Porträt

Der Kontrollfreak

Geduldig, innovativ, kundennah – so sieht Amazon-Gründer Jeff Bezos sich und sein Geschäftsmodell. Nun will er mit diesem Ansatz die «Washington Post» retten.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mitarbeiter der ersten Stunde erinnern sich daran, wie Jeff Bezos (49) jeden Cent dreimal umdrehte, bevor er ihn ausgab. Sie erinnern sich, dass er in der Anfangszeit von Amazon ausrangierte Holztüren kaufte, vier Beine anschraubte und sie als Büromöbel benutzte. Prekär wurde die finanzielle Situation 1999. Amazon drohte, unter den Schulden zu ersticken: Bezos musste beweisen, dass er eine Firma nicht nur aufbauen konnte, sondern sie auch – wie behauptet – geduldig durch Krisen führen konnte.

Da griff er zur Aspirin-Methode. Anders als die meisten Start-up-Firmen im Silicon Valley, die ihre Angestellten mit allerhand Geschenken vom Gratis-Essen bis hin zur Massage am Arbeitsplatz verwöhnten, hielt Bezos seine Leute immer sehr kurz. Seine Sparsamkeit war einer der Gründe, weshalb er seine Firma im günstigen industriellen Seattle gründete und nicht im teureren Kalifornien. Das Einzige, was er den Angestellten gratis bot, war Aspirin. Mitten in der existenziellen Krise seines Unternehmens strich er den Angestellten aber dann sogar das Gratis-Schmerzmittel.

Die Feinheit des Sklaventreibers

Ist das nun auch sein Rezept für die «Washington Post»? «Nein», sagte Bezos diese Woche beim Antrittsbesuch auf der Redaktion. Er wolle der Zeitung genügend Raum lassen, damit sie zurück zum Erfolg finde. «Wenn wir eine neue goldene Ära für die Post herbeiführen, dann dank der Innovationskraft und der Experimentierlust des Teams.» Sein Führungsstil bei Amazon deutet indessen darauf hin, dass auf die Zeitung eine holprige, harte Fahrt wartet.

«Bezos hat kein Verständnis für Angestellte, die sich über lange Arbeitszeiten beklagen», sagt Richard Brandt, der eine unautorisierte Biografie über den Amazon-Chef geschrieben hat. «Er treibt seine Leute oft mit der Feinheit eines Sklaventreibers an.» Zu den nächtelangen Zusatzschichten, die er seinen Angestellten verordnet habe, sei Bezos selbst kaum je angetreten. Im Gegenteil: Nach den nächtelangen Zusatzschichten sei er jeweils frisch und aufreizend fröhlich ins Geschäft gekommen. Er habe sogar mit seinem schönen Achtstunden-Schlaf geprahlt, so Brandt. Fast kein Mitarbeiter der ersten Stunden habe es länger als zwei, drei Jahre ausgehalten.

Die gezielte Härte, vielleicht auch Grausamkeit, hatte System, wie Gina Meyers sagt. Bezos sei nicht nur ein besonders anspruchsvoller Chef gewesen, sondern ein ebenso gerissener Showman. «Jeff erklärte uns, dass wir etwas exakt dann anschaffen sollten, wenn es billig aussah. Selbst wenn es teurer war als nötig, sollten wir es kaufen, weil es unsere Kultur des Billigen und Sparsamen betonen würde», erinnert sich die erste Amazon-Buchhalterin. Das Spartanische als Geschäftsmodell hat Bezos zum Mehrfachmilliardär gemacht.

«Ein geborener Optimist»

Bezos ist von allen Gründerpersönlichkeiten des Internet-Zeitalters der unbekannteste – und vielleicht der am meisten unterschätzte geblieben. Anders als Steve Jobs tritt er nur selten öffentlich auf. Es gibt bei Amazon keinen Kult wie bei Apple. Seine Vorbilder sind die Tüftler und Erfinder des Industriezeitalters, Figuren wie Edison, Ford und Disney. Prägend war allem Anschein nach seine Jugend. Er wuchs auf einer Ranch in Texas auf und lernte dort, Traktoren zu flicken und Rinder zu kastrieren. «Das ist, was ich unter einer idyllischen Kindheit verstehe», sagte er einmal.

