Interview

«Innovationen brauchen Rebellen im Geist»

Der Experte und Buchautor Beat Hotz-Hart kann sich der Warnung anderer Ökonomen vor einem erlahmenden Entdeckergeist nicht anschliessen. Dabei setzt er vor allem auf die asiatischen Länder.

«Es geht darum, etwas Bestehendes in Frage zu stellen und zu überwinden», sagt Beat Hotz-Hart.

«Es geht darum, etwas Bestehendes in Frage zu stellen und zu überwinden», sagt Beat Hotz-Hart. Bild: Ruben Wyttenback/ 13 Photo

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Big Data und Dritte Industrielle Revolution sind mehr als Schlagwörter. Überfordert uns der rasche Wandel? Ebbt er ab? Beat Hotz-Hart ist die führende Schweizer Autorität auf diesem Gebiet. Zusammen mit Adrian Rohner hat er das Buch «Nationen im Innovationswettlauf» veröffentlicht.

Auf dem Militärflugplatz Dübendorf soll ein Innovationspark entstehen. Ist das eine gute Idee?
Wir sollten diese Chance nutzen. Es geht um mehr als einen grossen Technopark, es geht um ein neues Stadtquartier.

Erstaunlicherweise opponiert ausgerechnet Avenir Suisse, der Thinktank der Wirtschaft, dagegen.
Die Kritik von Avenir Suisse beruht auf einem Missverständnis. Es geht nicht darum, Forschungsinstitute auf die grüne Wiese zu setzen.

Also kein zweites Zürich-West, mit vielen Hochhäusern und wenig Stadtentwicklung?
Es geht darum, ein bunt gemischtes Quartier zu bauen, in dem Hochschulen und private Unternehmen forschen und produzieren, wo aber auch Menschen wohnen, shoppen und ausgehen. Vorbild ist die Stadt Cambridge bei Boston, wo das Massachusetts Institute of Technology rund um den Kendall Square genau dieses Konzept mit grossem Erfolg verwirklicht hat. Das ist ein Generationenprojekt.

Vielleicht ärgert sich Avenir Suisse auch darüber, dass der Innovation so viel Platz eingeräumt wird. Sie ist, wie Sie in Ihrem Buch schreiben, grundsätzlich etwas Rebellisches.
Innovationen brauchen Rebellen im Geist. Wie schon Joseph Schumpeter erkannt hat, ist Innovation stets auch schöpferische Zerstörung. Es geht immer darum, etwas Bestehendes infrage zu stellen und zu überwinden. Innovation ist nicht nur eine technische, sondern auch eine kulturelle Frage.

Können Sie uns das an einem Beispiel erläutern?
Die Energiewende. Technisch gesehen ist sie heute machbar geworden. Der Widerstand dagegen ist hauptsächlich sozioökonomischer und eben auch kultureller Natur. Es handelt sich also um eine Herausforderung an die Innovationsfähigkeit einer Gesellschaft.

Die Schweiz soll sich Deutschland zum Vorbild nehmen und radikal auf erneuerbare Energie setzen?
Die deutsche Energiewende hat für Europa und die Schweiz grosse Konsequenzen. Atomkraft wird sich schon bald wirtschaftlich nicht mehr rechnen. Auch für die Schweiz ist es daher keine ideologische, sondern eine kommerzielle Frage geworden, ob wir mit Atomstrom weiterfahren wollen oder nicht.

Kann die Schweiz darauf hoffen, die deutschen Kinderkrankheiten zu vermeiden?
Es wäre zu hoffen. Der Charme der Schweizer Politik besteht allerdings darin, mit zehn Jahren Verspätung die Fehler der anderen zu wiederholen.

