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Frauen stürmen Schweizer Börse

Mit Glockenläuten in den Handel: Das kennt man von der US-Börse. Heute schellten im Zürcher Finanz-Epizentrum fünfzig Businessfrauen zum Milliarden-Tausch. Und das mit einer klaren Botschaft.

«Five, four, three, two, one»: Schriller Countdown heute an der Schweizer Börse.
Video: Jan Derrer, Simon Schmid

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Die Schweiz auf dem drittletzten Platz von 26 Industrienationen: Solche Klassierungen ist man hierzulande nicht gewohnt. Das Ranking erstellt hat kürzlich der «Economist»: In seinem «Glass Ceiling Index» der Partizipation von Frauen in der Wirtschaft schneiden nur Japan und Südkorea schlechter ab. Spitzenreiter sind Nationen wie Norwegen, wo der Frauenanteil in Verwaltungsräten heute bei 40 Prozent liegt. Bei rund 11 Prozent liegt derselbe Indikator in der Schweiz: Offensichtlich sind die Raumdecken zur Teppichetage hierzulande weder besonders durchsichtig, noch speziell durchlässig.

Gewissermassen im Nervenzentrum der Schweizer Wirtschaft machten heute die Corporate Women Directors International auf diese Tatsache aufmerksam, die von vielen als Missstand empfunden wird. Unter der Führung von Irene Natividad, Präsidentin der Organisation und Vorkämpferin für Frauenrechte aus den USA, läuteten 50 Schweizer Businessfrauen den Handel an der Schweizer Börse ein. «Soll sich das System ändern, so müssen die Player wechseln», so die Botschaft von Aktivistin und Networkerin Natividad an die Finanzgemeinde. Ähnliche Events hatten in den letzten Monaten an den Handelsplätzen von São Paulo, Istanbul und Hongkong stattgefunden.

Viele Wege führen zum Ziel

Im Videointerview legt Natividad ihren Standpunkt zum kontroversen Thema Quoten dar. «Wichtig ist, dass ein Land überhaupt eine Strategie hat», sagt die Präsidentin der Frauenorganisation zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Ob eine Quote für den Frauenanteil in Verwaltungsräten vorgeschrieben sein solle, ob diese Quote unternehmensindividuell festgelegt werden solle und ob sie für staatliche und privatwirtschaftliche gleichermassen Firmen gelten solle, sei letztlich sekundär. Nächste Station der Women-Summit-Kampagne ist der aufstrebende Börsenplatz Kuala Lumpur, wo seit 2011 eine Frauenquote für den VR gilt.

Als Moderator an der Schweizer Börse anwesend war auch US-Botschafter Donald Beyer. Zusammen mit seiner Frau stand der Diplomat gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet im Videointerview Rede und Antwort. «Je ausgeglichener die Geschlechterverhältnisse an der Spitze von Unternehmen sind, desto besser wird im Allgemeinen gewirtschaftet», sagt das Botschafterehepaar. Ähnlich wie die Schweiz kennen die USA keine besonders starken Vorschriften, was die Frauenrepräsentation in Unternehmen anbelangt. Und ähnlich wie die Schweiz belegt Amerika im Glasdecken-Ranking keinen Spitzenplatz.

Suchstrategien sind entscheidend

Frauen scheuen die Diskussion im Verwaltungsrat nicht; sie gehen weniger Risiken mit dem Geld fremder Leute ein; und verstehen die Aussensicht auf ein Unternehmen besser: Dass diese Tendenzen bestehen, davon sind die Businessfrauen an der Schweizer Börse mehrheitlich überzeugt, wie sich in Gesprächen herausstellt. Ein gewisser Gegenwind schlägt dem CEO der Executive-Search-Firma Egon Zehnder, Damien O'Brien, entgegen. «Ihre Berater sind dafür verantwortlich, welche Kandidaten für einen Verwaltungsrat vorgeschlagen werden», wirft die Schweizer Businessfrau Carole Ackermann dem Rekrutierungsprofi vor, der am Event als Redner auftrat.

Laut der Chefin der Start-up-Finanzierungsfirma Diamondscull müssen Schweizer Unternehmen ihre Rekrutierungsstrategien überdenken. «Die Stakeholder von Firmen müssen sich im Verwaltungsrat widerspiegeln», sagt Ackermann. Den Hauptfehler von VR-Präsidenten sieht sie darin, dass ausschliesslich auf profilierte Individuen gesetzt wird. «Ein Orchester kann aber nicht nur aus ersten Geigen bestehen.» Laut Headhunter Damien O'Brien werden Frauen mehrheitlich aufgrund ihrer bisherigen Leistung beurteilt, während bei Männern das zukünftige Potenzial mehr gewichtet wird. «Im Suchprozess mit Unternehmen machen wir diese unangenehme Erfahrung oft», sagt er.

Erstellt: 12.03.2013, 15:14 Uhr

Gläserne Decken und gläserne Bürger: Das US-Botschafterehepaar Donald und Megan Beyer über Geschlechter- und Steuerfragen (ganzes Interview auf Englisch). (Video: Jan Derrer, Simon Schmid)

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