«Jeder sollte wissen, wie ein Algorithmus funktioniert»

Digitalisierung und künstliche Intelligenz: Die Berufswelt verändert sich radikal. Zukunftsforscher Georges T. Roos erklärt, wie wir im Jahr 2037 arbeiten werden.

Konkurriert er bald schon Menschen auf dem Arbeitsmarkt? Der Roboter «ARMAR IIIb» im Karlsruher Institut für Technologie.

Konkurriert er bald schon Menschen auf dem Arbeitsmarkt? Der Roboter «ARMAR IIIb» im Karlsruher Institut für Technologie. Bild: Christoph Schmidt/Keystone

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«Roboter werden über ein Drittel unserer Jobs stehlen», «Digitalisierung bedroht 100'000 KV-Jobs»: So und ähnlich klingen viele Horrorszenarien, die in den letzten Jahren durch die Medien geistern. Welche Jobs in welchem Ausmass genau ersetzt werden, bleibt dahingestellt. Klar ist: Die Berufswelt verändert sich radikal. Roboter, 3-D-Drucker und Virtual-Reality-Brillen kommen auch in der Schweiz bereits in vielen Branchen zum Einsatz. Mit der Digitalisierung ändern sich auch die Ansprüche an die Arbeitnehmer.

Zukunftsforscher Georges T. Roos entwickelt Szenarien, wie wir im Jahr 2037 leben und arbeiten. An der Berufsmesse Zürich erklärt er, wie man sich auf die Jobs der Zukunft vorbereiten kann und wie diese dann aussehen könnten.

Welche Fähigkeiten müssen Lehrlinge in Zukunft mitbringen?
Die Fachkompetenzen, die es heute für einen Job braucht, werden auch in Zukunft gefragt sein. Optimalerweise vereint man diese mit Fähigkeiten im Bereich Informatik, insbesondere Programmieren wird wichtig.

Programmieren ist nicht jedermanns Ding. Kommt man auch ohne durch?
Nicht jeder muss Programmierer werden. Aber jeder sollte wissen, wie zum Beispiel ein Algorithmus funktioniert. Programmieren ist wie eine Sprache. Lernen wir sie nicht, leben wir bald in einer Welt, in der wir immer mehr das Gefühl haben, nichts zu verstehen.

Die Angst geht um, dass in der digitalen Zukunft nur noch die Superschlauen Jobs haben werden. Richtig?
Die Ansprüche an Arbeitnehmer steigen klar. Parallel dazu verbessert sich aber auch das Bildungsniveau der Schweizer. 90 Prozent der jungen Menschen im Kanton Zürich haben einen Abschluss auf sekundärer Stufe, viele haben zusätzlich einen Hochschulabschluss. Die Erwerbsbevölkerung entwickelt sich in die richtige Richtung. Ausserdem werden Jobs bleiben, die keine besondere Qualifikation voraussetzen. Die Interaktion mit intelligenten Maschinen könnte viele Tätigkeiten zudem vereinfachen.

Inwiefern?
Angenommen, man ist Hilfskraft im Gartenbau. Wenn dort plötzlich Drohnen und Roboter eingesetzt werden, denen man anordnen kann «Flieg über das Feld» oder «Grab um», braucht es dafür keine hohen Qualifikationen.

Bilder: Herausforderung Digitalisierung

Welche Tätigkeit wird im Jahr 2037 überflüssig sein?
Wenn man ein KV macht mit dem Ziel, Controller zu werden, ist das wohl kein guter Plan. Das wird eine Arbeit sein, die eine intelligente Maschine besser und schneller erledigen kann als ein Mensch. Hier wird es wohl einen grossen Automatisierungsschub geben. Das bedeutet nicht, dass Menschen, die kaufmännisch denken, nicht gefragt sein werden; einfach nicht in dieser Tätigkeit.

Welche Ausbildung lohnt sich auch noch 2037?
Berufe wie Sanitär werden nicht aussterben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwann ein Roboter ins Haus kommt, um meinen tropfenden Wasserhahn zu flicken. Dasselbe gilt im Pflegebereich. Auch hier werden Menschen weiter gebraucht.

Bereiten die Schulen den Nachwuchs genügend für die IT-lastigeren Ausbildungen vor?
Der Lehrplan 21 sieht Informatik als Unterrichtsfach vor. Wenn das mehr beinhaltet, als Excel zu bedienen und Word zu formatieren, sind wir auf dem richtigen Weg. So wichtig finde ich einen nach industriellem Muster erstellten Lehrplan aber nicht.

Wieso?
Die grösste Herausforderung der Zukunft besteht im vernetzten Denken. Um das zu lernen, ist es nicht so wichtig, wie die Fächer zusammengestellt werden. Das Hauptproblem liegt in der Didaktik, also der Wissensvermittlung. Kinder platzen in der Regel vor Neugierde, wenn sie in die Schule kommen. Sie wollen lernen. Wenn sie 12 bis 13 Jahre später abschliessen, sind viele abgelöscht. Das muss man teilweise den Schulen anlasten.

Welchen Karrieretipp geben Sie Ihren eigenen Kindern?
Ich gebe keine Ratschläge, welcher Beruf Zukunft hat und welcher nicht. Man muss das, was man tut, gerne machen – und offen für Veränderungen sein. Man wird den Job, den man mit 18 anfängt, sowieso nicht ein Leben lang ausüben. Das ist eine Illusion. Darum kommt es auch nicht so darauf an, mit welcher Tätigkeit man anfängt.

Die Automatisierung erfordert neue Fähigkeiten: Ein Informatik-Schulungsraum im Glarnerland. Bild: Reto Oeschger

Sondern?
Wichtig ist, dass man beweglich bleibt. Viele werden im Leben einen Zweit- oder Drittjob erlernen und ausüben. Viele werden in 20 Jahren sogar mehrere Jobs gleichzeitig haben.

Das klingt nach extremem Multitasking. Wie soll das funktionieren?
Es wird natürlich nicht so sein, dass man acht Stunden am Tag für einen Arbeitgeber schuftet, um dann für acht weitere Stunden zu einem anderen Job weiterzuziehen. Stattdessen wird es mehr Leute geben, die keinen festen Arbeitgeber haben, sondern eine ganze Reihe an Tätigkeiten ausüben – auf Projektbasis, als Selbstständiger, fest angestellt.

Wie wird ein solcher Arbeitsalltag 2037 aussehen?
Wir werden viel mobiler und dezentraler arbeiten, zunehmend von zu Hause oder in Büroboxen im eigenen Quartier. Treffen werden nur stattfinden, um Prozesse in Gang zu halten oder um gemeinsam an kreativen Projekten zu arbeiten. Die 42-Stunden-Woche ist ein veraltetes Modell, das aus der Industrialisierung stammt. Heute, in Zeiten, in denen wir zu einem grossen Teil Informationsverarbeiter sind, ist dieses nicht mehr adäquat.

Warum?
Auch Arbeitgeber verlangen immer mehr Flexibilität. So können sie ihre Arbeitskräfte besser einsetzen. Überdies kann es abwechslungsreicher und besser vereinbar mit Familie und Hobbys sein, wenn der Arbeitsalltag flexibler ist.

Erstellt: 21.11.2017, 18:35 Uhr

Georges T. Roos

Georges T. Roos ist Zukunftsforscher. Er ist Gründer und CEO des privaten Zukunftsinstituts Roos Trends & Futures in Luzern. (Bild: ZVG)

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