Die Innovationsdiskussion ist derzeit konfus. Einerseits gibt es eine Technoeuphorie mit Big Data, Roboter, etc. Andererseits beklagen renommierte Ökonomen wie Edmund Phelps und Lawrence Summers, dass es viel zu wenig Innovation gebe. Wer hat recht?
In der Telekommunikation und beim Internet reiten wir immer noch auf einer gewaltigen Innovationswelle. Jeder hat erlebt, wie sich unser Alltag und unser Geschäftsleben teilweise radikal verändert haben. Zudem hat sich der internationale Wettbewerb massiv verschärft. Ich bin überzeugt, dass wir noch sehr viel mehr Innovationen sehen werden.

Innovationspessimisten würden einwenden: IT ist ein kleiner Bereich der Volkswirtschaft. Sonst hat sich wenig verändert.
Immerhin sind das sieben Prozent der Wertschöpfung der USA mit Ausstrahlung auf andere Bereiche. In dieser generellen und zugespitzten Form kann ich dem nicht zustimmen. In Asien können wir genau das Gegenteil beobachten. In Ländern wie China oder Korea herrscht eine unglaubliche Dynamik. Die wollen eigene Dinge entwickeln, sie investieren massiv in Forschung und Bildung. Auch die Bereitschaft, ein eigenes Unternehmen zu gründen, ist in Asien viel grösser als im Westen.

Die Asiaten gelten aber eher als begnadete Kopierer denn als grosse Innovatoren.
Das mag bis zu einem gewissen Grad zutreffen. Aber erstens wächst auch in Asien eine neue Generation heran, und zweitens sind etwa die Chinesen äusserst flexibel, wenn es darum geht, sich neuen Marktverhältnissen anzupassen. Es ist absehbar, dass in 10 bis 20 Jahren auch aus China echte Innovationen kommen werden. Die chinesische Führung hat dies explizit zum strategischen Ziel ihrer Wirtschaftspolitik erklärt. Ich würde das ernst nehmen.

Shareholder-Value und Boni für Quartalsgewinne schafften falsche Anreize für Manager und verhinderten so Innovation, lautet eine weitere Erklärung für den mangelnden Innovationswillen der westlichen Wirtschaft. Trifft er zu?
Die Finanzkrise hat gezeigt, dass es zu einer Dominanz der Finanzindustrie über die reale Wirtschaft gekommen ist. Wer mit realer Wertschöpfung Geld verdienen wollte, hatte es schwer. Die Krise hat zudem viel mit Innovationen in der Finanzindustrie zu tun.

Die einzige vernünftige Innovation der Finanzindustrie sei der Bancomat gewesen, sagte einmal Paul Volcker, der frühere Fed-Chef.
Die Finanzindustrie war in den letzten Jahren wesentlich innovativer als Volcker sagt, aber dummerweise hatten viele Innovationen negative Folgen.

Sie stellen in Ihrem Buch fest, dass KMU besonders innovativ sind. Gerade im IT-Bereich sind es oft kleine Unternehmen, welche die Grosskonzerne herausfordern. Verhindert die zunehmende Monopolisierung der Wirtschaft mehr Innovation?
Grossunternehmen steuern die Innovation so, dass sie ihre Geschäftspolitik unterstützt. Sie bringen beispielsweise neue Produkte stückweise auf den Markt, um möglichst viel Mehrwert abzuschöpfen. Die Politik versucht dagegenzuhalten – denken Sie etwa an die Prozesse der EU gegen Microsoft –, aber mit bescheidenem Erfolg.

Welche Rolle spielt der Zufall bei der Innovation? Die gelben Post-it-Zettel oder Viagra wurden zufällig bei der Forschung nach etwas ganz anderem entdeckt.
Zufall kann sehr wichtig sein. Deshalb sind erfolgreiche Innovationssysteme offen, lassen solche Zufälle auch zu und können sie erfolgreich nutzen. Dazu braucht es Flexibilität und Risikobereitschaft.

Kann man Innovation kaufen?
Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen der Höhe der Forschungsausgaben und dem Erfolg eines Unternehmens.

