Glück nach Drehbuch

Der Filmproduzent und -verleiher Dario Suter schlug einen für HSG-Absolventen untypischen Weg ein – und wurde Teil einer verrückten Start-up-Geschichte.

«Jede Entscheidung für einen Film ist eine Wette auf die Zukunft»: Dario Suter, 41. Foto: PD

«Jede Entscheidung für einen Film ist eine Wette auf die Zukunft»: Dario Suter, 41. Foto: PD

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Herr Suter, Sie haben an der Hochschule St. Gallen studiert und später Praktika in der Unternehmensberatung und am World Economic Forum absolviert. Warum sind Sie nicht Manager oder Berater geworden?
Ich wusste zu Beginn des Studiums kaum, was Beratungsfirmen machen – aber weil meine Kommilitonen an der HSG ständig von McKinsey und Roland Berger sprachen, dachte ich, das gehöre dazu, und arbeitete während des Studiums bei Arthur Andersen. Es war nicht meine Welt. Später war ich im Medienteam fürs WEF tätig, konnte die Journalisten betreuen, Interviewtermine mit wichtigen Figuren wie Erdogan, Colin Powell oder Gerhard Schröder koordinieren. Und erlebte, welche Aura ein Bill Clinton oder ein Arafat haben, wenn sie einen Raum betreten. Ich fand das wahnsinnig spannend, am Puls der Zeit zu sein, dort zu arbeiten, wo sich Schlüsselfiguren begegnen, wo Nachrichten und somit anspruchsvolle Unterhaltung entstehen.

Dann hätten Sie beinahe doch noch konventionell Karriere gemacht, bei Axel Springer in Hamburg.
Ich hegte grosse Hoffnungen, denn ich hatte mich im Studium vertieft mit Kommunikation und Medien auseinandergesetzt bei Professor Peter Glotz und war fasziniert von der Branche. Die Realität war dann eher ernüchternd. Ich pendelte von Berlin nach Hamburg, trug brav Anzug und Krawatte und fühlte mich sehr eingeengt in dieser Uniform und der konservativen Welt eines Traditionsunternehmens. Eines Tages rief mich mein früherer WG-Mitbewohner und Mitstudent Ehssan Dariani aus Boston an; er war einer der wenigen HSG-Abgänger, die nicht Karriere machen, sondern ein Start-up gründen wollten, was ihm mehr Mitleid als Bewunderung eintrug. Er berichtete aufgeregt, in den USA starte gerade die Revolution Web 2.0, Myspace sei der Anfang, nun gehe ein kleines Netzwerk namens Facebook an den Start und diese Idee müsse man sofort in Deutschland umsetzen. Im November 2005 legten er und sein Kollege Dennis Bemmann damit in Berlin los und ich fand das, was die beiden da programmierten, bald viel attraktiver als meinen Anzug-Job.

«Ich fand die Aussicht, selber Fehler machen zu können, sehr viel attraktiver.»

Sie gehörten aber nicht zum Gründerteam der Online-Community StudiVZ?
Nein. Ich war aber der Einzige, der etwas Erspartes hatte, also mietete ich für 300 Euro eine Wohnung, die dann zum ersten Büro von StudiVZ wurde. Bald darauf wurde ich Gesellschafter, und im Sommer 2006 entschied ich mich, meinen Job zu kündigen und Teil dieses Abenteuers zu werden. Ich fand die Aussicht, selber gestalten und auch selber Fehler machen zu können, sehr viel attraktiver als meine Karriereperspektiven. Und es war cool, beruflich ins Berliner Nachtleben eintauchen zu können und alle Leute mit dem gleichen flotten Spruch ansprechen zu können: «Bist du schon auf StudiVZ?» Wir wuchsen enorm schnell. Im Februar 2006, als ich Gesellschafter wurde, waren wir stolz auf 3000 Mitglieder, im August, als ich dort zu arbeiten begann, waren es 100'000 Mitglieder, im November, ein Jahr nach der Gründung, eine Million Mitglieder und mehr Traffic als etablierte Marken wie T-Online oder Spiegel.de. Unsere Server waren davon so sehr überfordert, dass wir zeitweise mit dem Werbespruch «Surfen wie zu Omas Zeiten» kokettieren mussten.

