«Die klassische KV-Lehre garantiert heute keine Stelle mehr»

Zu viele KV-Abgänger, zu wenig Pflegende: Michael Agoras, Schweiz-Chef des Personalvermittlers Adecco, fordert ein obligatorisches Berufswahljahr für alle Sekundarschüler.

Adecco-Chef Michael Agoras vertritt eine klare Meinung: «Im Beruf geht es um Berufung, nicht um Lohn.»

Adecco-Chef Michael Agoras vertritt eine klare Meinung: «Im Beruf geht es um Berufung, nicht um Lohn.»

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Herr Agoras, wie steht es um den Schweizer Arbeitsmarkt?
Erstaunlich gut. Im internationalen Vergleich haben wir immer noch eine tiefe Arbeitslosigkeit und damit eine hohe Konsumkraft, auch wenn diese im Mai etwas nachgegeben hat.

Wie sieht es bei den Lehrstellen aus? Hat sich dieser Teil des Arbeits­ marktes in letzter Zeit verändert?
Angebot und Nachfrage passen da nicht mehr zusammen. Man bildet Leute in Berufen aus, die im Markt deutlich weniger gefragt sind als früher. Das schafft Arbeitslosigkeit, weil es zu viele qualifizierte Lehrabgänger gibt. Die klassische KV-Lehre etwa garantiert heute keine Stelle mehr – trotzdem werden Lehrlinge en masse ausgebildet. Ganz anders in der Pflege: Heute fehlen 20 000 Pfleger und Pflegerinnen, und bis 2030 gehen 250 000 in Pension. Und im Rest Europas sieht es nicht besser aus. Da müssen Leute ausgebildet werden, und dazu muss die Ausbildung reformiert werden.

Das ist doch passiert: Heute ist die Ausbildung akademischer.
Stimmt, aber genau da liegt das Problem. Es kann doch nicht sein, dass man für pflegerische Aufgaben einen akademischen Abschluss braucht. Die Pflege ist wichtig, und es braucht qualifizierte Leute. Aber Akademiker? Entschieden haben das Leute, welche die Betroffenen, also die Pflegenden, nicht gefragt haben. In diesem Beruf braucht es Praktiker und nicht Theoretiker. Aber die Theorie steht in der Ausbildung im Vordergrund. Da müssen Sie sich nicht wundern, wenn niemand mehr pflegen will.

Hat der akute Mangel nicht mit der fehlenden Wertschätzung zu tun?
Das Image ist ein entscheidender Faktor, aber mit einer Akademisierung der Ausbildung ändern Sie noch kein Image. Das Gesundheitswesen hat es verpasst, Schüler, Eltern und Lehrkräfte über Berufsbilder zu informieren.

Das mag stimmen. Aber am tiefen Lohnniveau ändert das nichts.
Das Lohnniveau an sich ist in der Pflege nicht tief. Es ist tief, wenn man die Intensität der Arbeit und die unregelmässigen Arbeitszeiten beispielsweise mit denjenigen einer KV-Stelle vergleicht.

Genau darum geht es ja.
Ja, aber worum geht es denn im Beruf ? Um Berufung, nicht um Lohn. Wenn man Jugendlichen rechtzeitig aufzeigt, worum es beim Pflegeberuf geht, bin ich überzeugt, dass der Spassfaktor, in diesem Beruf arbeiten zu können, wichtiger ist als der Lohn.

Worin soll für 16­jährige Jugendliche in einem Pflegeheim oder Spital der Spassfaktor liegen?
Der Pflegeberuf ist ein sehr interessanter Beruf. Aber wenn Sie heute 100 Jugendliche fragen, wie der Pflegeberuf aussieht, ist die Antwort klar: «Da wasche ich den Patienten den Hintern!» Dieses – total falsche – Image hat der Beruf meiner Meinung nach.

Alte Leute waschen gehört ja auch zum Job.
So wie beim KV Routinearbeiten wie etwa das Zukleben von Tausenden von Couverts dazugehören. Aber beides ist nur ein Teil des Jobs. Deshalb ist Information so wichtig. Man muss den Jungen auch Gelegenheit geben, sich mit diesem Beruf auseinanderzusetzen. Und man muss die Perspektiven aufzeigen. Die sind in der Pflege fantastisch.

Zurück zum KV: Hat es in allen Branchen zu viele KV­-Absolventen?
Nein, das ist nicht generell so. Aber immer weniger Firmen bieten ihren Lehrabgängern eine Stelle an. Alle sprechen davon, den Jungen erste Erfahrungen im Arbeitsleben zu ermöglichen, aber nur wenige setzen das auch um. Mir geht es allerdings ums Grundsätzliche: Wie soll man mit 13 oder 14 entscheiden, welche Lehre oder Schule die richtige ist?

