Gewerkschaft fordert ein Recht auf Teilzeitarbeit

Travailsuisse stellt 28 Forderungen für mehr Gleichstellung zwischen Mann und Frau.

Arbeitgebern sei oft nicht bewusst, dass sie Frauen schlechter bezahlen würden, sagt Travailsuisse.

Arbeitgebern sei oft nicht bewusst, dass sie Frauen schlechter bezahlen würden, sagt Travailsuisse. Bild: Jonathan Bainbridge/Reuters

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Die unerklärte Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen beträgt gemäss Bundesamt für Statistik (BFS) 7 Prozent. Das heisst: Eine Frau verdient durchschnittlich 600 Franken weniger pro Monat, auch wenn sie gleich alt ist, die gleiche Ausbildung und Berufserfahrung sowie dasselbe Stellenprofil hat wie ein Mann.

Kritiker argumentieren, dass es weitere Variabeln geben könnte, welche die verbliebene Lohndifferenz erklärten. Eine 2015 erschienene Studie der Universität St. Gallen und des Forschungsbüros Infras kam allerdings zum Schluss, dass ein erheblicher Teil des Lohnunterschieds unerklärbar bleibe, auch wenn zusätzliche Faktoren berücksichtigt oder andere statistische Methoden angewandt würden. Für Travail­suisse steht daher fest: Es handelt sich um Diskriminierung.

Der Gewerkschaftsdachverband will gegen Lohnungleichheit und gegen Diskriminierung im Allgemeinen vorgehen. Er hat gestern in Bern einen Katalog mit 28 Forderungen präsentiert, welche zu mehr Gleichberechtigung führen sollen – auch für Männer, wie Valérie Borioli Sandoz von Travailsuisse vor den Medien sagte. Denn Gleichstellung betreffe nicht nur Frauen. Frauen und Männer seien von Diskriminierung betroffen.

Unbewusste Ungleichheit

Bei den Löhnen sind die Frauen benachteiligt. Diese Diskriminierung geschehe allerdings meist nicht willentlich, heisst es im Positionspapier von Travailsuisse. Arbeitgebern sei häufig nicht bewusst, dass sie Frauen schlechter bezahlten. Deshalb brauche es Überprüfungen. Unternehmen, welche dies ablehnten, sollten auf eine schwarze Liste gesetzt werden. Diese Liste würde von den Gewerkschaften erstellt. Allerdings nur «falls erforderlich und möglich». Offensichtlich setzt der Dachverband darauf, sein Ziel mit politischem Druck auf anderen Wegen zu erreichen.

Denn auch der Bundesrat möchte unerklärte Lohndifferenzen beseitigen, mit einer Revision des Gleichstellungsgesetzes. Auf eine schwarze Liste verzichtete er allerdings nach Kritik in der Vernehmlassung. Im Februar sprach sich der Ständerat dann dagegen aus, dass Unternehmen mit mehr als 50 Angestellten regelmässig ihre Löhne überprüfen müssten. Die Mehrheit forderte, Alternativen zu prüfen, und schickte die Vorlage an die vorberatende Kommission zurück. Das Papier von Travail­suisse ist auch als Beitrag zu dieser Debatte zu verstehen.

Der Forderungskatalog reicht allerdings weiter, vom Steuersystem über den Wehrdienst bis zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Hier die wichtigsten Forderungen:

  • Das heute geltende Steuersystem, bei dem Ehepaare nur eine Steuererklärung ausfüllen, soll durch die Individualbesteuerung ersetzt werden. Gehalt von Mann und Frau würden also separat besteuert. Damit würde die Heiratsstrafe vollständig abgeschafft. Für Frauen entstünden Anreize, mehr zu arbeiten, da der Zweitlohn nicht durch die Progression weggefressen würde. Auch die Eidgenössische Steuerverwaltung geht davon aus, dass die Individualbesteuerung Menschen am wenigsten von einer Erwerbstätigkeit abhält. Allerdings würde das System auch zu erheblichen Steuereinbussen führen. Die Steuerverwaltung rechnet mit Ausfällen von 2 Milliarden Franken auf Bundesebene. Travailsuisse geht allerdings davon aus, dass ein Teil des Betrags durch die vermehrte Erwerbstätigkeit von Frauen kompensiert würde. Heute sind gemäss BFS 95 Prozent der Männer zwischen 15 und 64 Jahren berufstätig, aber nur 68 Prozent der Frauen.

  • Bis im letzten Jahrhundert sei Mutterschaft als Gegenstück zum Engagement im Militär betrachtet worden, schreibt Travailsuisse. Heute würden Kinder allerdings nicht mehr als Dienst am Land betrachtet. Die Mutterschaft werde von Frauen nicht mehr ertragen, sondern frei gewählt. Der obligatorische Militär- oder Zivildienst für Männer könnte daher durch einen allgemeinen Bürgerdienst für Männer und Frauen ersetzt werden. Dieser müsse aber auch Kranken- oder Kinderpflege einschliessen, damit den Frauen nicht einfach zusätzliche Verpflichtungen auferlegt würden. Denn Frauen leisteten heute den überwiegenden Teil der unbezahlten Arbeit: Gemäss BFS wenden sie wöchentlich 28 Stunden für Haus- und Familienarbeit auf, während es bei den Männern 18 Stunden sind.

  • Für Männer und Frauen soll ein Recht auf Teilzeitarbeit eingeführt werden. Allerdings sollte laut Travailsuisse weder Mann noch Frau weniger als 60 bis 70 Prozent arbeiten, da sonst keine ausreichende berufliche Vorsorge gewährleistet sei. Gemäss BFS arbeiten heute nur in 5 Prozent der Familien sowohl der Vater als auch die Mutter Teilzeit. Bei 14 Prozent arbeiten beide Vollzeit. Bei 20 Prozent geht der Mann einer Vollzeit- und die Frau keiner Erwerbstätigkeit nach. Und bei der grossen Mehrheit von 46 Prozent arbeitet der Vater Vollzeit und die Mutter Teilzeit. Ein Modell, das laut Travailsuisse vielfach nicht wirklich frei gewählt ist. In einer Studie von Profamilia hätten 9 von 10 Männern angegeben, dass sie weniger arbeiten möchten. Dies werde ihnen jedoch häufig vom Arbeitgeber verwehrt. Oder die Frau reduziere ihr Pensum, weil der Mann mehr verdiene. Oder die Rollen hätten sich wegen des fehlenden Vaterschaftsurlaubs schon kurz nach der Geburt eingespielt und verfestigt. Die so zementierte Rollenverteilung stehe im Widerspruch zu den egalitären Werten junger Paare, schreibt ­Travailsuisse. Das schmälere die Zufriedenheit junger Mütter und sei ein potenzieller Streitpunkt in Beziehungen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.04.2018, 19:27 Uhr

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