Kaufen deshalb Grosskonzerne lieber innovative Start-ups, anstatt selbst zu forschen?
Arbeitsteilung zwischen Einheiten für Forschung und Entwicklung und solchen für Produktion und Marketing kann eine Strategie sein. Ihr Erfolg hängt allerdings vom jeweiligen Industriebereich ab. Im IT-Bereich können aus Garagenunternehmen sehr rasch Grosskonzerne werden, denken Sie etwa an Apple oder Google. Aber im Pharmabereich oder in der Flugzeugindustrie ist dies kaum möglich. Um ein neues Pharmaprodukt zu entwickeln, rechnet man mit rund einer Milliarde. In der Innovation gibt es daher keinen Königsweg.

Innovationen können unnötig oder gar schädlich sein. Man könnte auch die Nahrungsmittelindustrie nennen. Junkfood etwa macht uns dick und krank.
Welche Innovationen sinnvoll sind und welche nicht, darüber entscheidet der Markt.

Sinnvoll ist, was sich im Markt durchsetzen kann?
So ist es. Man kann einwenden, dies sei der falsche Massstab. Externe Effekte und soziale Kosten werden nicht vollständig oder gar nicht berücksichtigt, und das wäre zu korrigieren.

Einen Wachstumsstopp könnte man auch fordern, weil sonst die Erde vor die Hunde geht.
Entwicklung und Veränderungen finden immer statt. Dass man dabei mehr auf Qualität als auf Quantität achten sollte, ist unbestritten.

Findet Wandel tatsächlich immer statt? Auch heute stellt sich die Frage, ob eine Innovationspause nicht eine gute Sache wäre.
Es gibt Gründe, die für eine Entschleunigung sprechen. Nur: Leider ist eine solche Entschleunigung nicht zu steuern.

Verweist die Abhöraffäre um den US-Geheimdienst NSA auf die besonderen Gefahren, wenn sich staatliche Macht und technischer Fortschritt verbünden?
Dass der totale Überwachungsstaat Einzug gehalten hat, das trifft wahrscheinlich zu.

Schockiert Sie das?
Ja, und wir müssen uns überlegen, was wir dagegen tun können. Aber das dürfte unglaublich schwierig werden. Ich zeige in meinem Buch auf, dass Innovation und staatliche Macht oft Hand in Hand gehen. Denken Sie nur an Darpa, die Forschungsstelle der US-Militärs. Sie dient einzig dazu, die technische Überlegenheit der US-Armee zu sichern. So gesehen ist die Zusammenarbeit des Geheimdienstes und der IT-Konzerne die logische Folge.

Geheimdienste und IT-Konzerne bilden eine potente Kombination. Ist also die These des Niedergangs der USA bloss Geschwätz?
In Asien erwächst den USA auf jeden Fall auch technologisch eine neue Konkurrenz. Zudem haben die Amerikaner auch Schwächen. Zur Innovation gehören gut qualifizierte Fachleute. Das Bildungswesen der Amerikaner produziert zu wenig Fachpersonal.

Wie schlägt sich die Schweiz im Innovationswettbewerb?
Es ist schon fast unheimlich festzustellen: Die Schweiz steht über Jahre sehr gut da. Wir haben nur ein Problem: Auch ein Olympiasieger muss immer wieder trainieren. Die jüngsten Ereignisse der Schweizer Politik stimmen mich eher nachdenklich.

Woran denken Sie konkret?
An die 1:12-Initiative oder an die bevorstehenden Abstimmungen zur Masseneinwanderung. Dahinter steckt eine Geisteshaltung, die gegen die Stärke des Innovationsstandortes Schweiz spricht.

Erstellt: 23.12.2013, 08:37 Uhr

Beat Hotz-Hart
Innovationsexperte und Autor

Beat Hotz-Hart (1948) war bis Mitte 2013 ausserordentlicher Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich und langjähriger Vizedirektor beim Bund, zuletzt beim Bundesamt für Berufsbildung und Technologie. Zusammen mit Adrian Rohner hat er das Buch «Nationen im Innovationswettlauf» veröffentlicht (Springer-Gabler-­Verlag). (pl)

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