«Es braucht Leute mit Rock ’n’ Roll im Blut»

Musiker, Manager, Jobvermittler – und heute selbstständig: Michel Ganouchi erklomm die Karriereleiter auf Umwegen.

Michel Ganouchi: «Ich wusste, dass das Fallbeil auf uns niedersausen würde.» Foto: Silvan Widmer

Michel Ganouchi: «Ich wusste, dass das Fallbeil auf uns niedersausen würde.» Foto: Silvan Widmer

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Herr Ganouchi, Sie wollten Rockstar werden und sind jetzt als Unternehmensberater tätig. Was ist schiefgelaufen?
Gar nicht so viel – es war ein wilder Ritt, und ich habe in jeder Lebensphase viel gelernt. Rockstar war übrigens schon Plan B. Davor wollte ich Pilot werden wie vermutlich jeder zweite Bub. Ich erkrankte aber mit zehn Jahren schwer an Krebs, fehlte lange in der Schule und war erst einmal froh, überlebt zu haben. Es war ein Luxus, dass ich das Gymnasium besuchen durfte, mein Vater war aus Tunesien in die Schweiz gekommen und hatte als Kellner und später als interner Pöstler bei einer Bank gearbeitet, meine Mutter als Sekretärin im Triemli-Spital. Mit mir in der Klasse waren auch Nadja Sieger, die später Teil des Komiker-Duos Ursus & Nadeschkin wurde, und Christian Mumenthaler, heutiger Chef von Swiss Re. Im Gegensatz zu ihnen war ich nicht besonders talentiert. Aber ich hatte als Zwölfjähriger AC/DC im Hallenstadion gehört und war seit dem Tag an beseelt vom Gedanken, Rockgitarrist zu werden.

Da helfen Latein-Kenntnisse nicht unbedingt.
Ich schaute, dass ich irgendwie durchkam, aber meine Energie steckte ich nicht ins Vokabeln-Lernen, sondern ins E-Gitarre-Spielen. Ich kaufte mir viele Platten und CDs, spielte die Songs nach, liess mir die Haare wachsen und mit 19 eine brennende Gitarre tätowieren, damit der Look schon mal stimmte, und trat mit verschiedenen Bands auf. Nach der Matura spielte ich weiterhin vier bis sechs Stunden pro Tag Gitarre, übernahm verschiedene Temporärjobs und fand eines Tages meinen Traumjob als Plattenverkäufer im berüchtigten Kreis 4. Der Lohn war mies, aber ich war happy und sparte auf mein Ziel hin: Die Gitarrenschule GIT in Los Angeles.

Mit 23 Jahren starteten Sie in dieses Abenteuer. Wars so glamourös wie erhofft?
Ich merkte rasch, wie gross die Konkurrenz war und wie viele sich mit 3-Dollar-Gastronomie-Jobs über Wasser hielten, um ihren Traum vom Musikmachen leben zu können. Spannend waren die vielen Partys, bei denen oft prominente oder einflussreiche Leute auftauchten. So erhielt ich plötzlich die Chance, in der Filmkomödie «Wayne’s World 2» mitzuspielen, ohne Gitarre allerdings – wäre ich länger geblieben, hätte ich vielleicht weitere Schauspielangebote bekommen in der Traumfabrik Hollywood. Doch ich entschied mich, nach einem Jahr wieder in die Schweiz zurückzukehren. Hier konnte ich mich bei Gotthard vorstellen, fand aber im Gespräch mit Chris von Rohr, dem damaligen Manager der Band, keinen gemeinsamen Nenner. Er erkannte wohl, dass ich eher ein Edelrocker als ein richtiger Rock ’n’ Roller war.

«Ich staunte, dass ich viel mehr verdienen konnte als mein Vater mit 58 Jahren.»

Jedenfalls wohnten Sie mit fast 25 Jahren wieder zu Hause und brauchten einen Plan C.
Als ich mich schon fast damit angefreundet hatte, die Lehrerausbildung in Angriff zu nehmen, erhielt ich ein Jobangebot von Warner Music. Dort betreute ich als Promotionsmanager Künstler wie Phil Collins und Red Hot Chili Peppers und koordinierte Termine mit Musikjournalisten, TV-Stationen und Radiosendern. So lernte ich die Musikbranche halt hinter den Kulissen statt auf der Bühne kennen. Später wurde ich Promotionschef und Teamleiter bei Sony Music. Ich war sehr erstaunt, dass ich in jungen Jahren so viel mehr Geld verdienen konnte als mein Vater mit 58 Jahren. Ich tat mich aber auch zunehmend schwer mit dieser oberflächlichen Scheinwelt. Schliesslich verkrachte ich mich mit meiner neuen Chefin und musste gehen. In der schrumpfenden Musikbranche hätte ich ohnehin wenig Perspektiven gehabt. Es war Zeit für Plan D. (Lacht)

Wie gelang der Quereinstieg in die IT- und Telecom-Branche?
Es war eine Mischung aus Fleiss und gutem Timing. Ich bildete mich zum Marketingplaner weiter und hatte Glück, dass die Internetblase gerade anschwoll und viele junge Unternehmen Personal suchten. So kam ich kurz nach dem Börsengang zur Softwarefirma Day, die später in Adobe aufging, und wechselte dann zu Sunrise, wo gerade die Businessdienstleistungen ausgebaut wurden. Schliesslich konnte ich bei Sunrise den Prepaid-Brand Yallo mitaufbauen und wurde danach zu sehr guten Konditionen vom Konkurrenten Lebara abgeworben.

