Geiz macht reich

Die zwei reichsten Deutschen häuften Milliarden an und lebten wie Bettler.

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Die Werbung führt vor, was Reichtum bedeutet: Villen mit Pool, glänzende ­Limousinen, endlose Freizeit. Menschen, die solchen Bildern nachträumen, sind keine Kapitalisten; sie sind Luxusromantiker. Kapitalisten wohnen in schlecht beleuchteten Häusern, fahren alte Autos und arbeiten bis in die Nacht hinein.

So lebte Deutschlands reichster Mann, der kürzlich mit 94 Jahren verstorbene Aldi-Gründer Karl Albrecht (18 Milliarden Euro Vermögen). Sein Geiz grenzte ans Absurde. Wenn er ein Zimmer betrat, soll er zuerst das Licht gelöscht haben. Mit Bleistiften schrieb er, bis nur noch ein Stummel übrig blieb. Sein Haus lag in einer Anflugschneise.

Nach Albrechts Tod rückt Dieter Schwarz zum reichsten Deutschen auf. Schwarz gründete 1973 Lidl, das geschätzte Vermögen des 75-Jährigen beträgt 16 Milliarden Euro.

Die zwei Männer waren härteste Konkurrenten und ähnelten sich wie Zwillinge. Albrecht häufte mit dem Verkauf von billigen Lebensmitteln Milliarden an, lebte zurückgezogen, spazierte unerkannt durch seine Gemeinde, war frommer Christ, verliess sich einzig auf seine Familie und huldigte exzessiver Sparsamkeit. Das alles trifft auch auf Schwarz zu.

Als «ärmlich» beschreiben Mitarbeiter die Räume der Lidl-Zentrale. Von Gründer Dieter Schwarz gibt es zwei Fotos. Hemd und Anzug, die er darauf trägt, sollen von C&A stammen. In Restaurants bestellt Schwarz stets den Tischwein.

Knauser-Kapitalisten

Albrecht und Schwarz haben die eigene Sparsamkeit zum Geschäftsmodell erhoben. Lange vor allen Geiz-ist-geil- Kampagnen brachten sie den Deutschen bei, jeden Pfennig abzuwägen. Sparsamkeit prägte auch die Unternehmenskultur. Immer wieder beklagen sich Angestellte von Aldi oder Lidl über tiefe Löhne und lange Schichten.

Ihr Geld rührten Albrecht und Schwarz nicht an, sie vermehrten es. Die Discounter expandierten ins Ausland, das Wachstum hält an.

Die zwei Deutschen sind nicht die einzigen Knauser-Kapitalisten. Die australische Kohle-Unternehmerin Gina Rinehart (25 Milliarden Euro) oder Ikea-Gründer Ingvar Kamprad (30 Milliarden) leben, als ob sie dem unteren Mittelstand angehörten.

Warum aber wollen Menschen immer reicher werden, ohne ihr Vermögen zu geniessen? Für dieses Paradox gibt es mehrere Erklärungen:

Wettkampf Dieter Schwarz soll besessen davon sein, mit Lidl den Konkurrenten Aldi als grössten Discounter der Welt abzulösen. Das geht nur, wenn man jeden verdienten Euro wieder ins Geschäft steckt.

Prägung Albrecht und Schwarz erlebten das Trümmerdeutschland nach 1945. In solch kargen Zeiten lernt man sparen.

Sinnlosigkeit Ab einem bestimmten Betrag – laut Studien rund fünf Millionen Dollar – hört Geld auf, das Glück zu steigern. Eine breite Umfrage unter amerikanischen Superreichen ergab, dass die Gestaltung ihrer Freizeit viele Reiche überfordert. Also fahren sie fort mit dem, was sie am besten beherrschen: arbeiten und Geld verdienen.

Angst Geld bringt Sicherheit. Gleichzeitig schafft es neue Gefahren. Die besagte Studie fand heraus, dass viele Superreiche um ihr eigenes Wohlbefinden und das ihrer Kinder fürchten. Dagegen helfen zwei Mittel: 1. Mehr Geld verdienen, um sich abzusichern. 2. Dieses Geld verbergen, um weder Neider noch Kriminelle anzulocken. Karl Albrechts Bruder wurde in den 70er-Jahren entführt.

Seelenheil Der Soziologe Max Weber leitete den Kapitalismus von der Theologie des Genfer Reformators Johannes Calvin her. Wer arbeite, preise damit Gott, sagte Calvin. Ein steigender Kontostand spiegelt die steigende Gnade Gottes. Wer nach dem Tod erlöst werden will, muss möglichst viel Geld ansammeln. Webers Theorie ist heute umstritten. Zudem war Albrecht kein Protestant, sondern Katholik. Das Verhalten der Discounter-Milliardäre entspricht aber genau dem von Max Weber beschriebenen Muster.

Albrecht und Schwarz scheinen einer schwindenden Minderheit anzugehören. Märkte für Luxusartikel boomen. Die neuen Reichen – Banker, russische und chinesische Milliardäre – feiern ihren Wohlstand öffentlich.

Am Ende bleibt solcher Verschwendungs-Kapitalismus reine Show. Kaum ein Superreicher verprasst so viel Geld, dass er dadurch verarmt. Die Vermögen der Reichsten dehnen sich kontinuierlich aus. Und mehrere psychologische Experimente belegen, dass sich Reiche sparsamer verhalten als Ärmere.

Karl Albrecht und Dieter Schwarz haben es in Reinform vorgemacht: Der höhere Sinn des Reichwerdens liegt im Noch-reicher-Werden.

Erstellt: 25.07.2014, 07:28 Uhr

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