Du willst die Welt verbessern? Werde Banker!

Anhänger der «Earning to give»-Bewegung wollen möglichst viel verdienen – aber nicht für sich.

Auf dem Weg zur Arbeit: Im Londoner Finanzdistrikt sind die Löhne meist fürstlich.

Auf dem Weg zur Arbeit: Im Londoner Finanzdistrikt sind die Löhne meist fürstlich. Bild: Andy Rain/Keystone

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Alex Foster sieht nicht gerade aus wie ein Weltverbesserer, aber vielleicht ist das auch zu schnell geurteilt. Anzug, Hemd, Seitenscheitel, grosse Uhr am Handgelenk, so präsentiert sich der junge Firmenchef gern im Netz. Ein Blick, der sagt: Ich will nach oben. Dazu passt, dass Foster vor der Gründung seines eigenen Unternehmens im Londoner Bankensektor gearbeitet hat. Dazu passt erst einmal weniger, dass er das nur getan hat, um die globale Armut zu bekämpfen.

Foster ist Teil der «Earning to give»-Bewegung: Verdiene, um zu geben. Deren Anhänger wollen so viel Geld wie möglich verdienen, um so viel wie möglich davon zu spenden – und das auch noch möglichst effektiv. Sie wollen die Welt gerechter machen, aber ganz anders als die meisten. Nicht durch Engagement in der Obdachlosenhilfe, nicht durch laute Protestumzüge auf den Strassen oder durch die Anklage der Eliten. Nein, sie werden selbst zur Elite.

Während Fosters Bankkollegen nach Konsum und Status hechelten, ihr Geld für grosse Häuser und schnelle Autos ausgaben, lebte Foster weiterhin in einem gemieteten Zimmer und gab mehr als die Hälfte seines Einkommens an gemeinnützige Organisationen ab. Das Motto der Kollegen war: «Work hard, play hard.» Fosters Motto war: «Work hard, do well.» «Allein als Praktikant habe ich in der Londoner Bankenbranche 45'000 Pfund im Jahr verdient – ohne Boni», erzählt der 26-Jährige heute.

Eine Zeit, in der über seinen Computerbildschirm Milliardensummen flimmerten, in der er Firmenübernahmen managte und lange Abende im Büro verbrachte. Auch heute noch arbeitet er viel, mittlerweile hat er sein eigenes Start-up gegründet. Zu Hause ist er nach wie vor selten. Sein gemietetes Zimmer in einem Wohnhaus in London, das der studierte Ingenieur sich mit anderen teilt, misst nur wenige Quadratmeter. Von 15'000 Pfund im Jahr lebt er. 15'000 weitere Pfund spendet er.

Der grösstmögliche Effekt

Die «Earning to give»-Bewegung basiert auf der Idee des effektiven Altruismus. Sein Ziel: trotz begrenzter Zeit und begrenzten Mitteln die grösstmögliche Verbesserung für die Welt erreichen, durch den effektivsten Einsatz ebendieser Zeit und Mittel. Als einer der wichtigsten Vertreter gilt der Philosoph Peter Singer, der etwa in seinem Buch «The Life You Can Save» schreibt, dass jeder für gemeinnützige Organisationen spenden sollte, solange er damit Leid verhindern könne und im Gegenzug «nichts vergleichbar Wichtiges» aufgeben müsse – mindestens 5 Prozent des Einkommens und mehr seien ein gutes Mass.

William MacAskill fing genau mit diesen 5 Prozent an. Mit Anfang 20 las der Schotte die Texte von Singer und beschloss, einen Teil seines studentischen Einkommens von etwa 9000 Pfund im Jahr zu spenden. Mittlerweile hat der 28 Jahre alte Philosophiestudent, der bald als Professor an der Universität Oxford beginnt, gemeinsam mit einem Kollegen zwei Organisationen aufgebaut: zum einen Giving What We Can, die Menschen zum effektiven Spenden ermutigt; zum anderen 80 000 Hours, eine Karriereberatung für junge Idealisten.