Haben Sie es nirgendwo lange ausgehalten, oder hat Sie der Ehrgeiz zwar spät, aber umso heftiger gepackt?
Vermutlich kam beides zusammen. Ich baue gerne Dinge auf, verhelfe einem Projekt oder einer Marke zum Durchbruch. Aber ich bin keiner, der zehn Jahre lang kleine Dinge optimiert. Und sicher war es auch ein starker Antreiber, mir dank des Aufstiegs Sachen leisten zu können, die für meine Eltern ausser Reichweite lagen: ein teures Auto und eine luxuriöse Wohnung zum Beispiel. Bei Lebara hätte ich es länger ausgehalten, aber da wurde ich Opfer meines eigenen hohen Lohns. Als die Kosten gesenkt werden mussten, entliess mich der Schweiz-Chef und übernahm das Marketing selber. Und bei meiner letzten Angestellten-Station, bei der Job-Plattform Monster, blieb ich fünf Jahre, drei Jahre als Marketingleiter und zwei Jahre als Geschäftsführer.

Da waren Sie Kapitän auf einem untergehenden Schiff. Warum hat Monster sich nicht durchgesetzt?
Jobs.ch hat das meiste richtig gemacht, Monster sehr viel falsch. Wir waren Teil eines amerikanischen börsenkotierten Unternehmens, hatten wenig Einfluss auf die Produkte und Preisgestaltung. Jobs.ch investierte stark, war näher an den Kunden. Für mich war es ein aussichtsloser Kampf. Ich steckte Energie und Zeit hinein bis zur Erschöpfung und wusste, dass wir in der Schweiz von allen Ländern die schlechteste Marge hatten und irgendwann das Fallbeil auf uns niedersausen würde. Am Ende musste ich dann wirklich 20 Mitarbeiter entlassen und noch drei Monate lang alles abschliessen. Nach einer Phase der Erholung kam ich auf die Idee, mich selbstständig zu machen als Spezialist für Employer Branding, die Summe meiner über die Jahre erworbenen Kompetenzen. Ich hatte für ein Jahr finanzielle Reserven und Zeit und Lust, etwas Eigenes aufzubauen.

«Eines Tages realisierte ich: Wenn ich so weitermache, bin ich in drei Monaten bei null.»

Wie gut gelang der Start in die Selbstständigkeit?
Ich erhielt bald erste Beratungsaufträge und Engagements als Referent. Aber finanziell ging die Rechnung bei weitem nicht auf. Eines Tages realisierte ich: Wenn ich so weitermache, bin ich in drei Monaten bei null. Ich verkaufte mein Auto, kündigte die Wohnung und zügelte zu meiner damaligen Freundin. Als die Beziehung kurz darauf in die Brüche ging, zog ich mit 46 noch einmal bei meiner Mutter ein – ein spezieller Moment. Aber wir hatten zum Glück stets eine gute Beziehung, und so baute ich mein Geschäft aus dem Gästezimmer ihrer 3-Zimmer-Genossenschaftswohnung weiter auf. Dann gewann ich zusammen mit meiner Berliner Partnerfirma Deba ein erstes grösseres Strategieentwicklungsprojekt, bald darauf einen zweiten und dritten Auftrag. So bekam ich allmählich wieder Boden unter den Füssen, aber ich verdiente nicht substanziell mehr als in meinen Anfängen als Plattenverkäufer.

Nun sind Sie seit sechs Jahren als selbstständiger Experte tätig. Geht die Rechnung auch finanziell wieder auf?
In den Jahren drei bis fünf ging es stetig aufwärts, im sechsten Jahr schwankt es nun wieder etwas mehr. Wirtschaftlich ist die Situation viel weniger berechenbar als vorher. Der positive Effekt: Ich habe gelernt, meine Zufriedenheit nicht davon abhängig zu machen, ob ich 140 Quadratmeter bewohne und einen Audi S5 Sportback fahre. Hilfreich war, dass ich mit 47 Jahren noch Vater geworden bin und den freien Montag mit meiner Tochter sehr geniesse. Vielleicht ist es kein Zufall, dass ich meine heutige Partnerin in der schwierigen Zeit kennen lernte, als ich nochmals bei meiner Mutter wohnte, einen geleasten Smart fuhr und mich neu sortieren musste.

Sie zeigen Arbeitgebern auf, wie sie für Talente attraktiv werden können. Was brauchts dafür ausser guten Löhnen?
Viele Unternehmen haben als Arbeitgeber keine klare Positionierung, weil sie nicht genau wissen, was ihre Identität ist, was sie attraktiv macht. Das führt zu Ansammlungen von nichtssagenden, austauschbaren Begriffen in Karriereseiten und Stellenausschreibungen. Dazu kommt, dass viele Recruiter die Online-Möglichkeiten zu wenig kennen und deshalb ihre Zielgruppe nicht erreichen. Und ich halte es für katastrophal, dass Unternehmen sehr oft Kandidaten aussortieren, die über 45-jährig sind und womöglich noch einen bunten Lebenslauf haben. Brave Pflichterfüller werden die Organisationen nicht weiterbringen. Es wird auch Leute brauchen mit Erfahrung, einem breiten Horizont und vielleicht sogar ein wenig Rock ’n’ Roll im Blut.

Kontakt und Information: michel.ganouchi@recruma.com oder www.recruma.com

Weitere Beiträge finden Sie im «Beruf + Berufung»-Archiv.

Erstellt: 17.08.2019, 08:09 Uhr

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