Die harzige Vermittlung von Frauen

Mit immer neuen Initiativen versuchen Kadervermittler das Frauenthema ins Gespräch zu bringen. Doch das Geschäft mit dem Female Factor gestaltet sich schwierig. Die Gründe.

Barbara Rigassi von Get Diverity, Valentin Vogt vom Arbeitgeberverband und Doris Aebi von Aebi + Kuehni präsentierten am Dienstag in Zürich 400 Verwaltungsratskandidatinnen.

Barbara Rigassi von Get Diverity, Valentin Vogt vom Arbeitgeberverband und Doris Aebi von Aebi + Kuehni präsentierten am Dienstag in Zürich 400 Verwaltungsratskandidatinnen.

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«Frauen im Verwaltungsrat: 400 Vorschläge für Schweizer Gesellschaften»: Unter diesem Motto lancierte am Dienstag der Schweizer Arbeitgeberverband zusammen mit einer Reihe auf die Frauenfrage spezialisierter Firmen eine neue Initiative mit dem Ziel, den Frauenanteil in den Leitungsgremien von Firmen hierzulande zu erhöhen.

Es ist dies der letzte Streich einer kleinen Unternehmens-Clique um Guido Schilling, Get Diversity, Aebi + Kuehni und Ad Valorem Partners Management Consulting, die sich die Frauenfrage auf die Fahne geschrieben hat. Sie setzte sich in den vergangenen Jahren mit Listen, Studien und Erhebungen immer wieder medienwirksam in Szene. Doch wie laufen eigentlich die eigenen Geschäfte?

Bei Get Diversity ist die ursprüngliche Euphorie verflogen. Die Initiative ging 2008 als exklusiver Vermittler von Frauen für Verwaltungsräte von kleinen und mittleren Unternehmen und börsenkotierten Firmen an den Start. Das heisst: Wenn Unternehmen neue Mitglieder für das Leitungsgremium suchten, reichten die Get-Diversity-Gründerinnen Michèle Etienne und Barbara Rigassi jeweils eine Liste ein, die ausschliesslich Frauennamen enthielt.

Gegen Männernetzwerk ankämpfen

Mittlerweile stehen auf solchen Listen aber auf Wunsch auch beim Berner Duo 50 Prozent Namen von Männern drauf. «Wir hatten uns das einfacher vorgestellt», sagt Michèle Etienne im Gespräch. Es habe sich aber gezeigt, dass rund 90 Prozent der Verwaltungsratspositionen in der Schweiz unter der Hand besetzt würden. «Die Mehrheit der Mandate werde auch heute noch im eigenen Netzwerk vergeben, in dem Männer eine dominierende Rolle spielen», sagt Etienne und fügt hinzu: «Uns finden zwar alle toll, aber bis zu einem Mandat ist es ein langer Weg.»

In den vergangenen sieben Jahren hat das Unternehmen, das von sich behauptet, in der VR-Vermittlung von Frauen in der Schweiz die Nummer eins zu sein, nach eigenen Angaben 80 Verwaltungsrätinnen vermittelt. In der Regel wirft eine Vermittlung eine Vergütung in der Höhe einer VR-Jahresentschädigung ab. Bei einem kleinen und mittleren Unternehmen liegt dieses Honorar zwischen 15'000 und 30'000 Franken, bei börsenkotierten Firmen zwischen 40'000 und 60'000 Franken.

Das tönt nach viel Geld, ist es aber nicht. «Wir werden nicht reich, aber können von unserer Tätigkeit leben», so Etienne. Das ist aber nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass Get Diversity weitere Dienstleistungen anbietet. Zum einen werden jetzt eben auch Männer vermittelt. Zudem suchen die beiden Jungunternehmerinnen auch Kandidatinnen auf operativer Ebene. Und als zweites Standbein neben der Vermittlungstätigkeit betreiben sie ein aktives Netzwerk von erfahrenen und angehenden Verwaltungsrätinnen und organisieren Netzwerkanlässe zum Diversity-Thema in der Wirtschaftswelt. Nur dank Sponsorenbeiträgen fallen keine Defizite an.

Wirtschaft wird nur langsam offener

Trotz allem blickt Etienne zuversichtlich in die Zukunft. «Im vergangenen Jahr hat sich unsere Geschäftsbasis entwickelt», so Etienne. Das habe damit zu tun, dass sich die Wirtschaft offener zeigt gegenüber Frauenfragen und auch der öffentliche Druck bei diesem Thema hoch bleibe. «Das Thema wird auch in Zukunft an Intensität gewinnen», glaubt Etienne. Und zwar deshalb, weil immer mehr Frauen einen Hochschulabschluss haben und gleichzeitig immer mehr Männer Teilzeit arbeiten wollen.

Bei globalen Kadervermittlern wie Egon Zehnder hat man einen nüchternen Blick auf die Thematik. Klar, die Frauenfrage sei im Trend, sagt Philippe Hertig, Partner bei Egon Zehnder, im Gespräch. «Es gibt mittlerweile auch einige Firmen, die aus dem Female Factor ein Geschäftsmodell machen wollen», so Hertig.

Doch in erster Linie sei bei der Suche nach guten Managern das Stellenprofil entscheidend. «Es geht um funktionale, regionale und branchenspezifische Expertise der Kandidatinnen», so Hertig. Entscheidend könne sein, ob eine Kandidatin CEO-, Finanz-, Rechts- oder Personalwissen mitbringe, Erfahrungen in grossen Märkten wie den USA oder Asien vorzuweisen habe oder in bestimmten Branchen gut vernetzt sei. «Der Geschlechteraspekt kommt bei der Kadervermittlung eigentlich erst am Schluss dazu», so Hertig.

Gretchenfrage: Doch ein Mann?

Im vergangenen Jahr hat Egon Zehnder weltweit bei Verwaltungsratsmandaten 32 Prozent Frauen vermittelt. Doch finanziell bringt das dem Unternehmen, das sich zu den wichtigsten fünf Kadervermittlern der Welt zählt, nicht viel. «Frauen bringen uns kein zusätzliches Geschäft», so der Egon-Zehnder-Mann. Im Gegenteil: Die Suche gestalte sich oft schwieriger, weil der Pool geeigneter weiblicher Kandidatinnen insgesamt immer noch deutlich kleiner sei als bei Männern.

Die Gretchenfrage laute am Schluss: Würde man die Frau auch anstellen, wenn sie ein Mann wäre? «Die Antwort darauf relativiert gemäss unserer Erfahrung oft die Chancen einer weiblichen Kandidatur, weil sich in vielen Fällen Männer mit einem besseren Profil finden lassen», so Hertig. Dass Unternehmen zum Teil Frauen engagieren, die nur teilweise dem gewünschten Profil entsprechen, führt der Kaderspezialist auf den Druck der Öffentlichkeit zurück: «Wir haben derzeit einen grossen Hype um die Frauenfrage.»

Quoten per Gesetz festzulegen, hält der Manager mit 16 Jahren Erfahrung in der internationalen Kadervermittlung für falsch. «Es braucht gezielte Karriereförderung in den Unternehmen selbst, so wie es viele Firmen heute auch schon machen», sagt Hertig. Hier sei das Potenzial riesig. «In sieben bis zehn Jahren wird es wesentlich einfacher, geeignete Frauen für Toppositionen in der Wirtschaft zu finden», so Hertigs Prognose.

Erstellt: 21.04.2015, 16:17 Uhr

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