Denn die würden oft in Berufe gehen, die zwar sozial seien, aber trotz durchschnittlich 80'000 Arbeitsstunden im Leben nicht unbedingt die grössten Veränderungen bewirkten, so MacAskill. Arzt zum Beispiel, ja, das sei schon ein ehrenvoller Beruf. Aber in der Medizin arbeiten, das täten viele, schreibt er in seinem Buch «Doing Good Better». Wirst du nicht Arzt, wird es eben ein anderer – für die Welt sei das relativ unbedeutend. «Wirst du aber Trader an der Wallstreet und spendest dein Einkommen, macht das einen Unterschied.»

Streben nach Geld und Einfluss

Mehrere Hundert Absolventen habe 80'000 Hours in den vergangenen vier Jahren beraten, sagt MacAskill. Von fast 200 wisse er, dass sie ihre Karrierepläne tatsächlich geändert hätten. Nicht alle seien im Finanzsektor gelandet, das sei auch nicht das einzige Ziel: Andere wären in die Politik gegangen, in Unternehmensberatungen oder Thinktanks. Geld und Einfluss, beides brauche es, um die Probleme der Welt anzugehen.

Zudem geht es nicht nur darum, dass Leute spenden, sondern vor allem auch darum, wie sie spenden. Der US-Ökonom William Easterly hat schon nach der Jahrtausendwende in seinen Büchern kritisiert, dass sich die Situation in vielen Entwicklungsländern nicht verbessert habe, obwohl der Westen Billionen Dollar investierte. Peter Singer und William MacAskill argumentieren, dass das Geld eben nicht in die richtigen Organisationen geflossen sei.

Die Karrieristen der «Earning to ­give»-Bewegung investieren in Entwicklungshilfeorganisationen wie ihre Kollegen in Aktien, bewerten Vereine wie Börsenunternehmen: Sie geben ihr Geld nur den Organisationen, die transparent sind, deren Erfolg messbar und belegt ist.

MacAskill führt als Beispiel die Playpump an, eine Wasserpumpe, die durch die Energie von spielenden Kindern auf einem Karussell betrieben wird. Die Idee gewann im Jahr 2000 einen Preis der Weltbank, Millionen Dollar Spenden kamen zusammen, Hunderte solcher «Spielpumpen» wurden etwa in Südafrika und Moçambique installiert. Dann aber stellte sich heraus: Die Pumpe funktionierte im Alltag überhaupt nicht. Kinder verletzten sich auf dem Karussell, wurden dafür bezahlt, zu spielen, am Ende ergab das stündlich weniger Wasser als die früheren Handpumpen. Millionengelder, die das Leben der Menschen verschlechterten.

Genau deshalb sollen Spenden der «Earning to give»-Bewegung zufolge nur an nachweisbar effektive Organisationen gehen. Kritiker werfen den Vertretern des effektiven Altruismus vor, dass sie nur in Projekte investierten, die messbare Vorteile brächten, und alles andere vernachlässigten. «Es geht um Effektivität, und die kann eben nur anhand messbarer Kriterien bewertet werden», verteidigt sich MacAskill. Andere bemängeln, dass die Leute sich durch Jobs bei Banken und Industrie auch in Systeme einfügten, die nicht gerade zur Weltverbesserung beitrügen – und diese damit unterstützten.

Alex Foster wechselte wegen solcher Vorurteile von der Banken- in die Start-up-Szene. Ein Banker, der den Grossteil seines Gehalts spende? «Das kauft einem doch keiner ab», sagt er. Im neuen Job dagegen könne er zu einem öffentlichen Vorbild werden. Das gebe ihm ein gutes Gefühl. Irgendwo sei das Konzept des effektiven Altruismus nämlich doch ziemlich egoistisch, sagt Foster: Es mache ihn selbst glücklicher.

Der «Tages-Anzeiger» setzt auf konstruktiven Journalismus. Jeden Montag erscheint in der Rubrik «Die Lösung» ein Artikel, der Lösungsansätze für ein aktuelles Problem aufzeigt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.11.2015, 08:31 Uhr

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