«Entscheidend ist, die Dinge mit Hingabe zu tun»

Als 12-Jähriger wusste Stefan Schwitter: Er wollte Wrestling-Kämpfer werden. Heute bietet er ein besonders fokussiertes Krafttraining an, das Anstrengung mit Entspannung verbindet.

Stefan Schwitter bewundert buddhistische Mönche für ihre Präsenz und ihren Fokus. Foto: PD

Stefan Schwitter bewundert buddhistische Mönche für ihre Präsenz und ihren Fokus. Foto: PD

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Herr Schwitter, Sie bieten mit Zenmove ein Gesundheitstraining an, das Fitness und Entspannung kombiniert. Wie kamen Sie auf die Idee, Ihre Kunden nur zwölf Minuten Kraft trainieren und sich dann zwölf Minuten entspannen zu lassen?
Ich habe von 2014 bis 2016 in New York gelebt und als Personal Trainer gearbeitet. Bei der Arbeit mit meinen Kunden wurde mir klar: Der Trainingseffort ist nutzlos oder sogar kontraproduktiv, wenn der Gegenpol, die Entspannung, fehlt. In New York leben viele Menschen, die nie zur Ruhe kommen. Statt sie zusätzlich ans Limit zu bringen, trainierte ich nur 30 statt 60 Minuten mit ihnen und bot in der zweiten halben Stunde eine geführte Entspannung an. Das führte zu viel besseren Resultaten, aber ich merkte, dass viele sich keine ganze Stunde Zeit nehmen wollten. Deshalb perfektionierte ich die Sache weiter und kam auf die 12 plus 12 Minuten.

Dass es schwierig werden könnte, im gesättigten Fitnessmarkt eine Nische zu finden, hat Sie nicht entmutigt?
Ach, ich habe seit jungen Jahren eine Schwäche für unmögliche Dinge. Mein erster Traumberuf war Rockstar, später wollte ich Wrestling-Kämpfer werden. Für Kinder ist das ja nichts Ungewöhnliches, dass sie in einer Traumwelt leben. Die meisten kommen dann rasch in der Realität an. Ich aber war sehr störrisch, weigerte mich, Erwartungen zu erfüllen, die Schule ernst zu nehmen. Stattdessen schleppte ich als Neunjähriger meine Familie ans Konzert von Guns N’ Roses im St.-Jakob-Park, zog mich ansonsten die meiste Zeit auf mein Zimmer zurück, um Gitarre zu üben oder Videos von Rockstars zu schauen. Mir war sehr früh klar: Das, was die Erwachsenen mir als Normalität vorlebten, interessierte mich nicht. Es musste etwas geben, was grösser war als dieses Leben.

Hatten Sie eine konkrete Vorstellung, was das hätte sein können?
Zunächst gab es das Problem, dass ich schwerer war, als es für einen Zwölfjährigen angebracht gewesen wäre. Mein Arzt riet mir, ich solle es doch mit Sport versuchen. In dieser Zeit entdeckte ich Wrestling und war elektrisiert von diesen Kämpfen: Die grossen Stars wie Tatanka waren nicht nur sehr stark, sondern hatten auch das Charisma von Rockstars. Das schien mir die perfekte Kombination zu sein. Mein einziges Problem war, dass die besten Wrestler in den USA lebten und ich als 13-Jähriger da nicht hinkam. Also schwor ich mir, die nächsten Jahre alles zu tun, um stark und schwer genug zu werden. Nebenbei kam ich irgendwie durch die Schule, später durch die KV-Lehre und die Rekrutenschule, aber wirklich wichtig waren mir Karate, Kickboxen, Judo, Ringen und Krafttraining.

Hat sich die Schufterei gelohnt?
Ja, ich war so sehr auf mein Ziel ausgerichtet, dass ich wirklich viele Hürden übersprang. Zunächst besuchte ich eine Wrestling-Schule in Wien, absolvierte bald erste Kämpfe in der Schweiz, später in Deutschland, Holland, Italien und Frankreich – da fuhr ich nicht selten 10 Stunden hin und wieder zurück an einem Wochenende. Schliesslich kam ich mit Claudio Castagnoli in Kontakt, einem Schweizer Wrestler, der mittlerweile in den USA als Cesaro ein Superstar ist. Ich organisierte ein Touristenvisum, schrieb mich für drei Monate in Atlanta an einer Wrestling-Schule ein und kam dort ziemlich auf die Welt: Niemand nahm mich ernst, auch deshalb nicht, weil mir mindestens 15 Kilo fehlten zu einem imposanten Wrestler. Aber ich lernte schnell, konnte mich nach knapp drei Monaten in der besten Liga präsentieren, wurde als Assistenztrainer beschäftigt – und als ich wegen des auslaufenden Visums zurückflog, war ich sicher, dass es im zweiten Anlauf klappen würde.

