«Das kratzt an meinem Selbstwertgefühl»

Andy Keel kündigte bei der UBS, um Zeit für die Kinder zu haben – schliesslich holte ihn die Bank zurück.

«Zu Hause ist es viel anstrengender als im Büro», sagt Andy Keel.

«Zu Hause ist es viel anstrengender als im Büro», sagt Andy Keel. Bild: Sabina Bobst

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Dass jemand seine Stelle in der Direktion einer Bank aufgibt, um Vollzeithausmann zu werden, geschieht nicht alle Tage. Andy Keel hat sich vor zweieinhalb Jahren für diesen Weg entschieden. Nach der Geburt seines heute dreijährigen Sohnes war er nicht mehr bereit, wie all die Jahre zuvor 50 Stunden und mehr pro Woche zu arbeiten. «Wenn man 15 Jahre lang nonstop am Drücker ist, wird man nicht mehr besser, sondern nur noch müder», sagt Keel.

Weil Teilzeitarbeit auf Kaderstufe in der Finanzbranche nicht gern gesehen ist, wählten Keel und seine Frau die Radikallösung: Nach einem unbezahlten Urlaub kündigte er seine Stelle bei der UBS und kümmerte sich fortan um Hausarbeit und die drei Kinder (die heute 10-jährige Tochter und den 16-jährigen Sohn brachte seine Frau in die Beziehung ein). Keels Frau übernahm in einem Vollzeitpensum die Leitung eines grossen Jugendnetzwerks.

Einkommen hat sich halbiert

«Vom finanziellen Aspekt her war es Wahnsinn, was wir machten», sagt Andy Keel, «durch den Rollentausch hat sich unser Einkommen auf einen Schlag mehr als halbiert.» Ansonsten überwogen zunächst die Vorteile. Keel absolvierte mit Freude sein «Hausfrauenprogramm», wie er es gerne nannte, kümmerte sich ab 6 Uhr morgens um das Baby, machte Frühstück für die Familie, sorgte dafür, dass die älteren Kinder rechtzeitig in die Schule kamen, kochte Mittagessen, half bei den Aufgaben, besorgte den Haushalt.

Vor allem die Zeit, die er mit seinem kleinen Sohn verbrachte, empfand Keel als unbezahlbaren Luxus. «Jeden Tag erlebte ich Dutzende von Glücksmomenten, davor hatte es in zehn Jahren vielleicht drei Gelegenheiten gegeben, in denen ich mich ähnlich erfüllt gefühlt hatte.» Gleichzeitig stellte er fest: «Es ist viel anstrengender zu Hause als im Büro.» Dort habe man – auch wenn man das nicht so empfinde – unglaublich viele Freiheiten, könne mit Terminen jonglieren, sich Auszeiten nehmen. «Zu Hause bestimmen die Kinder den Rhythmus; man plant und wirft dauernd alles wieder über den Haufen.»

Kein Lohn, wenig Anerkennung

Nach einigen Monaten stellte Keel allerdings fest, dass sein Selbstwertgefühl zu leiden begann. «Ich tat mich schwer damit, kein Erwerbseinkommen mehr zu erzielen und keinen Status mehr zu haben», sagt der 32-Jährige. Früher habe er einfach seine Visitenkarte vorzeigen müssen, «dann war ich jemand». Als Vollzeithausmann sei er angestarrt und begutachtet worden «wie ein neugeborener Eisbär». Im Babyturnen, in der Krippe, in Tearooms, überall sei er der einzige Mann gewesen. Da seine Frau gleichzeitig darunter gelitten habe, die Kinder nur noch selten zu sehen unter der Woche, sei das Famliengefüge und ihre Ehe «arg ins Wanken geraten», erzählt Keel.