Finden Sie es in der zweiten Klasse der Oberstufe zu früh dazu?
Viel zu früh. Die Gefahr ist gross, einfach das zu machen, was Kollegen machen oder die Eltern schon gemacht haben. Ich plädiere dafür, dass ein 10. Schuljahr für alle als obligatorisches Berufswahljahr eingeführt wird, die nicht den Weg der eidgenössischen Matur wählen. Der Berufswahlentscheid ist zu wichtig, um ihn nur nebenbei zu fällen.

Und wer soll das bezahlen?
Wer bezahlt die Arbeitslosigkeit? Ein Arbeitsloser kostet die Allgemeinheit viel mehr. Das 10. Schuljahr wird schon heute subventioniert, einen Teil zahlen die Eltern. Wird es zur Pflicht, sollten Bund, Kantone und Gemeinden das Geld in die Hand nehmen. Die Eltern sollen allenfalls für Reisen oder Schulmaterial aufkommen.

Nutzen Arbeitgeber Temporärein­ sätze auch als Möglichkeit, um Leute kennen zu lernen, bevor sie eine Festanstellung erhalten? Ja, viele rekrutieren Leute mit dem sogenannten Try and Hire und können diese nach drei Monaten ohne Zusatzkosten anstellen. Das Arbeitsverhältnis muss aber von Anfang an so definiert sein. Statt zwei, drei Gespräche zu führen und einen Test zu verlangen, setzen sie auf eine verlängerte Probezeit. Auch Adecco selber macht das zum Teil so.

Grosse Arbeitgeber wie die Post beschäftigen Temporäre bis zu 18 Monate, ohne eine Festanstellung zu gewähren. Gewerkschaften sagen, damit würden Gesamtarbeits­ verträge unterlaufen.
Damit wird nichts unterlaufen, das ist eine anerkannte Form der Beschäftigung. Wie wollen Sie es anders machen, wenn Sie im Voraus wissen, dass Sie nur für eine bestimmte Zeit Personal benötigen? Da haben auch die Gewerkschaften keine Antwort darauf. Die Post etwa hat das absolut sozialverträglich gestaltet. Was gibt es Faireres als eine Anstellung, deren Dauer von Anfang an klar ist?

Novartis aber soll ganz gewöhnliche Stellen mit Temporären besetzen, weil das billiger zu stehen kommt.
Zu Novartis kann ich mich nicht äussern, weil wir der Firma mehrheitlich TopSpezialisten vermitteln und verleihen. Aber ein Detailhändler zum Beispiel benötigte beim Ausbau eines Verteilerzentrums vorübergehend mehr Personal. Auch da war die Beschäftigung von Temporären absolut sozialverträglich: Minimallöhne, Kündigungsfristen, Sozialversicherungen – alles wurde eingehalten. Die Form ist korrekt, passt aber nicht ins Weltbild der Gewerkschaften. Deshalb machen diese daraus eine Plattform für ihre Botschaft. Anders als wir, verfolgen diese aber auch politische Ziele.

Die Verhandlungen für einen Bran­ chen­Gesamtarbeitsvertrag sind ins Stocken geraten. Wo klemmt es?
Unser Vorhaben grenzt an eine Revolution. Die Schweiz kennt über 70 allgemein verbindliche Gesamtarbeitsverträge. Denen untersteht auch die Temporärbranche, sie machen 50 Prozent des Geschäftsvolumens des Branchenverbands Swissstaffing aus. Dann gibt es etwa 800 nicht allgemein verbindlich erklärte Firmenverträge. Die meisten Grossunternehmen erwarten von unserer Branche, dass wir diese einhalten, Andere sind eher skeptisch. Um trotzdem zu einem umfassenden BranchenGAV zu kommen, haben wir die Parameter der Verträge verglichen und die Bedingungen anzugleichen versucht. Ein Unterfangen, das die Kompromissbereitschaft aller Beteiligten strapaziert.

Ich nehme an, da geht es auch um die Mindestlöhne.
Ja, diese sind mit ein zentraler Teil der anzugleichenden Bedingungen. Einerseits ist das Lohngefälle etwa zwischen Zürich und dem Tessin enorm. Andererseits halten einzelne Firmen in bestimmten Regionen die Minimallöhne nicht ein, was die Lösungsfindung für unsere Branche nicht einfacher macht. Die Sozialpartner nähern sich an, wir haben die Aufgabe aber unterschätzt. Wir wollen den Branchen-GAV und wollen unsere Dienstleistungen auf nachhaltige Weise anbieten können – ohne dauernd mit Anwürfen torpediert zu werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2010, 20:02 Uhr

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