Ging die Rechnung auf?
Nicht ganz. Ich hatte mich bei 180 Zentimeter Körpergrösse auf 95 Kilo hochgefuttert, doch dann hiess es, über 100 Kilo und 185 Zentimeter Körpergrösse wären besser. Ich kehrte zurück nach Europa, war zwei Monate lang mit All Star Wrestling in England auf Tour und stieg zur Krönung meiner Karriere tatsächlich im Hauptkampf gegen mein Idol Tatanka in den Ring vor 8000 Zuschauern. Aber mein Körper war erschöpft von zahlreichen Verletzungen und zu viel Stress, zudem litt ich an diesem Abend unter einer Lebensmittelvergiftung. Ich blendete alles ein letztes Mal aus für eine grosse Show, aber mir war klar, dass ich gesund werden und in Zukunft ausgeglichener leben musste. Und mir kam entgegen, dass ich inzwischen sehr viel übers Training wusste und die verschiedensten Leute mir leicht vertrauten. So konnte ich in Fitness-Studios und als Personal Trainer leicht Fuss fassen. Und diese Erfahrungen sind es auch, die mir das Selbstvertrauen geben für die Etablierung von Zenmove. Mir macht es nichts aus, belächelt zu werden. Ich kenne die ganze Fitness-Szene und bin mir sicher, dass es kein kompletteres Kurzzeittraining gibt als jenes, das ich in den letzten drei Jahren aufgebaut habe.

Auf 95 Kilo hochgefuttert: Schwitter als Wrestler 2009. Foto: PD

Dennoch wirkt es auf viele erst einmal befremdlich, nur zwölf Minuten zu trainieren und die Übungen erst noch langsam wie in Superzeitlupe zu absolvieren.
Fokussieren war immer ein zentraler Wert in meinem Leben. Fehlt im Wrestling der Fokus, führt das sofort zu schweren Verletzungen. Auch beim Training ist Fokus entscheidend. Training bedeutet Adaption der Muskeln an einen zuvor erfahrenen Widerstand. Ein hoher und fokussierter Effort führt dazu, dass sich der Körper bestmöglich anpasst. Wenn wir langsam arbeiten, besteht kein Verletzungsrisiko und die Intensität ist hoch. Bei mehr und schnellen Wiederholungen geht leicht die Kontrolle verloren, die Trainierenden arbeiten mit Schwung, weichen aus, reduzieren den Effort, schalten Pausen ein. Dadurch verliert das Training an Effizienz. Wichtig ist zu verstehen, dass wir durchs Training nicht unmittelbar stärker werden, sondern dass es erst einmal eine Schwächung des Organismus’ bedeutet. Deshalb ist die Regeneration so wichtig. Die angeleitete Entspannung im zweiten Teil des Trainings hilft unseren Muskeln, stärker zu werden – und sie verhilft uns zu mehr Wachheit und Fokus im Alltag.

Der erste Teil Ihrer Trainingsmethode verweist auf den Zen-Buddhismus. Ist der frühere Wrestler und Entertainer zum Buddhisten geworden?
Ich verstehe heute besser, wie wichtig die Entspannung ist. Der Unterschied zwischen einem sehr guten und einem exzellenten Sportler oder Unternehmer ist die Fähigkeit zur Entspannung. Ich durfte Mönche im Zen Center Regensburg oder im Buddhistischen Tempel in Feldkirch kennen lernen und war enorm beeindruckt von ihrer Präsenz und ihrem Fokus. Es geht für mich nicht darum, jeden Morgen oder jeden Abend lange zu meditieren, sondern darum, die Dinge mit Hingabe zu tun. Ich habe drei Jahre in den Aufbau von Zenmove gesteckt, habe sechs Tage pro Woche mindestens zwölf Stunden gearbeitet und bin nie krank oder arbeitsmüde geworden. Keith Richards, Gitarrist der Rolling Stones, hat einmal gesagt, wenn er Anzeichen einer Grippe spüre, brauche er nur ein Konzert, um wieder gesund zu werden. Mir geht es ähnlich: Kunden beim Training zu begleiten, hält mich gesund. Ich kann mich dabei vergessen, ohne über meine Grenzen zu gehen.

Kontakt und Information: www.zenmove.ch oder stefan@zenmove.ch

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Erstellt: 28.06.2019, 09:52 Uhr

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