Anfang 2007 verkauften Sie StudiVZ für geschätzte 85 Millionen Euro an den Holtzbrinck-Verlag und wurden so zu Millionären.
Wir wussten, dass wir das weitere Wachstum nicht mit eigenen Kräften stemmen konnten – zu Spitzenzeiten hatte StudiVZ 17 Millionen Mitglieder. Also suchten wir einen grösseren Besitzer mit Management-Know-how. Wir waren aber reichlich naiv. Wir hatten keine eigenen Anwälte in den Verkaufsverhandlungen, sondern liessen uns kollektiv von Investor Oliver Samwer vertreten. Nach dem Verkauf merkten wir, wie schwierig es wird, weiterzuarbeiten, wenn es nicht mehr die eigene Firma ist. Die neuen Besitzer wollten erfahrene Manager einsetzen, wir blieben alle nicht lange an Bord. Ich sah den Verkaufserlös als Glücksfall und als Verpflichtung, damit etwas Neues anzustossen, was ich mit ebenso viel Leidenschaft verfolge. Ich sage bewusst Glücksfall, denn Unternehmer, die ihre Firma verkaufen und viel Geld verdienen, werden manchmal zu sehr vergöttert. Wir waren nicht genial oder super talentiert, aber wir hatten ein gutes Timing und waren mutig genug gewesen, das Glück etwas herauszufordern.

Wie fanden Sie Ihre neue Passion?
Wieder gutes Timing oder ein schöner Zufall. Ich flog von Berlin nach Zürich, neben mir sass ein Typ in einem sehr ungewöhnlichen Anzug. Wir kamen ins Gespräch, er erzählte mir, dass er ein Drehbuch für einen Film namens «Waffenstilstand» geschrieben hatte, der zeigte, wie ein Ärzteteam in Falludscha sich um die Verwundeten des Irak-Kriegs kümmerte. Ich hatte an der HSG in meiner Diplomarbeit die Kriegsberichterstattung der Irakkriege 1991 und 2003 verglichen und dachte: Endlich treffe ich jemanden, der meine Arbeit mit Interesse lesen könnte. Er versprach, mir sein Drehbuch zu schicken, und hoffte, ich könnte ihm helfen, seinen ersten Spielfilm zu realisieren. Die Begegnung berührte mich aber nicht nur aus fachlichen Gründen. Meine Mutter war Schauspielerin, mein Vater war Regisseur gewesen, aber er ist vor meiner Geburt gestorben und so habe ich ihn nie kennengelernt. Für mich war es auch deshalb klar, dass ich mich auf das Thema Film einlassen wollte.

«Nebst einigen Flops hatten wir tatsächlich sehr oft Glück.»

Sie entschieden sich ohne Fachwissen, den Film zu produzieren?
Ich gab das Drehbuch noch Christoph Daniel, meinem Cousin und Arbeitskollegen bei StudiVZ, zu lesen. Danach fragten wir Marc Schmidheiny, einen guten Freund, der an der London Film School studierte und also vom Fach war. Auch er fand das Drehbuch stark. So gründeten wir aus dem Bauch heraus eine Filmproduktionsfirma, deren Namen aus den Anfangsbuchstaben unserer Vornamen bestand: DCM. Firmenzweck war, diesen Film dieses besonderen Menschen zu realisieren. Ich habe mich bei allem, was ich tat, immer stark an persönlichen Verbindungen orientiert. Eine intensive Begegnung inspiriert mich mehr als ein Businessplan. Wir drehten den Film mit kleinem Budget in der ZDF-Reihe «Kleines Fernsehspiel» in Marokko und gewannen damit am Zurich Film Festival und in Montreal prompt Publikumspreise, aber kommerziell war es kein Erfolg. Uns wurde bewusst, wie wichtig gutes Marketing und ein starker Vertrieb sind, und so lancierten wir zusätzlich einen Filmverleih und holten mit Joel Brandeis einen vierten Partner an Bord, der sich mit Finanz- und Rechtsfragen auskannte.

