Top-Managerin

Die Frau, die das Risiko liebte und das Rampenlicht scheute

Ina R. Drew arbeitete sich im Lauf von 30 Jahren zur Investment-Chefin bei J. P. Morgan hoch. Nun ist sie gestolpert.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Geschäftsbereich von Ina R. Drew sollten eigentlich J. P. Morgans Risiken gemanagt werden. Unter Konzernchef Jamie Dimon ging der Bereich jedoch immer grössere spekulative Wetten mit dem eigenen Geld des Unternehmens ein, wie ehemalige Mitarbeiter berichteten. Einige dieser Wetten sollen so gross gewesen sein, dass J. P. Morgan sie nicht wieder hätte auflösen können, ohne an den Märkten grosse Unruhe auszulösen. Als der Milliardenverlust am letzten Donnerstag bekannt wurde, bot Drew umgehend ihren Rücktritt an. Jamie Dimon reagierte zunächst nicht auf diese Offerte. Gestern nun wurde bekannt, dass Drew die Bank verlässt.

Für die 55-Jährige endet damit eine steile Karriere. Sie gehörte zu den wenigen Top-Managerinnen an der Wallstreet. Nach einem Master-Abschluss an der Columbia University stieg Drew 1982 bei Chemical Banking ein, einer Vorgängerin von J. P. Morgan. Als Chemical 1991 mit Manufacturers Hanover fusionierte, wurde Drew die Verantwortung für Risiken bei US-Zinsen und Handelspositionen übertragen.

«Beängstigend klug»

«Ina hat sich ganz dem Eingehen von Risiken verschrieben», sagt Mark Schneiderman, der früher in der Personalabteilung von Chemical arbeitete. «Sie war beängstigend klug, sie war sehr entschlossen, sie war – verglichen mit den Verrückten, die man normalerweise in Handelsabteilungen findet – sehr unauffällig, aber sehr, sehr entschlossen.» Sie scheute sich nicht, ihre Meinung kundzutun. War sie mit ihren Vorgesetzten nicht gleicher Ansicht, teilte sie das auch immer wieder mit.

Chemical fusionierte 1996 mit Chase Manhattan. Drew kümmerte sich um die Finanzen und half, den Konzern für den zwei Jahre später erfolgenden Zusammenbruch des Hedgefonds Long-Term Capital Management zu positionieren. Chase Manhattan konnte für das vierte Quartal 1998 einen Rekordgewinn bekannt geben, doch Drew stand nie im Rampenlicht. Ausserhalb der Bank war sie bis zuletzt kaum bekannt. Am Wochenende erklärten mehrere Wallstreet-Grössen, dass sie den Namen von Drew zuvor noch nie gehört hätten.

«Überheblichkeit spielte eine Rolle»

Intern galt sie als engagierte Advokatin für die Sache der Frauen in der Bank. Sie ermunterte ihre Geschlechtsgenossinnen, in die männerdominierte Welt des Handels einzutreten. Die geregelten Arbeitszeiten würden sich bestens für den Ausgleich von Karriere und Familie eignen. Drew selber ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern.

Seit Februar 2005 stand Drew an der Spitze des Chief Investment Office (CIO) von J. P. Morgan. 2011 verdiente sie rund 14 Millionen Dollar. Sie war damit die viertbestbezahlte Person in der Bank. «Denken Sie daran, dass das CIO lange Zeit gute Arbeit geleistet hat», betonte Jamie Dimon letzten Donnerstag. Ihr Portfolio habe sich in dieser Zeit beinahe verdoppelt. Von ihrem Büro in Manhattan aus kontrollierte sie die Abteilung in London, welche die Handelsaufträge bündelte. Das Portfolio dieser Abteilung erreichte fast 400 Milliarden Dollar.

«Überheblichkeit spielte hier eine Rolle», erklärte Terry Connelly, der einst als Managing Director bei Salomon Brothers tätig war. «Es gibt die Tendenz, davon auszugehen, dass man, wenn man einmal Geld gemacht hat, immer Geld machen wird.» (Bloomberg)

Erstellt: 14.05.2012, 18:47 Uhr

Artikel zum Thema

Bei JP Morgan rollen die Köpfe

Das Milliarden-Fiasko der US-Bank hat Folgen: Investmentbank-Chefin Ina Drew verlässt das Unternehmen. Und auch der mysteriöse Händler mit dem Spitznamen «Wal» soll Berichten zufolge gehen. Mehr...

Ratingagentur stuft JP Morgan herunter

Von AA- auf A: Die US-Grossbank wurde von Fitch für die gestern enthüllten Milliardenverluste mit einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit bestraft. Der Ausblick lautet «negativ». Mehr...

Milliardenloch bei JP Morgan: War es der mysteriöse Banker?

Seit Wochen geistert der Name des Händlers Bruno Iksil – auch als Wal oder Voldemort bezeichnet – durch die Medien. Nun wird er mit dem Milliardenverlust bei JP Morgan in Verbindung gebracht. Mehr...

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Zylinder und PS: Ein Besucher des Royal-Ascot-Pferderennens beobachtet das Geschehen von einer Parkbank aus. (18. Juni 2019)
(Bild: Mike Egerton) Mehr...