Hintergrund

Das Fernsehen der Zukunft

Die populäre Serie «House of Cards» ist zum Symbol für den Umbruch in der TV-Industrie geworden. Und das, weil gleich mehrere eiserne Regeln gebrochen wurden.

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Reifen quietschen, es knallt, Glas zerbricht, ein Hund jault auf. Aus der Ferne hört man noch ein Hupen, dann steht da plötzlich Kevin Spacey alias Frank Underwood auf der Strasse, im weissen Hemd und mit schwarzen Hosenträgern. Er kniet neben dem winselnden Tier nieder. Dann blickt er geradewegs in die Kamera und sagt: «Es gibt zwei Arten von Schmerz. Die Art Schmerz, die einen stärker macht – oder nutzloser Schmerz. Ich habe keine Geduld für nutzlose Dinge.» Er streicht dem Hund übers Fell, packt das Tier im Nacken – und dreht ihm den Kopf um. Das Genick knackt, das Gewinsel verstummt.

Es ist die erste Szene von «House of Cards», einem Epos um Ränkespiele im politischen Amerika. Seit diese Szene im Februar das erste Mal zu sehen war, wird die Serie als Beispiel dafür angeführt, dass auch dem Fernsehen, so wie wir es kennen, der baldige Tod droht.

8 Dollar pro Monat für alles

«House of Cards» ist keine normale Serie. Sie wurde von keinem der üblichen Sender produziert. Hinter der Produktion steht das Internetportal Netflix, das 1997 mit einem DVD-Versand angefangen hat, mit dem Boom des Internets und der Piraterie in eine tiefe Krise stürzte und heute mit einem neuen Geschäftsmodell grosse Erfolge schreibt. 38 Millionen Kunden zahlen jeden Monat 8 Dollar für den unbeschränkten Zugriff auf sämtliche Filme und Serien in der Netflix-Videothek. Die meisten Nutzer leben in den USA, in Grossbritannien hat Netflix innert Kürze 1,5 Millionen gewonnen. In der Schweiz ist der Dienst ohne Tricks nicht verfügbar.

Dass «House of Cards» zum Symbol für den Umbruch in der TV-Industrie geworden ist, hat damit zu tun, dass Netflix mit der Serie gleich mehrere eiserne Regeln gebrochen hat: So hat Netflix etwa keinen Pilotfilm gedreht, um die Serie beim Publikum zu testen. Laut Hauptdarsteller und Produzent Kevin Spacey – er erzählte es in einer Rede am Edinburgh International Television Festival Ende August – haben er und sein Partner, Regisseur David Fincher («Fight Club», «Seven», «Zodiac»), die Serie erst grossen Sendern angeboten. «Alle mochten das Konzept, alle wollten einen Pilotfilm» – was Spacey und Fincher kategorisch ablehnten. «Nicht aus Arroganz, sondern weil wir eine Geschichte erzählen wollten, die eine lange Zeit brauchen würde, um erzählt zu werden.» Ein Pilotfilm hätte dieses Konzept kaputt gemacht. Einzig Netflix habe gesagt: «Wie viele Folgen wollt ihr drehen?»

Der Trick: Weil die Netflix-Kunden ihre Videos online ansehen, kann die Plattform ihre Daten sammeln. Welche Serien mögen sie besonders, welche Regisseure, welche Schauspieler? Welche Stellen im Film schauen sie sich mehrfach an, wo steigen sie aus? Die Auswertung hat offenbar ergeben: Netflix-Abonnenten schauen sich eine Serie von David Fincher und mit Kevin Spacey an, bei der es um politische Ränkespiele und Affären geht. Auch ohne Pilot.

Ein Pilot kostet bloss Geld

Zumal laut Kevin Spacey mit Pilotfilmen viel Geld verschwendet wird: 2012 seien 113 Pilotfilme gedreht, davon 35 als Serie lanciert worden, in 13 Fällen wurde diese verlängert. «Die meisten davon sind heute verschwunden.» Über 300 Millionen Dollar hätten diese Pilotfilme gekostet, sagt Spacey. Die beiden Staffeln «House of Cards» sollen 100 Millionen Dollar gekostet haben.