10 Jahre später beschäftigen Sie 50 Angestellte und haben Filme wie den fünffachen Oscar-Gewinner «The Artist» oder Dustin Hofmanns Regiedebut «Quartet» im Portfolio. Wars wieder primär Glück oder hatten Sie diesmal ein gutes Händchen?
Ein Glücksfall war, dass wir als unerfahrene Quereinsteiger den insolventen Delphi Filmverleih in Berlin übernehmen konnten inklusive erfahrenen Branchenkennern. Und dann hatten wir nebst einigen Flops tatsächlich sehr oft Glück. Nicht jeder qualitativ hochstehende Film wird ein Publikumsmagnet, und Oscars lassen sich ohnehin nicht planen. Aus kommerzieller Sicht waren sicher die vier Kinofilme «Bibi & Tina» unser grösster Erfolg. Regisseur Detlev Buck kam auf uns zu und sagte, er hätte da was, was Potenzial haben könnte, die filmische Adaption des Kinderbuchklassikers Bibi Blocksberg. Ich glaube, es hat sich herumgesprochen, wie sehr wir den Film lieben, dass wir auf positive Weise Verrückte sind, die nicht einfach ein Business betreiben. Und wenn man jung ist und neu in der Branche, hat man manchmal einen Bonus. Als Michael Douglas für die Europa-Premiere seines Films «Liberace» nach Berlin kam, wunderte er sich zuerst, dass der Filmverleih junge Trainees schickte, um ihn abzuholen. Mit der Zeit realisierte er dann, dass wir tatsächlich seine Geschäftspartner waren. Und drei Tage nach der Premierenfeier schickte er uns einen handgeschriebenen Brief und bedanke sich für unsere Arbeit.

Kürzlich brachten Sie den neuen Dokumentar-Film über Diego Maradona auf die Piazza Grande in Locarno. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Wir haben Regisseur Asif Kapadia durch seinen Film über Ayrton Senna kennengelernt, der am Zurich Film Festival gezeigt wurde. Wir waren alle hin und weg, obwohl keiner von uns Formel-1-Fan war. Sein nächster Film über Amy Winehouse war zu diesem Zeitpunkt schon vergeben. Dann erfuhren wir an der Berlinale vor drei Jahren von seinem neusten Projekt, einem Film mit viel unveröffentlichtem Material über Diego Maradona. Wir sind sehr glücklich, dieses Dokument Zeitgeschichte an die Festivals und in die Kinos bringen zu dürfen. Die ersten Rückmeldungen fielen gut aus, aber wie gut der Film kommerziell funktioniert, wissen wir noch nicht. Jede Entscheidung für einen Film ist eine Wette auf die Zukunft. Sie ähnelt der Investition in eine neu gegründete Firma. Das ist konsequenterweise auch das zweite Standbein von DCM. Wir investieren im frühen Stadium in hoffnungsvolle Start-ups wie die Online-Bestellplattform Delivery Hero oder die Reinigungskräfteplattform Book a Tiger oder P & T für Teeliebhaber. Im Kern geht es für mich immer darum, mit interessanten Menschen eine Vision zu teilen und gemeinsam etwas entstehen zu lassen, was keiner allein hinbekäme.

Kontakt und Information: d@dcmteam.com oder www.dcmworld.com

Weitere Beiträge finden Sie im «Beruf + Berufung»-Archiv.

Erstellt: 30.08.2019, 18:02 Uhr

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