Nach dem Muster des soliden Handwerks hat er Amazon aufgebaut. Genau so will er nun sein jüngstes Projekt, die «Washington Post», zurück zum Erfolg führen. «Wir hatten von Anfang an drei Maximen, und seit 18 Jahren haben wir uns bei Amazon danach gerichtet», sagte er nach dem Kauf der Zeitung. «Die Kunden kommen zuerst. Es braucht immer wieder Innovationen. Und schliesslich braucht es auch Geduld.» Bevor er die Zeitung gekauft habe, so Bezos, habe er zwei Monate lang überlegt, ob und wie er das angeschlagene Traditionsblatt retten könne. «Ich bin zum Schluss gelangt, dass ich es kann. Ich bin ein geborener Optimist. Mir wurde gesagt, dass das Problem nicht lösbar sei. Ich bin anderer Meinung. Es braucht nur viel Zeit, Geduld und Versuche.»

«No comment»

Wenn Bezos Geduld sagt, meint er nicht ein oder zwei Monate – sondern Jahre, wie sein Online-Konzern zeigt. Bei Amazon stellten sich die ersten messbaren Gewinne erst nach zehn Jahren ein; und noch heute führt Bezos die Firma mit ausserordentlich geringen Margen. Zwar bewertet die Börse Amazon mit fast 135 Milliarden Dollar. Doch spiegelt diese Bewertung vor allem die hohe Erwartung in die permanente Innovationskraft von Bezos und seine Expansion ins Server-Geschäft. Amazon ist klammheimlich zu einem der grössten Datenzentren der Welt geworden. Im Frühsommer hat Bezos einen ersten Vertrag mit den US-Geheimdiensten unterzeichnet, der es ihm erlaubt, sensitive Datensätze zu speichern und zu verwalten.

Wie Microsoft, Google und Apple ist Amazon Teil des US-Datenimperiums, in dem sich wirtschaftliche, geheime und öffentliche Interessen völlig vermischen. Bezos ist eben nicht nur ein Erfinder, Tüftler und Showman. Er ist auch ein Kontrollfreak, wie frühere Mitarbeiter erklären. Als die US-Regierung ihn darum ersuchte, den Zugang zu Wikileaks zu sperren, war er schnell zu Diensten und kappte die Verbindung der Whistleblower-Plattform zu den Amazon-Servern. Für Wikileaks war es ein fataler Schlag, wie Julian Assange festhielt. Bezos hat sich zu dem Vorfall nicht geäussert. Und Amazon lässt jede Anfrage von Journalisten mit einem «no comment» ins Leere laufen. Selbst positive Nachrichten kommentiert der Konzern nie.

«Es gibt keine Zauberformel»

Die Kombination zwischen beinhartem Unternehmer und verschwiegenem Tüftler hat Bezos zu einem der reichsten Internet-Pioniere gemacht. Sein Vermögen beläuft sich auf über 24 Milliarden Dollar, weshalb er die 250 Millionen für die «Washington Post» praktisch aus der Portokasse berappen konnte. Doch Bezos wäre nicht Bezos, hätte er auch diesen Deal nicht scharf kalkuliert. Mit der Zeitung übernahm er auch deren Pensionskasse, die Verpflichtungen von 283 Millionen und ein Vermögen von 333 Millionen ausweist. Bezos kaufte somit eine für das Mediengeschäft ungewöhnlich gesunde Pensionskasse mit einem Überschuss von 50 Millionen. Alles in allem konnte er die effektiven Ausgaben bei weniger als 190 Millionen halten.

Seine konkreten Pläne für die Zeitung verrät Bezos nicht. Neu erfinden kann er das Geschäft nicht. «Es gibt keine Zauberformel, es gibt kein einsames Genie in diesem Bereich», sagt er. Sicher aber sind Geduld und langfristiges Denken elementare Voraussetzungen, und zwar nicht erst für die neue Generation von Zeitungsbesitzern. Die Grahams, Besitzerfamilie der «Washington Post» seit 1933, mussten einst auch 20 Jahre warten, ehe sie Gewinne erzielten. Es war Warren Buffett, der Mitte der 70er-Jahre im besten Moment einen beträchtlichen Teil der Zeitung kaufte und damit eines seiner besten Geschäfte machte.

Politisch schwer zu verorten

Es war auch Buffett, der den Grahams Jeff Bezos als Eigentümer vorschlug. «Er ist der beste Konzernchef des Landes», so Buffett. Mehr als das: Bezos hat einige Züge eines verrückten Genies. Ähnlich wie Microsoft-Mitbegründer Paul Allen finanziert er futuristische Projekte, deren Erfolg buchstäblich in den Sternen steht. Sein Projekt Blue Origin etwa will die Weltraumfahrt für jedermann erschwinglich machen. Und mit einer riesigen Uhr im Innern eines Berges in Texas, die er sich 42 Millionen kosten lässt, soll die Zeit auf 10 000 Jahre hinaus präzis festgehalten werden.