Die zweite Regel, die Spacey und Netflix gebrochen haben, betrifft den Kanal, auf dem die Serie ausgestrahlt worden ist. Sie lief – ursprünglich – nicht im TV, sondern nur auf dem Internetportal von Netflix. «Wir haben die Lektion gelernt, welche die Musikindustrie eben nicht gelernt hat: Gebt den Leuten, was sie wollen, wann sie es wollen, zu einem vernünftigen Preis.» Nur so könne man die Internetnutzer dazu bringen, für etwas zu zahlen, das sie auch stehlen könnten. Die Grenze zwischen Kino, Fernsehen und Internet werde in den nächsten Jahren immer mehr verschwimmen. «Ist ein Kinofilm nicht länger ein Kinofilm, wenn man ihn sich auf dem Fernseher ansieht? Ist eine TV-Serie nicht länger eine TV-Serie, wenn man sie sich auf dem iPad ansieht?», fragt Spacey. Das Gerät spiele für ein junges Publikum kaum eine Rolle, die Unterscheidung mache nur für Agenten, Anwälte oder Manager Sinn, die damit Geld verdienen wollten.

Die letzte Regel, um die sich Netflix foutiert hat: das Angebot künstlich zu verknappen. Normalerweise werden die Folgen einer Serie in vorgegebenen Abständen veröffentlicht, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer hochzuhalten. Netflix hingegen hat am 1. Februar alle 13 Folgen der ersten Staffel auf einmal veröffentlicht. Der Erfolg, den die Serie hat, zeigt laut Spacey vor allem eins: «Das Publikum will die Kontrolle.» Wenn sich jemand alle 13 Folgen am Stück reinziehen wolle, dann solle man ihn lassen. Zudem habe «House of Cards» gezeigt, wie sehr es die Zuschauer nach guten Geschichten dürste. «Und wenn man ihnen das gibt, sprechen sie darüber, nehmen es mit in den Bus, zum Coiffeur, zwingen es ihren Freunden auf, twittern darüber, bloggen, schreiben auf Facebook et cetera. Mit einer Leidenschaft, einer Nähe, von der jeder Kinofilm nur träumen kann.» Die erste Staffel der Serie hat drei Emmys gewonnen, das Gegenstück zu den Oscars in der Welt des Fernsehens.

Spaceys Kernthese – Inhalte aus Internet und Fernsehen wachsen zusammen – teilen auch Technologiekonzerne wie Apple, Google oder Amazon. Sogar der Kurznachrichtendienst Twitter interessiert sich für TV. Apple hat seine erste TV-Box bereits 2006 lanciert. Google verkauft in den USA seit kurzem ein Gerät namens Chromecast, das aussieht wie ein USB-Stick. Und Amazon wird laut dem «Wall Street Journal» auf das Weihnachtsgeschäft hin ebenfalls eine TV-Box auf den Markt bringen. Im Kern haben alle Geräte dieselbe Funktion: Sie schlagen die Brücke zwischen Internet und Fernsehen und ermöglichen so, dass man sich Inhalte auf Abruf bequem auf dem grossen TV-Gerät im Wohnzimmer anschauen kann.

Alles landet irgendwie im TV

Trotzdem gibt es keinen Grund, den Tod des herkömmlichen, also linearen Fernsehens auszurufen. Insbesondere im deutschsprachigen Raum, wo sich Sonntag für Sonntag Millionen von Zuschauern gemeinsam die Krimiserie «Tatort» anschauen und sich im Internet in Echtzeit darüber unterhalten. Medienforscher sind davon überzeugt, dass das Fernsehen der Zukunft vernetzt ist – da haben auch simultan geschaute Inhalte einen wichtigen Platz.

Kommt hinzu, dass in der Schweiz wohl auch in Zukunft kein Weg an den Anbietern von klassischem TV vorbeiführt. Denn egal, woher man sich die Inhalte in Zukunft holt und ob man sie live, zeitverzögert oder auf Abruf anschaut – es braucht auf jeden Fall eine Internetverbindung dazu. Und dort geht die Tendenz heute in Richtung von Bündelprodukten. Bei den Kabelnetzanbietern, die in den letzten Jahren zu den wichtigsten Internetprovidern avanciert sind, ist das schnelle Internet von jeher mit einem TV-Grundangebot gekoppelt. Bei der Swisscom, die mit Abstand am meisten Internetkunden hat in der Schweiz, ist das ein neues Phänomen. Seit gut einem Jahr erhält jeder Internetkunde ein TV-Grundangebot gratis dazu.

Manche Dinge ändern sich übrigens nie. Egal, ob etwas im Kino oder im Internet begonnen hat – irgendwann landet alles im normalen Fernsehen: «House of Cards» startet am 10. November um 23.15 Uhr auf Sat 1 und einen Tag später auf SRF 1 um 23.45 Uhr.

Erstellt: 31.10.2013, 07:12 Uhr

«House of Cards» - Trailer

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