«Ich habe entschieden, keinen Job mehr zu suchen»

Patrik Bucher (51) verwandelte nach einem Sabbatical ein ausgemustertes Kursschiff in ein Bijou – und wurde Kapitän.

«Wir sind in der Lage, ganzjährig in fünf Kantonen, auf drei Seen und drei Kanälen ab- oder anzulegen»: Patrik Bucher ist auf Kurs. <nobr>Fotos: PD</nobr>

«Wir sind in der Lage, ganzjährig in fünf Kantonen, auf drei Seen und drei Kanälen ab- oder anzulegen»: Patrik Bucher ist auf Kurs. Fotos: PD

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Herr Bucher, wir treffen uns hier im Hafen in Biel auf Ihrem Salonschiff. Haben Sie schon als Bub davon geträumt, Schiffskapitän zu werden?
Ich war oft auf dem See, weil meine Eltern ein Motorboot hatten, aber ich hatte damals ehrlich gesagt keinen Plan, was aus mir werden sollte. Ich absolvierte das Wirtschaftsgymnasium und die Lehrerausbildung mit Schwerpunkt Sport und Sprachen. Ich dachte, so hätte ich gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Aber es gab dann gar keinen klassischen Berufseinstieg in einem Anstellungsverhältnis. Ich kreierte mir aus meinen damaligen Interessen heraus meine eigenen Jobs.

Zum Beispiel?
Was mich wirklich interessierte in jungen Jahren, war das Trial-Radfahren, also das Überwinden von Hindernissen. Als Leistungssportler nahm ich im In- und Ausland an Wettkämpfen teil, später organisierte ich Showveranstaltungen und gründete meine erste eigene Firma. Ich war einer der Treiber bei der Einführung der Disziplin Mountainbike an der Sportschule Magglingen und entwickelte ein Verkehrssicherheits- und Suchtpräventionsprojekt für die Oberstufe, einen Verkehrsunterricht ohne Mahnfinger. Später wurde ich dank einem Auftrag der Expo.02 zum Veloverleiher mit 20 Mitarbeitenden. Ich machte eigentlich immer, was sich zufällig ergab und gut anfühlte, alles mit der Haltung: Eines Tages werde ich einen richtigen Job haben. Dann feierte ich plötzlich meinen 40. Geburtstag und realisierte: Die Hälfte des Erwerbslebens ist jetzt vorbei, und ich bin noch immer nirgends angestellt.

Wie kamen Sie mit der Schifffahrt in Berührung?
Ich verkaufte meine Firma, weil grosse Player in das Veloverleihgeschäft eingestiegen waren und weil ich als Kleinunternehmer so viel arbeitete, dass ich kaum noch Zeit fürs Velofahren hatte. Ich entschied mich, ein einjähriges Sabbatical zu machen, um Klarheit zu gewinnen über meine künftige Tätigkeit. Da tauchte das Bild auf, dass ich mein Büro gerne auf einem Schiff hätte. Ich fand keine solche Gelegenheit, wurde aber auf das Kursschiff Romandie 1 aufmerksam, das in den 50er-Jahren auf dem Murten-, Neuenburger- und Bielersee unterwegs gewesen war und seit 1960 auf dem Hallwilersee verkehrte. Ich ahnte, dass es dort bald ausgemustert werden würde, und teilte den Besitzern mit, dass ich es gerne übernehmen und in sein Heimatgewässer zurückbringen möchte.

«Früher bot es 130 Personen Platz, nach dem Umbau empfangen wir nun Gruppen bis maximal 35 Gäste»: Patrik Bucher über sein Kulturschiff.

Hatten Sie einen Plan, was Sie damit machen möchten?
Ich hatte die Idee, ein edles Salonschiff für Privat- und Firmenkunden mit einem neuartigen Betriebskonzept daraus zu machen. Aber was das im Detail bedeutet, begriff ich erst, als ich das Schiff im November 2009 übernehmen und nach Biel überführen konnte. Mir wurde bald klar, dass es nicht mit ein wenig Kosmetik getan war, sondern dass ich das Schiff komplett zerlegen und wieder neu zusammenbauen musste. So arbeite ich ein Jahr lang auf dem Hafengelände unter einem Vordach daran und anschliessend noch 1,5 Jahre auf dem Wasser, als es schon hier vor Anker lag. Statt eines einjährigen Sabbaticals absolvierte ich eine 2,5 Jahre lange Durchhalteübung, die sich anfühlte wie 17 Bike-Marathons am Stück. Ich war kein gelernter Schiffbauer, aber ich wollte alles selber in der Hand halten und zusammen mit Spezialisten Lösungen finden.