Zu erkennen ist ein Mensch, der die Welt neu erfinden und durch und durch im Griff behalten will. «Neben ihm sehen normale Kontrollfreaks wie Hippies auf Drogen aus», sagte Ex-Amazon-Manager Steve Yegge einst. Bezos’ Drang zu experimentieren, sei nicht zu bremsen. Kaum bekannt ist, dass er sein Unternehmen zunächst «Relentless» nennen wollte: «Unnachgiebig». Den Namen Amazon wählte er schliesslich in Anlehnung an den grössten Fluss der Welt – und in Beschreibung seiner Ambitionen.

Wie die meisten Internet-Unternehmer ist Bezos politisch schwer zu verorten. Am ehesten ist er als Neo-Liberaler zu beschreiben. Ähnlich wie für Steve Jobs ist für ihn die Regierung ein unvermeidbares Übel, von dem man sich möglichst fernhalten sollte. Es ist bezeichnend, dass Amazon und Apple lange Zeit praktisch kein Lobbying betrieben haben und erst unter dem Druck von laufenden Ermittlungen und Prozessen ihre politischen Muskeln spielen liessen. Bezos sperrte sich lange Jahre dagegen, im Online-Geschäft die übliche Verkaufsabgabe zu erheben. Das verschaffte Amazon einen enormen Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Buchhandel.

Steuern sparen wie die Barone

Seine Steueraversion ging so weit, dass Bezos allen Ernstes daran dachte, den Hauptsitz von Amazon auf einem steuerfreien Indianerreservat zu bauen. Das war für einmal nicht innovativ, sondern vielmehr alte Schule. Die Öl- und Stahlbarone des frühen 20. Jahrhunderts schon hatten versucht, ihre Gewinne mit allen Mitteln vor dem Staat zu vertuschen und Steuern zu umgehen. So gesehen, erinnert Bezos an Zeitungsbarone einer längst vergangenen Zeit.

Die Widersprüche seiner Persönlichkeit machen die «Washington Post» zu einem ebenso spannenden wie riskanten Experiment. Zwar verspricht er der Redaktion, sich nicht einzumischen. Doch wie sich sein Drang zur Geheimniskrämerei mit einer offenen Berichterstattung verträgt, ist unklar. Eine offene Frage ist auch, ob die Zeitung weiter den Überwachungsstaat USA ausleuchten kann, wenn ihr Besitzer eines der CIA-Datenzentren betreibt. Bezos muss erst beweisen, dass seine «Liebe zum gedruckten Wort» ernst ist. «Ich bin skeptisch gegenüber einem Modell, das die Inserenten ins Zentrum stellt. Die Leser müssen im Zentrum stehen. Die News werden das Herzstück bilden», hat er erklärt. Solche Aussagen sind exakt das, was die Journalisten hören wollen und die Leser beruhigt.

Wie er die Zeitung aber finanzieren will, wenn nicht mit Werbung und ohne Bezahlschranke, hat Bezos nicht verraten. Vorderhand bleibt es bei der Hoffnung, dass der Amazon-Chef einhält, was er 2011 an einem Aktionärstreffen sagte. «Wir sind entschlossen, langfristig zu denken. Und noch wichtiger: Wir sind bereit, über lange Zeit hinweg unverstanden zu sein.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2013, 07:54 Uhr

Artikel zum Thema

Bezos’ drei Mottos für die «Washington Post»

Nichts weniger als ein neues goldenes Zeitalter will Amazon-Gründer Jeff Bezos der traditionsreichen «Washington Post» bescheren. Wie, sagte der neue «Post»-Besitzer seiner Zeitung persönlich. Mehr...

Warum der Amazon-Chef eine Zeitung kauft

Jeff Bezos, der Amazon-Gründer, hat mit dem Kauf der «Washington Post» manchen Beobachter überrascht. Was sind seine Gründe? Die Antworten von Experten und US-Medien. Mehr...

«250 Millionen Dollar sind ein anständiger Preis»

Interview Jeff Bezos kauft die «Washington Post» – eine Chance für den Journalismus oder ein Zeichen seines Niedergangs? Antworten von Medienökonom Matthias Karmasin. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...