliche Implikationen. Die Wurzel all unserer aktuellen Probleme ist nicht der Umstand, dass wir uns in einer grossen Rezession befinden oder gar in einer grossen Stagnation. Vielmehr sind es die Vorboten einer grossen Restrukturierung, die uns Sorgen machen. Unsere Technologien stürmen voran, aber viele unserer Fähigkeiten und unsere Organisationen können nicht mehr mithalten.»

35 Prozent mehr Dirigenten und Komponisten

Die Roboterisierung der Wirtschaft findet primär im technischen Bereich statt, die verpönten Geisteswissenschaften sind weit weniger davon betroffen. Auch das zeigt die Entwicklung des US-Arbeitsmarktes eindeutig: 12 Prozent mehr Arbeitsplätze gibt es seit 2000 im Bereich der Schauspielerei, die Anzahl der Dirigenten und Komponisten ist gar um 35 Prozent gestiegen, und selbst Schriftsteller und Drehbuchautoren haben um 6 Prozent zugelegt. «Das sollte das Studium der Geisteswissenschaften wieder relevant machen», stellt Luce fest. «Computerwissenschaften zu studieren, ist hingegen so sinnvoll, wie wenn sich ein Flugzeugpassagier mit Aviatik beschäftigt.»

Erstellt: 25.11.2013, 14:08 Uhr

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