Hat sich die ganze Mühe ausbezahlt?
Ich habe sehr viel Herzblut, Zeit und mein ganzes Erspartes in dieses Projekt gesteckt und war nach den 2,5 Jahren nicht nur erschöpft, sondern auch sehr stolz und glücklich. Früher bot das Schiff 130 Personen Platz, nach dem Umbau empfangen wir nun Gruppen bis maximal 35 Gäste. Es ist alles so eingerichtet, dass Menschen ungezwungen miteinander ins Gespräch kommen und der Genuss im Vordergrund steht. Aber paradoxerweise habe ich mich dann selber ein wenig um die Früchte meiner Arbeit gebracht. Oder anders gesagt: Als ich praktisch fertig war und die ersten Buchungen eintrafen, kam ein Unternehmer auf mich zu und sagte: «Wir haben beobachtet, was du hier tust – einen wie dich könnten wir gut gebrauchen.» Und ich dachte: Jetzt kommt er doch noch, der richtige Job.

Wie sah er aus, dieser Job?
Ich durfte Konzepte für private Kinos entwickeln und umsetzen für gut betuchte Privatkundschaft, in Chalets in Gstaad zum Beispiel oder auf den grössten Jachten am Mittelmeer. Wie bei meinem Schiff ging es darum, die perfekte Symbiose von Ästhetik und Technik zu erreichen. Viele der Kinos sehen ja vor allem bei Tageslicht imposant aus, sobald aber ein Film abgespielt wird, zeigt sich zum Beispiel, dass die schönen roten Plüschsessel das Licht reflektieren und so das Seherlebnis beeinträchtigen. Mit unseren Ingenieuren entwickelte ich ein neuartiges Design- und Lichtkonzept. Aber mein Engagement hatte zur Folge, dass mein eigenes Schiffprojekt zu kurz kam, weil die Wochenenden und Ferien nicht ausreichten für Betrieb und Unterhalt.

«Das Schiff ist ein Wohlfühlort mit hochwertigem Design, beispielsweise einer indirekten Innenbeleuchtung, die gedimmt werden kann.»

Und dann entschieden Sie sich, alles auf eine Karte zu setzen?
Das war ein längerer Prozess. Ich suchte immer wieder nach Anstellungen, die sich mit meinem Projekt hätten vereinbaren lassen, aber mit der Zeit wurde mir klar, dass ich in kein Stellenprofil passte. Und dass mein eigenes Schiff mir die Gelegenheit gibt, sehr unterschiedliche Talente zu leben. Ich bin hier Geschäftsführer, Kapitän, Gastgeber, Manager, Handwerker, Tüftler, Organisator und Dramaturg in einem. Lange hatte ich Zweifel, ob das etwas Rechtes ist, mehr als ein Hobby; ob es trägt, auch finanziell. Vielleicht waren die Zweifel auch deshalb so gross, weil ich so viel reingesteckt habe, weil alles so deutlich meine Handschrift trägt, weil es eben nicht nur ein Job ist, sondern ein Herzensprojekt. Aber nun habe ich mich entschieden, keinen Job mehr zu suchen, sondern meine ganze Energie hier zu kanalisieren.

Neben Hochzeitsfahrten und Kundenanlässen mit Sterneküche bieten Sie auch Trauerfahrten an und sind auch im Winter unterwegs. Ist diese Vielseitigkeit Ihr Markenzeichen?
Ja, so wie ich mich nie in ein enges Jobprofil zwängen mochte, will ich mich auch hier nicht auf eine Sache einschränken. Das Schiff ist aktuell auch ein schwimmendes Labor für modernste Hybrid-Technologie. Es ist ein Wohlfühlort mit hochwertigem Design, beispielsweise einer indirekten Innenbeleuchtung, die gedimmt werden kann und es erlaubt, in der Nacht die Landschaft zu betrachten. Wir sind in der Lage, ganzjährig in fünf Kantonen, auf drei Seen und drei Kanälen zwischen Solothurn und Yverdon respektive Murten ab- oder anzulegen. Wir können an Sommertagen auf der Aare an verborgenen Badeplätzen ankern, mitten in der Nacht auf dem Bielersee Fische angeln und in der Bordküche zubereiten oder in einer Bucht bei ruhendem Motor eine Trauerzeremonie abhalten. Und ich habe eine Crew gefunden, die Erfahrung hat mit First-Class-Service und gerne anspruchsvolle Kundschaft verwöhnt. So habe ich zwar noch immer keine Anstellung, aber die richtige Tätigkeit, bei der ich meine Vielseitigkeit einbringen kann, die habe ich nun gefunden.

Kontakt und Informationen: www.kulturschiff.ch oder office@kulturschiff.ch

Weitere Beiträge finden Sie im «Beruf + Berufung»-Archiv.

Erstellt: 23.11.2019, 15:48 Uhr

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