Nach gut einem Jahr als Vollzeithausmann kam die Anfrage der UBS für Andy Keel wie gerufen. Die Bank suchte jemanden, der Innovationen vorantrieb. Keel bedingte sich aus, die Aufgabe auf Mandatsbasis zu übernehmen. Diese Lösung, argumentiert er, komme auch der Bank zugute. Innovation brauche Abstand vom operativen Geschäft: «Unkonventionelle Ideen finde ich sicher nicht im Grossraumbüro einer Bank, sondern dann, wenn ich mich frei ausserhalb der Strukturen bewege.»

Seit er letzten Herbst die Arbeit für die UBS in Angriff genommen hat, kümmerte er sich um die Konzeption und Lancierung diverser Apps für Smartphones, um die Verbesserung der Kommunikation zwischen Kunden und Bank und um die Frage, ob die UBS ein steuerbefreites Familienkonto nach dem Vorbild der Säule 3a lancieren soll (angeregt durch den politischen Vorstoss für ein Elternzeit-Sparmodell).

UBS-Ideen und Betonwannen

Zwei Tage pro Woche sind für Familienarbeit reserviert. «Zum ersten Mal in meinem Berufsleben macht die Arbeit richtig Spass», resümiert der Ökonom, «es ist nicht mehr diese Zerreissprobe zwischen Beruf und Familie.» Nebst der Innovationsarbeit für die Bank engagiert sich der 32-Jährige beruflich noch in zwei Projekten: Zum einen hat er sich «einen Bubentraum» erfüllt und die Firma Dade-design.com gegründet, die Betonküchen und Betonbadewannen herstellt und es mit einzelnen Objekten bis ins Museum für moderne Kunst in Barçelona schaffte.

Nebst diesem zweiten Standbein verfolgt Keel noch ein «hochgradig idealistisches Projekt»: Er betreibt das Portal www.teilzeitkarriere.ch, das er vor zwei Jahren zu Beginn seiner Hausmannszeit entwickelt und lanciert hat. «Die Statistik besagt, dass in der Schweiz 61 Prozent der Mütter, aber nur 7 Prozent der Väter Teilzeit arbeiten», sagt Keel, «ich will hier Hilfe zur Selbsthilfe anbieten.»

Wichtigster Bestandteil des Portals ist die Teilzeitstellenbörse für Männer und Frauen. «Auf den grossen Jobportalen sind insgesamt nur ein paar Hundert Teilzeitstellen ausgeschrieben, weil viele Firmen entsprechende Angebote gar nie breit publizieren aus Angst vor der Bewerbungsflut», sagt Keel. Er hat mit einer spezialisierten Firma eine Suchmaschine entwickelt, die Nacht für Nacht die Homepages von 7000 Schweizer Unternehmen nach Teilzeitangeboten absucht. Dadurch kann Keel auf seinem Portal rund 4000 Teilzeitstellen veröffentlichen. Interessierte Stellensuchende können das Portal eine Woche lang kostenlos testen, danach kostet es 29 Franken im Jahr.

Vorderhand ist das Projekt laut Keel defizitär, aber die Zahl der Mitglieder wächst schnell. Waren es vor einem Jahr 2000 registrierte Nutzer, sind es heute schon 3500. «Wenn sich erst einmal 40'000 oder 50'000 Stellensuchende, die Teilzeit arbeiten möchten, organisiert haben, dann haben wir ein gutes Gewicht, um Druck auf die Arbeitgeber auszuüben», sagt Keel. Einstweilen sei es leider so, dass speziell im Kaderbereich Teilzeitarbeit nur selten bewilligt werde. «Meistens gelingt es nur, wenn ein langjähriger verdienstvoller Stelleninhaber unbedingt von 100 auf 90 Prozent reduzieren will. Verlässt er die Firma, wird wieder eine Vollzeitstelle ausgeschrieben.» Hier will Keel Gegensteuer geben, damit nicht alle Eltern mit beruflichen Ambitionen der Zerreissprobe zwischen Vollzeitjob und Familienarbeit ausgesetzt sind.

Erstellt: 10.08.2011, 14:14 Uhr

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